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Band der Woche:Novichoks

Die Musik der Punkband ist laut und unbequem, hämmernd und schnell. Verzerrte Gitarren, grölender Gesang - und eine Attitüde, die vielleicht nicht jedem gefällt

Von Rita Argauer

Es wird gerade viel darüber gesprochen, ob Pflegekräfte ausreichend bezahlt werden. Oder besser: Wie eine Gesellschaft es verkraften kann, dass gerade diese Berufsgruppe so sträflich schlecht bezahlt wird. Gerade, wenn sich ihre Systemrelevanz so deutlich zeigt. Ein Erklärungsmodell sagt, dass bei Menschen, die sich um das Wohl anderer kümmern und die deshalb einen solchen Beruf wählen, die Gier und die Sorge ums eigene Wohlbefinden nicht so ausgeprägt sind. Deswegen würden sie sich selten mit sonderlich viel Nachdruck zusammenschließen, um mehr eigenen Profit zu erhalten. Die Sympathie wächst da nur. Doch wünscht man sich auch lautstarke Vertreter für diese Berufsgruppen; und nicht erst, wenn eine Seuche die Gesellschaft aushebelt und Missstände unweigerlich sichtbar macht. Punk wäre da eine gute Lösung. Denn diese laute, oft unwirsche und bisweilen sehr antigesellschaftliche Musik, wird oft von Musikern gespielt, die genau in solchen Berufsgruppen arbeiten.

So auch bei den Novichoks - einer jüngst gegründeten Münchner Punkband. "Wir studieren, verhelfen abgehängten Jugendlichen zu einem Schulabschluss, unterstützen Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten dabei, sich in München ein gutes Leben aufzubauen, betreiben Telefonseelsorge oder verbringen unseren Arbeitsalltag wie so viele mit Outlook und langweiligen Excel-Tabellen im Büro", antwortet Gitarrist und Sänger Tobias Spinnler auf die Frage, was die vier Bandmitglieder denn außerhalb ihrer Musik so machen. Pflegende, kümmernde, und ja zusammengefasst eben menschenfreundliche Berufe sind das größtenteils. Ausgeübt von Menschen, die eben nicht nur auf sich selbst schauen. So etwas gilt es festzuhalten, wenn man über solche Musik spricht, die zwar mittlerweile auch nicht mehr zur jüngsten Rebellionsgeneration gehört, aber dennoch immer noch als gesellschaftliche Randerscheinung gilt.

Und klar, die Musik des Quartetts, dessen Mitglieder auch bei der Münchner Punkband Todeskommando Atomsturm tätig sind und deren Organistin und Keyboarderin die Singer-Songwriterin Theresa Chanson ist, ist laut und unbequem. Ihre Anfang April 2020 erschiene EP "Dive" ist hämmernd und schnell. Verzerrte Gitarren, grölender Gesang, Schlagzeug und Bass, und eine vielleicht manchen Menschen unangenehm zudringliche Gesamtattitüde. Doch in dieser Musik findet sich auch: Den Körper hebende Energie und eine fröhliche Orgel im Opener "Fading Away", ein bisschen Rap, sowie eine fast positiv gefärbte Hymnenhaftigkeit in "Bring back that feeling" oder in "Boots" ein beinahe vorsichtig dahingetupftes Klavier, das später in höherfrequenten Achtelnoten gespielt, ein bisschen an die österreichische Indieband Ja, Panik erinnert. Später gibt es dann auch noch engelsgleiche Keyboard-Chöre und ein ganz klassisches Punkstück.

Fünf Tracks gibt es auf der EP, der anzuhören ist, dass diese Musiker schon länger in diesem Feld Musik machen. Unweigerlich hört man da aber auch eine gewisse Resignation: Die Band will mit der Musik nichts neu erfinden - und die Illusion, dass Musik ernsthaft die Gesellschaft verändern könnte, träumt hier auch keiner mehr. Sie hätten schon viel erlebt und den ein oder anderen Teenagertraum vielleicht auch aufgegeben, erklärt Tobias: "Als Band haben wir keine bestimmte Agenda, was uns bewegt, fließt in die Songs", sagt er, das könne eine "politische oder gesellschaftskritische Message" haben oder auch einfach "klassische Rock 'n' Roll-Themen" sein. Was aber nicht heißt, dass die Unzulänglichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht ab und an benannt werden müssen. "Am Ende kommt es auf die Inhalte und konkretes Handeln an. Die Attitüde ist dabei eher Garnitur." Wenn die Attitüde einem humanistischen Grundgedanken jedoch so gekonnt Nachdruck verleiht, tut das ungemein gut.

© SZ vom 04.05.2020

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