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Bar Gamsei:Mit Hausschuhen auf der Tribüne

Das Gamsei im Glockenbachviertel zeigt Fußball, will aber keine Sportsbar sein. Chef Matthew Bax verwendet für seine Cocktails nur heimische Zutaten und schickt seine Mitarbeiter für frische Drinks schon mal in den Wald.

Von Thierry Backes

Dieser Text ist leider veraltet, das Restaurant gibt es inzwischen nicht mehr.

Die Statistik spricht klar für Matthew Bax. Seit er das Gamsei vor einer Woche eröffnet hat, gewann der FC Bayern zwei Spiele ziemlich klar und erzielte dabei elf Tore, neun gegen den HSV und zwei in der Champions League gegen Juventus Turin. Wer wird es dem Australier verdenken, wenn er darin ein gutes Omen sieht? "Ich weiß, es ist total uncool für eine ernstzunehmende Bar, Fußball zu zeigen", sagt er, "aber ich weigere mich, ein Spiel nicht zu zeigen."

Matthew Bax ist ein großer Fan der Roten, vor allem aber ist er ein mehrfach ausgezeichneter Barmann. Googelt man sein altes Lokal, "Der Raum" in Melbourne, findet man eine ganze Reihe von Artikeln, die seine Kreativität bei der Zusammenstellung neuer Cocktails loben.

Man darf nun also nicht den Fehler machen, im Gamsei eine Sportsbar zu sehen - denn genau das ist sie nicht. Daran ändern auch die tribünenähnlichen Konstruktionen aus hellem Holz nichts, die links und rechts vom Eingang emporragen. Die sind zugegebenermaßen optimal für eine Fußballübertragung, weil man von beiden Seiten problemlos auf die Leinwand schauen kann, die in der Mitte des Raumes über einem der beiden Tresen hängt. Aber sie sind eben auch die einzigen Sitzgelegenheiten in der kleinen Bar und als solche Teil des Konzepts.

Das ist selbst für die vielseitige Münchner Bar-Szene ausgesprochen exklusiv. Es fängt schon damit an, dass die Kellner hier Lederschürzen tragen, dem Gast den Mantel abnehmen und zur Begrüßung ein Glas Wasser reichen. Es geht damit weiter, dass es im Gamsei keine traditionelle Karte gibt. Wer einen Gin Tonic oder einen Mojito bestellen will, ist hier falsch. Serviert werden ausschließlich Drinks, die sich aus regionalen Produkten mixen lassen, also ohne Limonen, zum Beispiel.

"Wir gehen in den Wald und pflücken uns das, was wir brauchen", sagt ein Kellner, als er ein Stück selbst gebasteltes Papyrus reicht, das als Karte dient. Darauf findet man ein Koordinatensystem, das die wenigen Getränke nach süß, sauer, würzig und trocken ordnet. Wir ordern den "Lavender Drunk Bee" (12,50 Euro) und bekommen einen hervorragenden Drink aus Honig, Wacholderschnaps und Traubensaft.

Davor bietet man uns einen Löffel mit "Bierschaum" an, eine Aufmerksamkeit des Hauses: ein leichtes Eis mit Hefegeschmack. Das Gamsei, sagt Matthew Bax, sei sein "kleiner Protest gegen die Amerikanisierung der Cocktailbar". Überall gebe es die gleichen Drinks, er aber interessiere sich für die jeweils heimischen Produkte, wenn er durch die Welt reise.

Seine Bar, das wird schnell klar, will in jeder Hinsicht besonders, experimentell, innovativ sein. Man kann das etwa daran ablesen, dass man eine Schranktür öffnen muss, um die Toiletten zu finden. Oder dass man seine Schuhe ausziehen muss, um auf die Tribüne zu klettern - Hausschuhe stehen selbstredend bereit.

Wen die Cocktails nicht interessieren, der kann sich auch ein Helles bestellen. Münchner Crew Ale gibt es ab 4,50 Euro die Flasche, abends soll zudem je ein kleines Fass aus der Forschungsbrauerei München angezapft werden. Getrunken wird das Bier (5,50 Euro) stilecht im Keferloher. Ist das Fass leer, muss man sich umorientieren. Das kann schneller gehen, als man meint, beim Champions-League-Spiel am Dienstag war das Fass nach 27 Spielminuten ausgetrunken.

© SZ vom 05.04.2013
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