Bauabschnitt "Weideninsel" Das freie Spiel der Isar

Die Renaturierung der Isar erreicht die Innenstadt. Doch das Finale vor dem Deutschen Museum verzögert sich um ein Jahr.

Von Michael Ruhland

Die Kamera sitzt wie in einem Horst weit oberhalb des Flusslaufes. Im fünfminütigen Turnus liefert sie Bilder von den Isarwiesen, am Horizont ist das Heizkraftwerk Süd zu sehen. Seit ein paar Tagen ist Bewegung in die von Eis und Schnee erstarrte Szenerie gekommen.

Die Isar verändert sich: Südlich der Reichenbachbrücke wird gegraben.

(Foto: Foto: Rumpf)

Kipplaster haben einen Wall aufgeschüttet, Bagger graben sich in das Steilufer der Isar zwischen Reichenbach- und Wittelsbacherbrücke. Das kanalartige Flussbett wird aufgeweitet, schon in ein paar Monaten laden auch hier flache Kiesufer zum Verweilen ein.

Mitten zwischen den beiden Brücken wird eine Insel entstehen, die als Rückzugsraum für Vögel und Kleintiere gedacht ist - Betreten für Menschen (und Hunde) verboten. Zugleich lässt sich dadurch eine Baumgruppe aus Weiden retten, um deren Erhalt die Jahre zuvor zwischen Bezirksausschüssen, Stadt und Freistaat gestritten wurde. Am Ostufer des neuen Seitenarms der Isar platzieren die Wasserbauer große Sitzquader, die amphitheaterartig angeordnet werden.

Seit neun Jahren läuft das Projekt Isarplan nun schon, und die Landschaft, die inzwischen zwischen der Großhesseloher und Wittelsbacher Brücke entstanden ist, versetzt die ansonsten alles andere als harmonisch geltenden Partner Stadt und Freistaat gleichermaßen in Verzückung. Eigentlich ging es bei dem 30 Millionen Euro teuren Projekt zuvorderst um den besseren Schutz vor Hochwasser.

Doch die Isarplaner bauten zwei weitere Ziele in das Konzept mit ein: Sie wollten der Isar wieder mehr den Charakter eines Wildflusses geben und gleichzeitig den Menschen den Zugang zum Ufer erleichtern. Der Fluss sollte im Wortsinne erlebbar werden. Den besten Beweis, dass der Plan aufgegangen ist, liefern die Münchner selbst. An schönen Wochenende gleichen die Isarwiesen einem großen Abenteuerspielplatz.

Bis es im aktuellen Bauabschnitt soweit ist, sind ein paar knifflige Aufgaben zu lösen. "Wir müssen jede Baggerschaufel von einem Geologen und einem Kampfmittelexperten begutachten lassen", berichtet Daniela Schaufuß, Projektleiterin Isarplan im städtischen Bauamt. Denn in den Hochwasserwiesen lagern Tonnen von Kriegsschutt, der je nach Zusammensetzung auf unterschiedliche Deponien muss. Nur leicht belastetes Material wird zum Beispiel in Lärmschutzwällen verbaut.

Wenn Mitte Juni Landschaftsgärtner Blumen und Kräutersamen in den neu gestalteten Isarwiesen aussäen, hat die Renaturierung fast ihren Endpunkt erreicht - zumindest geographisch. Am Corneliuswehr, von dem die "Kleine Isar" abzweigt, ist definitiv Schluss. Denn nördlich des Deutschen Museums fehlt schlichtweg der Platz für einen freieres Spiel der Isar.

Schon jetzt zeichnet sich aber ab, dass sich das Finale des Isarplanes um ein Jahr auf 2011 verzögern wird. "Die Planungen werden nicht rechtzeitig fertig", sagt Matthias Junge, Pressesprecher beim Wasserwirtschaftsamt München. Das Corneliuswehr ist aus Sicht der Wasserbauer äußert kompliziert: Seit mehr als einem Jahr untersuchen Wissenschaftler der TU München an einem Modellversuch in Obernach am Walchensee, wie sich die Umbauten an der Isar auf das Flusssystem auswirken. Die "Kleine Isar" gilt als Biotop, und ihr steht nach zähen Verhandlungen zwischen Behörden und Interessensgruppen eine garantierte Menge Wasser zu.

Nun transportiert die Isar gerade bei Hochwasser eine Menge Kies und Sand. Das Geschiebe soll sich möglichst nicht an dieser Stelle ablagern und den Zufluss verstopfen. Die Folge wäre ein "hoher Gewässerunterhalt", wie Junge das nennt; also hohe Kosten, um das Material wieder herauszubaggern.

Zudem erwartet der Pressesprecher, dass sich die Bezirksausschüsse in die Planungen des letzten Bauabschnittes noch "mächtig einspreizen" werden. Hier prallen seit jeher entgegengesetzte Interessen aufeinander. Die einen wünschen sich eine möglichst wenig gegängelte Freizeitnutzung, die anderen fürchten eine zusätzliche Lärmbelästigung für die Anwohner.

Bald, erzählt Junge, werde die Webcam auf dem Turm des Deutschen Museums für die Öffentlichkeit im Netz freigeschaltet. Dann kann jeder Bild für Bild verfolgen, wie sich die Isar verändert.

Plantschen in der Innenstadt

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