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Bauarbeiten:U 3 fährt monatelang nicht mehr zwischen Scheidplatz und Münchner Freiheit

Gleisbauarbeiten bei der Münchner U-Bahn, 2011

Vor einigen Jahren ließen die Stadtwerke im Tunnel unter der Lindwurmstraße mehrere Gleise ersetzen. Die Strecke von U 3/6 war lange Zeit gesperrt. Nun droht im Münchner Norden ähnliche Unbill.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Gleise auf der U-Bahn-Linie müssen erneuert werden, die MVG stellt Ersatzbusse zur Verfügung.
  • Fahrgastvertreter halten das Ausmaß für "nicht wirklich nachvollziehbar", vor allem ärgert sie, dass die Bauarbeiten während der Wintermonate stattfinden.

Von Marco Völklein

Es wird eine der längsten Vollsperrungen im Münchner U-Bahn-Netz seit Jahren: Von diesem Montag an steht auf dem Nordabschnitt der U 3 zwischen Münchner Freiheit und Scheidplatz der Betrieb komplett still - und das für ganze 22 Wochen, also bis Ende März 2017. Der U-Bahnhof am Bonner Platz wird komplett vom Netz abgekoppelt, Ersatzbusse sollen zwischen Münchner Freiheit und Scheidplatz pendeln.

Für Andreas Nagel von der Aktion Münchner Fahrgäste ist das Ganze "nicht wirklich nachvollziehbar". Die Nahverkehrsnutzer würden massiv beeinträchtigt. Und dass die Planer der Stadtwerke und deren Verkehrstochter, der MVG, die Baustelle ausgerechnet für die Wintermonate angesetzt haben, findet der Fahrgastvertreter "mehr als ärgerlich".

Tatsächlich hatte die Baustelle im Sommer, als die SZ erstmals über die Pläne berichtet hatte, auch im Rathaus zu einer Menge Ärger geführt. So forderte die SPD-Fraktion, die Bauarbeiten auf die Sommermonate zu verschieben. Dann sei erfahrungsgemäß in der U-Bahn weniger los - und die Pendler könnten auch aufs Fahrrad umsteigen. Die CSU fragte, ob die geplante Komplettsperrung wirklich notwendig sei. Und auch die Grünen wünschten sich eine Auflistung mehrerer Bau-Varianten, um beurteilen zu können, ob ein solcher Eingriff wirklich notwendig sei.

Aus Sicht der MVG allerdings führt kein Weg an den 22 Wochen Stillstand auf der Strecke vorbei. Der Abschnitt zählt zu den ältesten im Münchner Netz, er wurde im Mai 1972 kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Betrieb genommen. Über die Strecke lief ein Großteil des Verkehrs zu den damals neu errichteten Wettkampfstätten auf dem Oberwiesenfeld.

Nach mehr als 45 Jahren muss mehr oder weniger alles raus, was die Gleis- und Anlagenbauer damals in den Tunnel geschafft hatten: Schienen, Schwellen und Schotter, sämtliche Kabel und Signale sowie die seitlich angebrachten Schienen zur Versorgung der Züge mit elektrischem Strom. Abtransportieren müssen die Arbeiter laut MVG etwa 4400 Tonnen Schotter, fast neun Kilometer Schienen und 3300 Schwellen. Außerdem werden zwei Weichen erneuert.

Solch umfangreiche Bauarbeiten könne man nur bewerkstelligen, wenn man die Strecke komplett sperrt, sagt der scheidende MVG-Chef Herbert König, der an diesem Montag in den Ruhestand geht. Die Baufirmen benötigten schlicht den Platz zum Arbeiten und für die aufwendige Logistik, um die Arbeiten binnen 22 Wochen abzuschließen. Andernfalls würde die Bauzeit doppelt so lange dauern - und die damit verbundenen Behinderungen für die Fahrgäste eben auch, heißt es bei der MVG.

Dennoch sind Fahrgastvertreter sauer. Nagel hätte sich zum Beispiel gewünscht, dass die MVG einen Ersatzverkehr mit Trambahnen organisiert. Schließlich liegt in der Parzivalstraße nördlich des Bonner Platzes ein Gleis, über das die 23er-Trams jeden Morgen ausrücken zur Strecke in die Parkstadt Schwabing. Dieses sei allerdings nur als Betriebsgleis genehmigt, argumentiert die MVG. Ein Fahrgastbetrieb sei deshalb dort nicht möglich. Die Bauarbeiten in die Sommermonate zu verschieben, sei auch nicht drin - die Ersatzbusse würden in der warmen Jahreszeit benötigt, um Bauarbeiten am Tramnetz durchzuführen. "Wir bauen dort, wo wir bauen können", heißt es bei den MVG-Planern. "Und das ist witterungsbedingt bei der Trambahn im Sommer und bei der U-Bahn im Winter."

Ohnehin werden sich die U-Bahn-Fahrgäste auf Baustellen wie die am Bonner Platz in Zukunft vermehrt gefasst machen müssen. Denn eigentlich zwickt und zwackt es fast überall im Münchner Untergrund; viele Strecken müssen saniert, U-Bahnhöfe abgedichtet oder die Leit- und Sicherungstechnik in den Stellwerken und entlang der Trassen auf den neuesten Stand gebracht werden. Gerade haben die MVG-Planer die vorläufige Baustellenplanung für das kommende Jahr fertiggestellt: Sie weist aktuell bereits 3500 Einzelmaßnahmen auf, die allein bei der U-Bahn anstehen.

Da sind natürlich auch viele kleinere Bauarbeiten dabei, aber auch umfangreichere Sachen wie etwa der Großumbau des Sendlinger Tors, der im kommenden Jahr in die heiße Phase gehen wird. Diese Baustelle wird sich nicht nur auf die Fahrgäste im Untergrund auswirken, sondern auch auf Fußgänger, Rad- und Autofahrer an der Oberfläche. So ist geplant, dass von Sommer 2017 an der Verkehr vom Stachus kommend zunächst über Nußbaumstraße und weiter über eine Behelfsfahrbahn vor der Matthäuskirche vorbeigeführt wird. Dort, wo jetzt noch die Autos in Richtung Viktualienmarkt rollen, wollen die Stadtwerke dann eine Baufläche einrichten.

Ein weiteres Problem, das die Ingenieure plagt, ist das Tausalz des städtischen Winterdienstes, das in einige U-Bahnhöfe eindringt und dort an den Bauwerken nagt. Zuletzt wurden schon einige Stationen saniert, weitere sieben allerdings stehen auf der Liste der Ingenieure - unter anderem die Bahnhöfe Thalkirchen, Heimeranplatz, Stiglmaierplatz, Schwanthalerhöhe und Georg-Brauchle-Ring. Wann genau diese Bauwerke angegangen werden, ist noch offen. "Termine und Reihenfolge stehen noch nicht fest", erklärt die MVG.

Klar ist bislang nur: Das alles wird Unsummen an Geld verschlingen. So werden allein auf der Baustelle im Nordabschnitt der U 3 in den kommenden 22 Wochen etwa zehn Millionen Euro verbaut. Insgesamt rechnen die Stadtwerke mit einem Investitionsbedarf von 2,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025; darin enthalten sind aber neben den Ausgaben für die Instandhaltung der Infrastruktur auch Ausgaben für neue U- und Trambahnen.

© SZ vom 31.10.2016/imei
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