Kritik:Bei Anruf Klang

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Barbara Hannigan singt und dirigiert Poulencs "La Voix humaine" - gleichzeitig.

Von Michael Stallknecht, München

Eine Frau, allein am Telefon mit dem Mann, von dem sie sich getrennt hat. Sie lügt, wie gut es ihr geht, muss dann gestehen, dass sie einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Mit "La Voix humaine" schuf Francis Poulenc 1958, auf einen älteren Text von Jean Cocteau, ein dreiviertelstündiges Monodram für Sopran und Orchester über die menschliche Einsamkeit - und den Zwiespalt technisch vermittelter Kommunikation. Barbara Hannigan stellt dem in der Isarphilharmonie eine andere Klage über verlorene Heimat voran, die "Metamorphosen" von Richard Strauss für 23 Solostreicher aus dem Jahr 1945. Doch die Kanadierin ist nicht nur Dirigentin, sondern auch Sängerin. Dass sie beides manchmal gleichzeitig tut, macht sie zu einer Virtuosin der ganz eigenen Art, auf die Spitze getrieben in dem Projekt, mit dem sie derzeit bei diversen Orchestern unterwegs ist: Hannigan verkörpert die Frau in "La Voix humaine" und dirigiert gleichzeitig die groß besetzten, klangsensibel spielenden Münchner Philharmoniker.

Wie das geht? Eine Videoleinwand zeigt sie in Echtzeit von vorn, verdoppelt sie gelegentlich, fokussiert die Augen oder den Mund. Während Hannigan die Dirigiergesten in Gesten der Figur verwandelt und umgekehrt, Einsätze auch mal nur mit dem Kopf oder mit Faustschlägen gegen den imaginären Ex gibt. Dass ihre Stimme dabei leicht verstärkt werden muss, nutzt sie zugleich, um sie dem täglichen Geplauder anzunähern, in ein elegantes Parlando von bestechend französischer Diktion zu überführen.

Das Ergebnis ist eine aberwitzig zirzensische Nummer, die dennoch Poulencs Werk dient: Hannigan übersetzt das Telefondrama ins Zeitalter des Videotelefonats, das auch keine echte Nähe herstellt, wie wir alle spätestens seit zwei Jahren wissen. Wenn sie sich dann dennoch einmal zum Publikum umdreht, das Orchester sich selbst überlässt, sind das Momente berührender Wahrhaftigkeit, die daran erinnern, wie sehr auch bei Skype oder Zoom der Eindruck täuschen kann.

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