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Band der Woche:Herr Rauch

Nachdem seine Beziehung zerbrochen war, setzte Stefan Rauch sich hin und schrieb Songtexte. Zehn Jahre später kramt er sie wieder hervor und gründet eine Musikgruppe

Von Max Fluder

In der Musik lässt sich unglaublich viel auf sie zurückführen: die Liebe - natürlich, was auch sonst? Es gibt unzählige Songs, die vom Verlangen, von der Begierde handeln, aber auch solche, die sich am Gegenteil, einer verflossenen Liebe, abarbeiten. Kein Wunder: Das Verliebt sein und das Verlassen werden sind an emotionaler Wucht kaum zu übertreffen. Kreative Geister lassen ihre Gedanken dann zu Gedichten werden. Zu bildender Kunst, zu Dramen oder eben zu Songs.

Bei Stefan Rauch war es nicht anders: Nach dem Aus einer Liebe setzte er sich hin und schrieb los. Die Lyrics landeten dann allerdings erst einmal in der Schublade, bis sie mehr als zehn Jahre später wieder hervorgekramt, für gut befunden und aus einer neuen Entschlossenheit heraus aufgenommen wurden. Das war der Anfang vom Projekt Herr Rauch , zu dem inzwischen vier weitere Bandmitglieder dazugestoßen sind: der Trompeter Matthias Stadter, der Schlagzeuger Moritz Moroff, der Gitarrist Simon Reitschuster und der Bassist Tibor Lampe. Stefan selbst singt und schreibt die Songs. Um Liebe geht es in den neueren Lyrics längst nicht mehr - zumindest nicht nur.

Auf ihrer Facebook-Seite haben sie unter Genre "Kneipenkünstler" angegeben, was natürlich kein eigener Stil ist und, das gibt Stefan zu, die Idee einer Promo-Agentur und eine Anspielung auf das erste Album "Revolution am Tresen" war. Ein bisschen Wahrheit steckt trotzdem drin: In den Songtexten stecken kleine Geschichten, Sehnsüchte und Lebensweisheiten, die man normalerweise auch am Kneipentresen hören würde. Untermalt ist das Ganze mit punkigen Riffs, mit Reggae-Beats und schnellen Drums- oder Gitarren-Soli. Stefan singt mit rauer Stimme, wie man sie auch von zu lang gewordenen Abenden kennt. "Rau" - das ist genauso wie "ehrlich" eines der Wörter, mit denen sie ihre Musik ganz knapp beschreiben würden.

Welchem Genre sie sich zuordnen sollen, wissen sie selbst nicht so recht. Die Frage, die sie sich eher stellen, ist: Wollen wir das überhaupt? "Ich finde es schade, dass es abseits von Metal nicht dieses genaue Differenzieren in zum Beispiel Doom- oder Death-Metal gibt", sagt Stefan. Sich keinem Genre zu verschreiben, bedeute aber auch Freiheit, die sie wiederum für ihre Musik brauchen: Denn die Geschichten, die sie mit den Songs erzählen, fallen sehr verschieden aus. In der Regel kommt Stefan auf die anderen Bandmitglieder mit den Lyrics, mal mit der Melodie und den Akkorden, zu. Dann probieren und spielen sie, bis sie das Gefühl haben, der Song fetzt, groovt, klingt schön.

Die Ideen zu den Songtexten haben oft einen sehr lebensnahen Ursprung, wenn sie nicht gerade vom 16-jährigen Stefan mit Liebeskummer stammen: In "Leider Wein" geht es darum, "dass Autofahren eine kulinarische Einschränkung ist", wie Stefan es sagt. Als er mit einer anderen Band, Affentheater, auf einer Hochzeit spielte und die Fahrerrolle übernahm, war Alkohol eben für ihn tabu. Andere Texte sind tiefgründiger: So handelt "Weltschmerz in Franken" von der fränkischen Mentalität; Stefan und Matthias sind beide in Mittelfranken aufgewachsen. Und die Inspiration für "Die Lebensmüden" hat Stefan vom gleichnamigen Gemälde in der Alten Pinakothek. "Der Text entsteht im Kater, die Musik entsteht im Rausch", sagt Matthias scherzhaft.

Obwohl der Bandname klaren Bezug auf Stefan nimmt, sagt dieser: "Wir sind alle Herr Rauch." Als es noch ein Solo-Projekt war, veröffentlichte er noch unter seinem Eigennamen. Als jedoch sein Namensvetter aus Österreich einen Schlager-Hit landete, wollte sich der Münchner davon abgrenzen. Gerade hat die Band die neue Single "Pogo & Ballett" veröffentlicht, am 15. Juni erscheint ihre neue EP. Wenn Live-Auftritte wieder möglich sind, freuen sie sich darauf: "Ein Konzert ist wie eine Hausparty", sagt Stefan.

© SZ vom 18.05.2020

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