Süddeutsche Zeitung

Band der Woche:Jeanne d'azz

Das rein weibliche Münchner Jazz-Quartett bezirzt mit mal eher poppigen, mal melancholisch-ernsten, mal dezent klassischen Songs

Von Max Fluder

Kaum eine andere Musikrichtung ist so eng mit der Freiheit verknüpft wie der Jazz. Improvisation, Spontanität, das Loslösen von musikalischen Konventionen - all das wird mit dem Jazz verbunden, dessen Anfänge auf afroamerikanische Musiker zurückzuführen sind. Seit den Anfängen um 1900 war der Musikstil stets offen für neue Einflüsse und andere Stile. Aber ist die Jazzmusik auch offen für alle?

"It's a men's world", sagt die Gitarristin Lola Arriola. Es ist eine Welt der Männer - auch die Musikwelt. Das ändert sich aber stetig, im Großen wie im Kleinen. Die Gitarristin Lola, die Sängerin Maresa Maisenbacher, die Cellistin Elisa von Wallis und die Bassklarinette spielende Shiho Yamaki - zu viert bilden sie das 2019 gegründete Münchner Jazz-Quartett Jeanne d'azz. Dass sie unter diesem Namen auftreten würden, war nicht von vorneherein klar. Ja, es war nicht einmal abzusehen, dass sie eine rein weibliche Besetzung haben würden.

Als Lola und Maresa sich gemeinsam nach anderen Musikern umhörten, um eine Band zu gründen, stand nur wenig fest. Elisa und Shiho haben sie auf Konzerten gesehen, haben über Freunde von ihnen erfahren. Für Maresa ist es eine "Stärke", dass sie ein weibliches Quartett sind. Lola geht es auch darum, zu zeigen, dass natürlich auch Frauen Jazz spielen, dass Frauen keine Ausnahme sind. Denn, so sagt sie, "im Jazz gibt es nicht so viele Instrumentalistinnen". Die Namenswahl fiel auch deswegen auf Jeanne d'azz, angelehnt an Jeanne d'Arc, eine starke Frau. "Ganz lange haben wir überlegt, wie wir uns nennen sollen. Das war nicht so einfach", sagt Maresa. Zwei Monate hat es am Ende gedauert.

Die vier Musikerinnen haben alle schon Erfahrung, spielen auch in anderen Bands mit. Elisa beispielsweise spielt unter anderem für LORiiA und Klimt. Zudem haben sie verschiedene kulturelle Hintergründe: Lola hat argentinische Wurzeln, Shiho japanische. Diese unterschiedlichen Einflüsse sind auch in ihrer Musik zu erkennen: Mal sind die Songs eher poppig, mal melancholisch-ernst, mal auch dezent klassisch. Oft haben sie einen Rhythmus, bei dem man leicht mitwippen kann, quasi mitgerissen wird.

In vielen Songs singen sie mehrstimmig, in "Minimised Love" zum Beispiel, einem Lied darüber, dass es gar nicht so viel braucht im Leben - außer die Liebe natürlich. Der Song ist eher ruhig, vielleicht auch unaufgeregt. Maresa singt mit voller Stimme, die Bassklarinette wechselt sich mit dem Gesang ab, sticht im Vergleich zu den anderen Instrumenten hervor. Fragt man die vier Musikerinnen, ob sie ihren Stil in drei Worten zusammenfassen können, erhält man - nach einiger Überlegung - folgende Antwort: "Rhythmus, Mehrstimmigkeit und Gefühl."

Normalerweise proben sie vormittags, bei Tee und Kaffee. "Wir wurden da schon viel belächelt", sagt Maresa, "weil viele Bands abends proben und auch mal ein Bierchen danach trinken". Durch die frühe Uhrzeit seien sie währenddessen recht diszipliniert, sagt Elisa. Diese Disziplin helfe auch dabei, ihre Ziele als junge Band zu erreichen, etwa neue Songs auszuprobieren und schnell das Repertoire zu erweitern. Raum für neue Ideen, Improvisation, Spielereien - der bleibt natürlich. Vor allem beim Songwriting.

Die Corona-Krise beeinflusst selbstverständlich auch das Jazz-Quartett. Die Proben fallen aus. Wann sie das nächste Mal auftreten, wissen sie nicht. Selbst miteinander zu reden, kann schwer werden: Shiho steckt in Seattle fest. Das sind neun Stunden Zeitunterschied. Auch das Interview für diesen Text fand per Skype statt. Wenn sie sich aber wieder treffen und proben können, dann steht ihr nächstes Ziel schon fest: üben und an einer EP arbeiten. Und irgendwann in der Zukunft vielleicht sogar mal zu Shihos oder Lolas Wurzeln, Japan beziehungsweise Argentinien, zu reisen und dort zu spielen.

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SZ vom 11.05.2020
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