Süddeutsche Zeitung

Bar in der Altstadt:Die Spezlwirtschaft kann Drinks und Tradition

Man trinkt und isst hier im angeblich zweitältesten Gebäude der Stadt. Und wer anschließend noch feiern will, muss nur ein Stockwerk tiefer gehen.

Spezlwirtschaft? Da denkt der Bayer an Filz, finstere Geschäfte und mauschelnde Politiker. Um zu erfahren, dass es bei der Kombination auch einfach um gute Freunde und ein solides Wirtshaus gehen kann, dafür muss es einen erst in eine dunkle, enge Gasse verschlagen.

Die Spezlwirtschaft versteckt sich in der Ledererstraße, wobei Straße eine Übertreibung ist - es ist mehr ein Durchgang für vorbeistolpernde Touristen, die vom Hofbräuhaus kommend Richtung Marienplatz torkeln. Das Holzschild der Spezlwirtschaft hängt hoch genug, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu provozieren. Wer es aber durch den schmalen Innenhof, an der Garderobe des Clubs Crux vorbei bis in den zweiten Stock des Zerwirks schafft, der landet in einer Art Hybridwirtshaus. Es kann Drinks und Tradition.

Schlichter Industrie-Chic empfängt dort die Gäste: Eine lange Bar zieht sich durch den ersten Gastraum, die Lampen hängen tief von der Decke. Die Tischplatten sind aus schweren Holzbrettern, man sitzt auf einfachen Eckbänken aus schwarzem Holz oder auf Kasernenstühlen. An den weißen Wänden hängt kein einziges Bild, braucht es auch nicht, denn das alte Gemäuer ist beeindruckend genug.

Man trinkt und isst hier im angeblich zweitältesten Gebäude der Stadt, das Zerwirk wurde im Jahr 1264 erbaut, ursprünglich wurden dort Tiere "zerwirkt" - also zerlegt. Die Wände sind dick, die Decken niedrig, die Gasträume verwinkelt. Ideal für ein konspiratives Treffen zu zweit oder als Gruppe.

Auf der Karte steht eine überschaubare, aber ausreichende Auswahl an Getränken. Londrinks wie den Sloe Gin Lemon (Schlehen-Gin mit Bitterlemon) oder Pimms No.1 (Pimms mit Gingerbier oder -ale) gibt es ab 8,50 Euro. Cocktails reichen vom Aperol Sour für 7,50 Euro bis zum Sazerac (Bulleit Rye, Peychaud-Bitters, Zucker und Absinth) für 10,50 Euro. Wer sich nicht entscheiden kann ("Ich hätte gerne so einen ähnlichen Drink, nur irgendwie anders"), bekommt sofort nette Beratung vom Chef - oder nimmt den halben Liter Helles naturtrüb von Hofbräu zum Münchner Innenstadt-Preis von vier Euro.

Zum Vorglühen in die Spezlwirtschaft

Als die Spezlwirtschaft im Zerwirk vor knapp vier Jahren eröffnet hat, wollte sie vor allem Anlaufpunkt für Leute sein, die gerne ausgehen - in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Club wie dem Crux keine allzu große Herausforderung. Sie lockte mit ausgedehnten Öffnungszeiten, warmem Essen bis spät in die Nacht und DJ-Sessions an den Wochenenden. Zum Vorglühen hier, zum Feiern runter ins Crux. Inzwischen ist man in der Spezlwirtschaft ruhiger unterwegs. Eine ordentliche Mahlzeit ist den Betreibern wichtiger als allzu ausgeflippte Drinks.

Auf der Karte stehen bayerische Klassiker wie das Wiener Schnitzel mit Erdäpfelkäs oder Pommes und Salat für 17,50 Euro oder Käsespätzle mit Röstzwiebeln und Salat für 9,80 Euro. Außerdem gibt es eine Auswahl an Steaks (280 Gramm Entrecôte vom Milchkalb für 25,50 Euro ohne Beilagen) und Salaten (reichhaltig und viele von 12 bis 16 Euro). Für den kleinen Hunger empfiehlt die Spezlwirtschaft Rahmfleckerl, klassisch mit Sauerrahm, Speck und Frühlingszwiebeln oder die vegetarische Variante mit Sauerrahm, Käse und Thymian (je 4,50 Euro).

Wer zur üblichen Abendessenzeit vorbeikommt, sollte besser reserviert haben. Zu spät sollte man aber auch nicht dran sein, es kann passieren, dass der Koch um 22 Uhr Feierabend macht. Dafür ist es zumindest unter der Woche um diese Uhrzeit angenehm ruhig, die Musik ist ziemlich unbayerisch, die Atmosphäre entspannt. Das Feiervolk aus dem Crux wagt sich kaum in den zweiten Stock - und die Touristen bleiben im bayerischen Wirtshaus in der Nachbarschaft. Bleibt also Platz für Drinks und die eigenen Spezln.

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Quelle:
SZ vom 08.07.2016/jey
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