Jahreshöhepunkt der Bayerischen Akademie der Schönen KünsteGötz Aly über die Triebkraft des menschlichen Opportunismus

Lesezeit: 2 Min.

„Wie konnte das geschehen?“, fragt der Berliner Historiker Götz Aly in seinem 2025 veröffentlichten Werk über „Deutschland 1933 bis 1945“.
„Wie konnte das geschehen?“, fragt der Berliner Historiker Götz Aly in seinem 2025 veröffentlichten Werk über „Deutschland 1933 bis 1945“. IMAGO/Sabine Gudath

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste lädt zur öffentlichen Jahresversammlung und zum Akademietag: Höhepunkt ist ein Vortrag des Historikers Götz Aly, es folgen Auftritte von Salome Kammer, Andreas Rebers und August Zirner.

Von Barbara Hordych

SZ bei Google bevorzugen

„Von der Anpassung zur Korruption – Künstler und Künstlerinnen in Hitlers Deutschland“ ist der Vortrag des Berliner Historikers und Geschwister-Scholl-Preisträgers Götz Aly übertitelt, mit dem er am 9. Juli die öffentliche Jahresversammlung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste eröffnet. Darin untersucht er das so häufige Mitwirken der vielen vormals linken oder liberalen bildenden Künstler, Architekten, Schauspieler und Regisseure in dem von Joseph Goebbels geleiteten Kunst- und Kulturbetrieb.

Die beste und einfachste Erklärung für dieses Verhalten führt für Aly zur Kategorie „Gewöhnlicher menschlicher Opportunismus“: zum Streben nach Selbstverwirklichung, materiellen Zwängen oder materieller Gier, zu Ruhmsucht, zum Kampf um öffentliche Anerkennung, Stipendien und Preise, um Aufträge und Engagements. „Klar war es von Vorteil, der NSDAP beizutreten“, erklärte Aly dazu im SZ-Podcast „Auf den Punkt“ im April dieses Jahres: Die NSDAP zog vor allem junge, aufstiegsorientierte Menschen an, die durch die Wirtschaftskrise und Perspektivlosigkeit frustriert waren. Viele traten der NSDAP also aus Opportunismus bei, um beruflich voranzukommen.

Neben der Verleihung des Kunststipendiums der Abteilung Bildende Kunst, des Karl-Rössing-Reisestipendiums und des Stipendiums der Brigitte und Ekkehard Grübler-Stiftung wird auch die Aufnahme der neu gewählten Mitglieder gefeiert. Darunter die Autorin Dana von Suffrin und der Autor Georg M. Oswald. Letzterer war 2021 aus der Akademie ausgetreten, Auslöser war ein Interview, das Akademiepräsident Winfried Nerdinger der SZ gab. Darin äußerte er Verständnis für die Aktion „#Allesdichtmachen“, mit der Schauspielerinnen und Schauspieler die Corona-Maßnahmen pauschal kritisierten. Zu den Akademiemitgliedern, die sowohl den Inhalt als auch den Stil von Nerdingers Aussagen bemängelten und schließlich ihren Austritt erklärten, gehörte auch Oswald, seinerzeit Direktor der Abteilung Literatur in der Akademie.

Der Münchner Autor Georg M. Oswald trat 2021 aus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste aus – jetzt wird er wieder als Mitglied aufgenommen. 
Der Münchner Autor Georg M. Oswald trat 2021 aus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste aus – jetzt wird er wieder als Mitglied aufgenommen.  Gerhard Leber

Am darauffolgenden Tag lädt die 1948 vom Freistaat gegründete Institution, in die lange Zeit nur wenige Frauen aufgenommen wurden, zum Akademietag. Die Stimmsolistin und Schauspielerin Salome Kammer und der Pianist Markus Bellheim gestalten um 16.15 Uhr ein musikalisches Programm zum 75. Todestag von Arnold Schönberg, der mit seiner Zwölftontechnik die Musik des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Um 17.30 Uhr lesen Rainer Bock und Andreas Rebers Texte des Autors und Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925–2005). Literarisch geht es weiter mit „Ich muss meine Zunge küssen, aber ich kann nicht!“, wenn August Zirner Texte von Erich Fried nicht nur liest, sondern dazu auch auf der Querflöte improvisiert.

Alexander Kluges Film „Abschied von gestern“ wird in der Akademie zu sehen sein: Anita G. ist aus der DDR in den Westen gekommen, findet sich aber in der jungen Bundesrepublik nicht zurecht. Gespielt wird sie von Alexandra Kluge, der Schwester des Filmemachers.
Alexander Kluges Film „Abschied von gestern“ wird in der Akademie zu sehen sein: Anita G. ist aus der DDR in den Westen gekommen, findet sich aber in der jungen Bundesrepublik nicht zurecht. Gespielt wird sie von Alexandra Kluge, der Schwester des Filmemachers. ZDF/Kairos Film

Den „teuren Toten“ widmet sich der Dramaturg Matthias Günther, wenn er seine persönlichen Nachrufe auf Robert Wilson, Cees Nooteboom, Alexander Kluge und Mario Adorf zu Gehör bringt. Ein filmischer Schwerpunkt ist darüber hinaus dem in diesem Frühjahr verstorbenen Filmemacher Kluge gewidmet. Gezeigt wird unter anderem sein Spielfilmdebüt „Abschied von gestern“, das zum Klassiker des Neuen Deutschen Films wurde. Darin flieht die junge Ostdeutsche Anita G., Jüdin, von „drüben“ in den Westen. Mit ihrem Koffer in der Hand lernt sie bei Begegnungen mit seltsamen Menschen ein seltsames Land kennen: die BRD des Jahres 1966. Der Film fängt anhand fast dokumentarischer Szenen groteske Momente des Alltags ein, kulminiert in dem zentralen Satz: „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage.“

Öffentliche Jahreshauptversammlung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Donnerstag, 9. Juli, 17 Uhr, im Plenarsaal der Bayer. Akademie der Wissenschaften, Alfons-Goppel-Straße 11; Akademietag, Freitag, 10. Juli, 16–22 Uhr, in den Räumen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, jeweils Eintritt frei. Infos unter www.badsk.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Kulturelles Empowerment
:Ihr Traum vom ersten Theater in Ruanda

Die Autorin und Regisseurin Odile Gakire Katese will in ihrer Heimat Ruanda ein Theater bauen, das ein sicherer Ort für Frauen und Mädchen ist und Traditionen pflegt. Unterstützung könnte aus Bayern kommen.

SZ PlusVon Anna Steinbauer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: