bedeckt München
vgwortpixel

Bauprojekt:Planen und protestieren

In der Siedlung Ludwigsfeld wächst der Widerstand gegen die Nachverdichtung. Bei einer Infoveranstaltung wird deutlich, dass viele Bürger befürchten, von den Investoren vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden

Als die Informations- und Dialogveranstaltung beginnt, steht ein Mann mit einem Plakat in der Hand hinter den Stuhlreihen im Karlsfelder Bürgerhaus. "Verdichtung = Vernichtung" ist darauf zu lesen, und die Worte geben ziemlich gut die Stimmungslage eines Großteils der mehr als 100 Besucher aus der benachbarten Siedlung Ludwigsfeld wieder. Eingeladen haben die Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld, die die Eigentümer der Siedlung sind, und die Ludwigsfelder Grund und die Projektgesellschaft PG Granatstraße 12, beide Besitzer umliegender potenzieller Baugrundstücke, sowie das Planungsreferat der Stadt München. Anlass ist das Vorhaben, die beschauliche Siedlung Ludwigsfeld aus den Fünfzigerjahren mit ihren etwa 650 Wohnungen zu verdichten und zu erweitern.

Im Juli fasste der Münchner Stadtrat den Grundsatzbeschluss, ein Strukturkonzept für ein 32 großes Hektar großes Areal in Ludwigsfeld auszuarbeiten. Bis zu 2100 neue Wohnungen könnten dort entstehen, mehr als dreimal so viele wie in der alten Siedlung. Teil des Beschlusses war die Auflage, die Bürger frühzeitig zu beteiligen. Derzeit sei noch offen, wie viele neue Wohnungen entstehen könnten, betonen sowohl Vertreter der Eigentümer wie auch Katja Strohhäker, die bei der Stadt mit dem Strukturkonzept betraut ist.

Bürgerdialog

Auf große Stellwände notieren die Bürger ihre Fragen und Wünsche.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Über die ersten Schritte zur Beteiligung der Bewohner Ludwigsfelds, nämlich die Verteilung von 1000 Fragebögen in der Siedlung und vier Rundgänge im Sommer, informiert zu Beginn Daniel Schreyer. Er ist Vertreter des Büros Hendricks und Schwartz, das den Dialogprozess moderiert. 150 Fragebögen kamen zurück: Parken, Nahversorgung, Verkehrsanbindung und soziale Infrastruktur wurden dabei am häufigsten als Themen genannt, die angepackt werden müssten. An den Rundgängen nahmen circa 120 Interessenten teil, die dabei eine Menge Fragen stellten.

Allerdings erhielten diese Bürger meist nicht die erhofften Antworten, wie viele Besucher im Bürgerhaus nun beklagten. "Auf viele Fragen gibt es noch keine Antwort, denn es gibt noch keine einzige Planung", sagt Eigentümer-Vertreter Gert Billand. Noch gehe es lediglich um Flächen, über Wohnungen sowie den Standort und die Höhe von Gebäuden könne sie noch nichts sagen, sagt auch Katja Strohhäker. Sie hofft aber, dass es gelingt, bei den Gegnern des Projekts Vertrauen zu wecken.

Bürgerdialog

Später haben die Bürger im Gespräch an den Tischen die Chance, in den Dialog mit Stadt und Investoren zu kommen. Moderator Daniel Schreyer (rechts) vermittelte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das dürfte schwerfallen, wenn die Besucher der Dialogveranstaltung repräsentativ für die Ludwigsfelder Bevölkerung sein sollten. Denn schon vor der Tür haben Kritiker einen Informationstisch aufgebaut, an dem sie Unterschriften gegen das Vorhaben, vor allem gegen die geplante Verdichtung, sammeln. Und tatsächlich scheint es so zu sein, als gehe kaum jemand in den Saal, der nicht vorher seinen Namen auf die Liste gesetzt hat. Auch drinnen, wo während des zweieinhalbstündigen Infomarkts 25 Experten Rede und Antwort stehen über Themenbereiche von Mobilität und Lärm über soziale Infrastruktur und Grünflächen bis zur Historie der Siedlung, die auf einem Außenlager des KZ Dachau entstand, sind eher kritische Stimmen zu hören. Die Bürgerbeteiligung sei doch nur ein Feigenblatt, wird geraunt. Es stehe ja längst alles fest, vermuten andere.

Gleich in der ersten Wortmeldung im Plenum, für das eine Stunde eingeplant war, das aber weit mehr als doppelt so lang dauerte, setzt Petra Grünwald von der Interessengemeinschaft Ludwigsfeld (Iglu) den ersten kritischen Ton: Man habe den Daten bisher immer hinterherlaufen müssen, und sie befürchte, das werde sich beim nächsten Schritt, dem Eckdatenbeschluss, auch nicht ändern. Strohhäker kündigt an, dass es gelte, das bisher Vorliegende auszuwerten und verschiedene Szenarien durchzuprobieren. "Das wird ein langer Prozess", sagt sie, aber vor dem Beschluss würden die Bürger erneut beteiligt. Eine Frau schneidet dann ein Thema an, das den Schwerpunkt der weiteren Diskussion bilden wird. Sie hätte gerne Einblick in die Gutachten, denn sie habe nie gesehen, dass dafür etwa Verkehrszählungen durchgeführt worden seien. Ein Mann möchte wissen, warum die Expertisen als Grundlage für das Strukturkonzept nicht von der Stadt in Auftrag gegeben wurden.

Mit der Aussage von Strohhäker, dass die Gutachten alle von Fachleuten der Stadt "gegengeprüft" worden seien, sind dennoch nicht alle zufrieden. Eberhard Sommer von Iglu etwa erinnert daran, dass der Verkehr schon seit 20 Jahren ein Problem sei. Für ihn ist daher "fraglich, wie es durch mehr Bebauung besser werden soll". Petra Grünwald reicht auch die Aussage der Eigentümer nicht, dass Zusammenfassungen der Gutachten auf deren Homepage www.ludwigsfeld-im-dialog.de zu finden seien. Auf die Weigerung der Investoren, diese Schriftstücke komplett herauszugeben, weil diese für Laien nicht verständlich seien, kontert sie: "Wir haben Fachleute." Die Antwort von Investoren-Vertreter Christoph Jaenicke: "Warum haben Sie die dann nicht mitgebracht?" Im Saal daraufhin spürbar: Vertrauen schaffen funktioniert anders.