Wenn es um den barrierefreien Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in München geht, hat Thorsten Zinsmeister eine klare Meinung: „Es könnte durchaus schneller gehen.“ Zinsmeister ist Rollstuhlfahrer und im Behindertenbeirat engagiert. Er kennt sämtliche Tücken, mit denen Menschen mit Behinderungen im ÖPNV täglich zu kämpfen haben, ob es ausgefallene oder fehlende Aufzüge sind oder Probleme beim Einsteigen in Busse und Bahnen. Frühere Planungen im ÖPNV haben oft nicht die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen berücksichtigt, bis heute sind längst nicht alle Haltestellen und Bahnhöfe barrierefrei erreichbar. Dieses Versäumnis zu korrigieren, kostet viel Zeit.
Bei den Bushaltestellen zum Beispiel wird seit 22 Jahren umgebaut. Insgesamt gibt es in München derzeit 1023 Bushaltestellen, teilt das Baureferat mit. Davon sind 364 vollständig und 84 teilweise barrierefrei ausgebaut, das entspricht etwa 44 Prozent aller Halte. Teilweise bedeutet, dass mindestens eine Haltekante nicht barrierefrei ausgebaut ist. Bei den mehr als 180 Haltestellen der Trambahn hat das Umrüsten allerdings erst begonnen. Die ersten komplett barrierefreien Halte sind an der Linie 25 entstanden. Aktuell verfügen neun Halte über einen niveaugleichen Einstieg, drei sind derzeit in Bau.

Die 100 U-Bahnhöfe sind inzwischen alle barrierefrei. Das Problem, dass Rollstühle mit ihren Rädern in den Spalten zwischen Bahnsteig und alten Fahrzeugen hängen bleiben können, hat die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) diesen Februar mit neuen Faltrampen für die Züge des Typs B gelöst. Die ganz alten A-Wagen werden dieses Jahr ausgemustert und in Absprache mit dem Behindertenbeirat deshalb nicht mehr nachgerüstet.
Von den 150 Stationen der S-Bahn sind nach Angaben der Deutschen Bahn (DB) zurzeit mehr als 90 Prozent stufenfrei per Rampe oder Aufzug erreichbar. An etwa drei Viertel aller Stationen ist wegen passender Bahnsteighöhe auch ein niveaugleicher Ein- und Ausstieg in die Züge möglich, aktuell laufen für 20 Stationen bereits Planungen oder Bauarbeiten für einen stufenfreien Zugang und höhere Bahnsteige. Auch am Rosenheimer Platz sind die Aufzüge seit Anfang März wieder in Betrieb. Am Bahnhof Laim, der für Menschen mit Behinderungen seit längerer Zeit ein Ärgernis ist, ist derzeit nur der S-Bahnsteig stadtauswärts mit einem Aufzug erreichbar, von Sommer an seien aber wieder die Züge in beide Richtungen barrierefrei erreichbar, verspricht die DB.
Thorsten Zinsmeister wohnt in Laim, und für ihn ist der dortige S-Bahnhof ein einziges „Drama“, auch wegen der beengten Laimer Unterführung, wo es immer wieder zu Konflikten mit Radlern kommt. Die Barrierefreiheit ist ein weites Feld, und Zinsmeister fallen diverse spezielle Hürden ein, die es bei Trambahnen, Bussen und S-Bahnen immer noch gibt, die den meisten Fahrgästen ohne Behinderung nicht bewusst sind. Die Hublifte der Straßenbahnen etwa seien störungsanfällig, vor allem im Winter, wenn sie verschmutzt sind, sagt der Rollstuhlfahrer. Und Busse müssten an barrierefreien Haltestellen so halten, dass das Blindenleitsystem die Sehbehinderten zur Vordertür leitet. Für Rollstuhlfahrer, die an der zweiten Tür einsteigen, stehe an manchen Haltestellen beim Einsteigen mit Rampe dann aber das Bushäuschen im Weg. „Das ist dämlich gelöst“, sagt Zinsmeister.
Bei den S-Bahnen klappe der Einstieg ganz gut, doch da gebe es eben das Problem mit ausfallenden Aufzügen, sagt Zinsmeister, aber das betreffe nicht nur die S-Bahn, sondern auch die U-Bahn. Die DB beziffert die Zuverlässigkeit ihrer „Höhenfördertechnik-Anlagen“, zu denen sowohl Lifte als auch Rolltreppen zählen, mit über 95 Prozent, die Lifte der MVG laufen zu mehr als 98 Prozent, die Rolltreppen zu etwa 96 Prozent. Das klingt nach einem guten Wert, doch jeder einzelne defekte Aufzug ist für Menschen mit Behinderungen jedes Mal aufs Neue ein Ärgernis. Da hilft es dann nur, sich vorab über den Zustand der Anlagen zu informieren, dafür den stehen die Seiten MVG Zoom (über mvg.de) und bei der DB die Bahnhofsuche auf bahnhof.de zur Verfügung.
Auf die Frage, welche Schulnote er der Barrierefreiheit in München geben würde, meint Thorsten Zinsmeister: „Drei bis vier.“
Ein konkretes, aktuelles Beispiel verdeutlicht, warum der barrierefreie Ausbau so lange dauert. Seit einigen Tagen ist im Schlachthofviertel ein Abschnitt der Thalkirchner Straße gesperrt, das Baureferat baut gerade die östliche Seite der Bushaltestelle Ehrengutstraße barrierefrei um. Acht Wochen dauert dieser Umbau, künftig sollen auch Rollstuhlfahrende und Menschen mit Rollatoren niveaugleich in die Busse einsteigen können, ohne dass die Fahrerin oder der Fahrer die Rampe am Einstieg ausklappen muss.

Laut Baureferat ist es nicht damit getan, einfach nur den Bordstein anzuheben. Stattdessen sind mehrere Arbeiten zu erledigen: Da wäre etwa der Ausbau der Fahrbahn für eine sogenannte halbstarre Decke. Das ist eine Kombination aus Asphalt und Beton, die einen höheren Widerstand gegen bleibende Verformung bietet. „Diese Bauweise stellt bei der Planung und Herstellung eine erhöhte Sorgfaltspflicht an die am Bau Beteiligten“, teilt eine Sprecherin des Baureferats mit. Zudem sei die Aushärtungszeit dieser halbstarren Decke bis zur Befahrbarkeit durch den Bus länger als bei reiner Asphaltbauweise. Dann müsse die Straßenentwässerung angepasst, danach eine neue Wartehalle samt Betonfundament und Stromanschluss gebaut werden.
Letztlich stünden Pflasterarbeiten und der Einbau der taktilen Leitstreifen an. Das kostet etwa 150 000 Euro, je nach Aufwand und Größe einer Haltestelle kann ein Umbau laut Baureferat aber auch deutlich teurer werden und auch länger dauern. Und es wird noch Jahre dauern, bis wirklich alle Haltestellen umgebaut sind, bei denen dies möglich ist. Bei der Tram wird es wohl 2050 werden, schätzt das Mobilitätsreferat.

