bedeckt München 18°
vgwortpixel

Band der Woche:Raiwun

Wie der Rapper in seinen Songs die eigenen Geschichten und die der Familie verarbeitet

Die Musik von raiwun klingt nach Compton, nach Bronx oder Brooklyn, nach Hip-Hop, wie er eben klingen soll: Groovige Beats und eine Bass-lastige Stimme lassen den Kopf wie ferngesteuert nach vorne und hinten wippen. Aber raiwun kommt nicht aus New York und auch nicht aus Kalifornien. Er wurde in München geboren. Seine Mutter stammt aus Polen, sein Vater aus Marokko. Seinen bürgerlichen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, als Musiker ist er raiwun - sein Alter Ego, seine Künstlerpersönlichkeit. Klingt natürlich auch cool.

Auf seinem Soundcloudprofil steht, wofür "nuwiar", also raiwun rückwärts, steht: "new united world in a reincarnation" - eine neue, vereinte, wiedergeborene Welt also. Auch raiwun hat eine Bedeutung: Es geht um "Ri", das Unsichtbare, und "Ra", das Sichtbare, wie es der Philosoph Alan Watts beschreibt. Raiwun gibt zu, dass das kompliziert ist. Auf Konzerten erklärt er den Namen meistens nicht.

Seine Einflüsse sind nicht die des klassischen afroamerikanischen Rap der Neunzigerjahre wie Gangfights, Kriminalität und Drogen. Aber das ändert nichts an seiner Liebe zum Genre. Im Gegenteil. Raiwun verarbeitet in seinen Songs eigene Geschichten oder die seiner Familie. Im Song "Block 38" geht es um seine bereits gestorbene, polnische Großmutter.

Manchmal geht es aber auch um größere Fragen, darum, was in der Welt passiert. Raiwun spricht von Tagen, an denen er sich schlecht fühlt und sich fragt: "Bin das nur ich?" - oder gibt es da was im System, das Menschen runterzieht? Das verwandelt er dann in system- und sozialkritische Texte, unterlegt mit stimmungsvollen Beats. Dass er diese Kritik von einer sehr privilegierten Position aus schreibt, ist ihm bewusst, aber er findet: Missstände kritisieren kann man trotzdem.

Seine Tracks sind hauptsächlich ein Auflehnen gegen seinen eigenen "leichten inneren Seelenkrieg", sagt er. Paradoxerweise ausgelöst durch das Privileg, von all den Ungerechtigkeiten in der Welt selbst kaum betroffen zu sein. Raiwun sagt, dass man im Hip-Hop Missstände oft anspricht, um sie dadurch ein bisschen erträglicher zu machen.

Zu rappen war keine strategische Entscheidung, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen, es war eher eine seelische, unbewusste. "Ich glaube, alles was bewusst gemacht wird, als Strategie quasi, wird irgendwann scheitern", sagt raiwun und meint damit: Talent kann man nicht lernen, Kunst muss passieren.

Schon früh hat der Münchner das Genre für sich entdeckt. Für ihn verkörpert Hip-Hop eine Emotion. Und die sei "sehr spezifisch." Vom Verehren eines Künstlers, bis zum eigentlichen Verstehen der Message ist eine Sache. Eine ganz andere aber, die Musik dann tatsächlich selber zu machen. Der Übergang zum Künstler hat für raiwun gut funktioniert. Seit 2016 ist er Rapper. 2017 veröffentlichte raiwun seine erste EP "Wun Season", 2019 und 2020 folgten weitere Singles.

Mit der Musikszene in der Stadt ist er zufrieden. "Hier entsteht gerade so ein bisschen Wind." Nach seiner Erfahrung helfen sich Musiker untereinander: "Wenn jemand es ernst meint, dann nutzen die Leute ihre Kapazität und helfen mit." Hilfe für die Beats seiner kommenden Tracks findet raiwun bei dem Producer "Synkope". Meistens feilen sie gemeinsam an den Instrumentals. Als Rapper ist raiwun unabhängig, sein Management übernimmt aber eine Agentur.

Wie sich raiwuns Sound über die Jahre verändert hat, wird voraussichtlich im Sommer auf seinem Album zu hören sein. Ungefähr 15 Songs sollen es werden. Raiwun hat sich technisches Know-how und Fertigkeiten erarbeitet, die bisher als gute Grundlage für seine Songs fungiert haben. Die neue Platte soll wesentlich "intimer" werden. Mehr Sinnbildlichkeit, mehr Vision und auch mehr Geschichte sei da zu erwarten. "Jetzt arbeite ich viel organischer und gehe viel mehr ins Detail", sagt raiwun.

© SZ vom 10.02.2020
Zur SZ-Startseite