Bandbiografie "Skandal" Wie die Spider Murphy Gang den Rock'n'Roll lernte

Die Jahrzehnte fliegen vorbei, aber der Rock 'n' Roll bleibt derselbe. Als das Bild oben im Jahr 1987 entstand, war die Band schon zehn Jahre alt.

(Foto: Imago)

Sie spielten vor US-Soldaten und in der DDR. Die offizielle Bandbiografie der Spiders erzählt nun von der sagenumwobenen Zeit, als Menschen noch Barney oder "Rolling Schorsch" hießen.

Von Wolfgang Görl

Es ist schon toll, dass eine Rock 'n' Roll-Band 40 Jahre durchhält, und noch toller ist es, wenn sie auch den Abstieg von den ganz hohen Gipfeln des Erfolgs übersteht. Die Spider Murphy Gang ist so eine Band. Wer sie einmal gehört hat und nicht dogmatisch auf einen anderen Musikstil festgelegt ist, wird mindestens großen Respekt vor den Spiders haben. Auf der Bühne sind sie sofort präsent, vom ersten Takt an machen sie Druck, und es dauert in der Regel nicht lange, bis jener magische Moment kommt, in dem man das Auf-die-Finger-Schauen und Herumkritteln sein lässt und sich ganz der Musik hingibt. Dann zählen nur noch die Drums, der Bass, die Gitarrenriffs, das Keyboard und der Gesang, vor allem aber der Groove, der sich des eigenen Körpers bemächtigt. Geistig bringt das niemanden vorwärts, aber es ist ein berauschendes Gefühl. Rock'n' Roll eben.

Es war der 8. Oktober 1977, als die vier Jungs von der Spider Murphy Gang ihren ersten Auftritt hatten. Für eine kleine Gage spielten sie im US-Offizierskasino der Nelson Barracks in Neu-Ulm. Wie es damals im Einzelnen zuging, steht in dem kürzlich erschienenen Buch "Skandal", das der Publizist Andreas Mäckler geschrieben hat. Es ist, das schreibt der Autor im Vorwort, in erster Linie ein Buch für die Fans der Spiders, die auch tatsächlich jede Menge Geschichten über ihre Lieblinge darin finden.

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Methodisch ist Mäcklers Buch eine Art Patchwork-Arbeit, zusammengeflickt aus Interviews mit den Bandmitgliedern und ihren Weggefährten, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln und anderen Publikationen. Ab und an fragt man sich bei der Lektüre, ob es wirklich nötig war, etwa einen mäßig inspirierenden Konzertbericht der Vaihinger Kreiszeitung abzudrucken oder die Klatschillustrierte Neue Revue als ernsthafte Quelle zu verwenden. Und auch wenn man keine kulturphilosophischen Analysen von der Qualität des US-amerikanischen Musikkritikers Greil Marcus erwartet, würde man sich doch besser aufgehoben fühlen, hätte sich Mäckler ein bisschen intensiver mit Musik und Texten der Spiders sowie dem kulturellen Kontext ihres Werks befasst.

In dieser Hinsicht bleibt der Autor einiges schuldig, und doch - das ist schon fast überraschend - liest man das Buch mit Gewinn. Vor allem die ausführlichen Selbstauskünfte der jeweiligen Bandmitglieder bieten interessante Einblicke in die Gründungszeit und das Innenleben der Gruppe, die alles andere als eine künstlich erzeugte Kreatur der Popindustrie ist.

Besonders spannend sind die Berichte über ihre musikalischen Anfänge, die belegen, dass die Gründungsmitglieder der Band, vielleicht mit Ausnahme des Pianisten Michael Busse, keineswegs prädestiniert waren für eine steile musikalische Karriere. Bassist und Sänger Günther Sigl, Gitarrist Gerhard Gmell alias Barny Murphy und Schlagzeuger Franz Trojan sind weniger professionell ausgebildete Musiker als außergewöhnlich talentierte Autodidakten, die, kaum dass sie selbständig den Plattenspieler bedienen konnten, dem Rock 'n' Roll in diversen Spielarten verfielen.

Jeder von ihnen durchlief die übliche Karriere in Schüler- und Jugendbands, für Sigl und Trojan, die in den frühen Siebzigern erstmals in der Coverband Stummick zusammenspielten, wurden die Clubs und Casinos der US-Army zum Konservatorium. Wer die Soldaten unterhalten wollte, musste die amerikanischen Charts rauf- und runterspielen können und das Repertoire laufend aktualisieren. Noch gab es kein Internet, in dem einem heutzutage beinahe alles vorexerziert wird; die jungen Musiker waren gezwungen, Ton für Ton von den Schallplatten rauszuhören.

Die Spiders, wie sie in der Jetztzeit für ihr Jubiläumskonzert werben.

(Foto: Imago)

Das war mühsam, aber auch verdammt lehrreich. Günther Sigl sagt: "Das Tingeln durch Ami-Clubs ist sicher eine der besten Schulen gewesen, die ein Musiker überhaupt durchlaufen kann. Wir haben in dieser Zeit viel Routine bekommen, die uns später ermöglichte, bei Auftritten ungezwungen und locker nur nach unserem Gefühl zu spielen. Die Erfahrungen aus dieser Zeit haben einen großen Anteil an unserer späteren Karriere."

Diese nahm Fahrt auf, als der BR-Moderator Georg Kostya, der sich als "Rolling Schorsch" einen Namen gemacht hatte, auf die im Schwabinger Memoland und anderen Münchner Musikkneipen herumtingelnde Band aufmerksam wurde. Mittlerweile war die Gruppe ein Quartett, nannte sich Spider Murphy Gang - eine Figur aus Elvis Presleys "Jailhouse Rock" stand da Pate - , und avancierte zur Hausband von Kostyas Live-Rundfunksendung "Rock House". Den Titelsong steuerte Günther Sigl bei, und weil das Kostya so wollte, musste der Text bairisch sein; richtig überzeugt davon war Sigl anfangs nicht. Und dann kam der Song - "Rock House" hieß er selbstverständlich - so gut an, dass dem Songwriter Sigl gar nichts mehr anderes übrig blieb, als weiterhin bairische Verse zu schmieden.

In den frühen Achtzigerjahren hatten die Spiders ihre ganz große Zeit, Hits wie "Skandal im Sperrbezirk" oder "Schickeria" pfiffen die Spatzen vom Dach. In den EMI-Studios in Köln hatten sie ihre erste LP aufgenommen, sie absolvierten Tourneen, rockten im Fernsehen, bekamen Goldene Schallplatten, drehten einen Kinofilm, und die Hallen, in denen sie auftraten, wurden immer größer. Franz Trojan erinnert sich: "Es gab Zeiten, da konnte ich nicht mehr auf die Straße gehen, weil gleich 20 Teenies hinter mir her waren - meistens Mädchen, Gott sei Dank!"

Im November 1983 starteten die Spiders als erste westdeutsche Band von Rang zu einer DDR-Tournee. Sie "war einer der Höhepunkte meines Lebens", sagt Trojan. Unter Stasi-Aufsicht spielten sie in Zwickau, Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), Rostock und anderen Städten, überall wurden sie enthusiastisch bejubelt. Warum aber war es gerade die Spider Murphy Gang, für die das DDR-Regime die Grenze öffnete? Die einschlägigen Akten und Protokolle müssten mittlerweile einsehbar sein. Hinweise auf harte Recherche finden sich im Buch allerdings nicht.

Günther Sigl im Jahr 1987. Die Spiders ritten zwar auf der Neuen Deutschen Welle mit, blieben aber immer Rock'n'roll.

(Foto: Imago)

In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre ging es langsam bergab mit den Spiders. Der Hype ließ nach, ebenso wie der Hype um die Neue Deutsche Welle (NDW), auf der die Münchner Band mitgeritten ist. Dabei ist die Spider Murphy Gang keine typische NDW-Band, dazu klingen sie viel zu sehr nach traditionellem amerikanischen Rock 'n' Roll, nach Chuck Berry oder Elvis. Jedenfalls wurden die Hallen wieder kleiner, die Plattenauflagen sanken, auch innerhalb der Band kam es zu Disharmonien. Michael Busse stieg aus, ihn ersetzte der wunderbare Pianist und Keyboarder Ludwig Seuss. Psychisch bergab ging es mit Drummer Franz Trojan, der trank und kokste und schließlich ausstieg. Der Absturz brachte ihn bis ins Obdachlosenasyl.

Dass es trotzdem irgendwie weiterging, dass die Gründungsmitglieder Günther Sigl und Barny Murphy beinahe eine Aura der Unverwüstlichkeit umgibt, hat gewiss auch damit zu tun, dass sie einfach Spaß haben, auf der Bühne zu stehen und zu rocken. "Ich wollte nie ein Rock- oder Popstar sein, sondern Musik machen", sagt Sigl. "So lebe und musiziere ich bis ans Ende meiner Tage.

Andreas Mäckler: Skandal! Die autorisierte Bandbiografie der Spider Murphy Gang. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf; 320 Seiten, 19,99 Euro.

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