Lesung:Schreiben heißt wiederfinden

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Lesung: Einem "verschämten Judentum zu entkommen", darum geht es Barbara Honigmann in ihrem Leben und Werk.

Einem "verschämten Judentum zu entkommen", darum geht es Barbara Honigmann in ihrem Leben und Werk.

(Foto: Peter-Andreas Hassiepen/Hanser)

Die Schriftstellerin Barbara Honigmann wird mit dem Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern ausgezeichnet und liest und spricht in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste - nicht nur über ihren jüngsten Band "Unverschämt jüdisch".

Von Antje Weber

Das jüngste Buch von ihr, "Unverschämt jüdisch" (Hanser), versammelt vor allem Texte, die anlässlich von Preisverleihungen entstanden sind. Und es sind viele Preise, die Barbara Honigmann bisher bekommen hat, vom Ricarda-Huch-Preis bis zum Jean-Paul-Preis 2021 des Freistaats Bayern für ihr Lebenswerk. Die offizielle Preisverleihung zu diesem Anlass, pandemiebedingt verschoben, wird nun nicht-öffentlich am 18. Mai in Schloss Nymphenburg nachgeholt - und sicherlich für eine weitere kluge Dankesrede sorgen. Außerdem wird Barbara Honigmann, diesmal öffentlich, am nächsten Abend bei einer Lesung samt Gespräch mit Rachel Salamander und Wolfgang Matz in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu erleben sein. Und auch dabei wird sicherlich einmal mehr deutlich werden, dass das Werk dieser Erzählerin und Chronistin, wie die Jean-Paul-Jury urteilte, " von großer Relevanz für die deutschsprachige Literatur" ist.

Das komplexe Thema jüdische Identität hat Barbara Honigmanns Leben und Werk geprägt. 1949 wurde die Schriftstellerin, die seit den Achtzigerjahren in Straßburg lebt, in Ostberlin geboren. Ihre Eltern waren als Holocaust-Überlebende im britischen Exil "relativ Verschonte", wie sie schreibt, sie selbst zählt sich zur sogenannten zweiten Generation der Nachgeborenen. In Ost-Berlin aufzuwachsen, wo die Eltern nach dem Krieg eine kommunistische Gesellschaft mit aufbauen wollten, war nicht einfach; die Hoffnung, dort dem Antisemitismus zu entkommen, erwies sich als Illusion. Umso wichtiger wurde es für Barbara Honigmann in ihrem Leben, einem "verschämten Judentum zu entkommen". Der Titel "Unverschämt jüdisch" trifft daher den Kern ihres Schreibens: Seit ihrer Jugend ringe sie damit, so Honigmann im Vorwort, "mein Judentum, in das ich hineingeboren wurde, un-verschämt zu leben und schließlich, erwachsen geworden, auch so davon zu sprechen, zu erzählen, zu schreiben".

Barbara Honigmann hat dies in vielen Erzählungen und Romanen getan, von "Roman von einem Kinde" über "Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball" bis zu "Georg". Und hat in ihren Reden und Essays herausgearbeitet, was das Schreiben für sie bedeutet: "Schreiben heißt ja wiederfinden", formuliert sie in Anlehnung an den von ihr ebenso wie Bertolt Brecht verehrten Max Frisch. "Die verlorene Zeit zum Beispiel oder sich selbst." Wie auch Frisch misstraut sie überdies aller ideologisch aufgeladenen Literatur, die behauptet, Antworten geben zu können, "statt zu fragen, zu klagen, zu suchen, zu beschreiben, zu beunruhigen". Denn das sei es, so Honigmann, "was die Literatur zu leisten hat, nicht mehr und nicht weniger".

Im Gespräch mit Barbara Honigmann, Donnerstag, 19. Mai, 19 Uhr, Bayerische Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, Eintritt frei

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