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Band der Woche:Antilope

In den Texten von Sänger Matthias Egetemeir steckt oft sehr Persönliches

Die meisten Musiker verpacken Geschichten in ihre Songs. Manche vermitteln nur Momentaufnahmen. Andere führen Haupt- und Nebencharaktere ein, spicken die Texte mit Details und berichten so über wahre Begebenheiten, Fiktives oder emotionales Geschehen. In diesem Zusammenhang haben sich zur Kategorisierung sogar Genrebeschreibungen wie "Spoken Word" oder "Storytelling" etabliert. Hier wird sich allerdings eher auf die rockigen Genres beschränkt, schließlich ist das Geschichtenerzählen bereits altbekannter und beinahe genrespezifischer Teil des Rap.

Wird das "Spoken Word" nun aber mit Elementen aus Punk, Rock oder Hardcore kombiniert, entstehen ganz andere Stimmungen. Im englischsprachigen Bereich bietet das beste Beispiel die Band La Dispute. Die Post-Hardcore-Band lebt von ihren ausgeklügelten und mit fast unwichtig erscheinenden Details ausgeschmückten Texten, die ihre Hörer in den Song wie in einen Kurzfilm hineinziehen und dadurch höchst akkurate Bilder erschaffen. Und auch im deutschsprachigen Raum taucht solch emotionsgeladenes "Storytelling" im Post-Punk und Post-Hardcore auf. Allerdings finden sich in der deutschen Musik vermehrt Texte, die eher bildhaft und abstrakt bleiben, beispielsweise bei Bands wie Turbostaat oder Love A. Dennoch legen sie denselben Schwerpunkt auf die inhaltliche Vermittlung einer Geschichte.

Auch die Münchner Band Antilope erzählt Geschichten gerne durch Bilder. "Ich habe manchmal einen ganz bestimmten Satz im Kopf, der ein gewisses Bild, ein bestimmtes Gefühl hervorruft", sagt Sänger Matthias Egetemeir. "Um diesen Satz bastle ich dann meistens den Text herum." Eine impulsive Form des Schreibens. Matthias' Texte behandeln dadurch oft sehr Persönliches. "All das, was einen so umtreibt quasi." Mehr verrät er aber nicht.

Diese Dialektik einer verschleierten Nahbarkeit im Gegensatz zu einer starken Intensität erinnert deutlich an Bands wie Turbostaat. Die genauen Zusammenhänge werden oft unklar gelassen, die Stimmung baut sich eher durch aneinandergehängte Metaphern auf, wodurch der Hörer trotz der persönlichen Themen stark auf inhaltlicher Distanz gehalten wird. Sehr konkrete und speziell erscheinende Details vermitteln das Gefühl von Nähe. Gleichzeitig werden Informationen vorenthalten, der Erzähler tritt aus der Situation heraus - weit davon entfernt, seine Gefühlswelt offenzulegen. Dies bewahrt vor Plakativität und lässt Interpretationsspielraum. "Vielleicht verarbeite ich im Text zwar Leid und Schmerz, aber so dezent, dass es keiner merkt", sagt Matthias. "Die Leute verbinden dann die Bilder plötzlich mit völlig anderen Dingen. Trotzdem wissen wir, dass wir dabei nahezu Dasselbe fühlen. Das ist total abgefahren."

Lediglich vermittelt durch eine bestimmte Stimmung, entsteht eine besondere Verbindung zwischen Band und Publikum - ein Punkt, der auch sehr zum Zusammenhalt der Band beiträgt. Alle Mitglieder haben bereits in anderen Bands gespielt und kommen aus Richtungen wie Hardcore, Stoner Rock oder Punk. In der aktuellen Konstellation fühlen sie sich aber mittlerweile am wohlsten. "Das ist tatsächlich das erste Mal für uns alle, dass jeder einfach mal was macht, und alle anderen finden's geil", sagt Schlagzeuger Matthias Leichtle. "Dadurch, dass jeder was beizutragen hat, wird das Songwriting dynamisch und der Sound spontan und unvorhersehbar." Der Klang der Songs ist häufig unstet - auf ruhigere, fast schon an Indie anmutende Passagen folgen punkig verzerrte Höhepunkte. Es entsteht Musik mit Ecken und Kanten, die vor allem eines ist: von Grund auf ehrlich. Aktuell befindet sich Antilope in einer Live-Pause, neue Songs sind aber schon in Arbeit. Ende 2019 hat die Band ihre zweite EP "Woanders ist es immer besser" veröffentlicht, es folgten Konzerte in über Deutschland verteilten Locations. Meist klein, aber dafür intim und immersiv.

© SZ vom 17.02.2020
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