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Band der Woche:A Story For Reflection

Ein vielseitiger, keineswegs chaotischer Mix aus Indie, Pop und Rock ist die EP "Caprino" der Band "A Story For Reflection" geworden. Entstanden ist sie zwischen Spanien, Italien und dem Ammersee - und diese Fernbeziehung hat noch nicht mal was mit dem Coronavirus zu tun

In Jugendtagen scheint alles einfacher zu sein. In Freundschaften, in der Liebe und auch in der Musik. So lange alle in der gleichen Stadt oder Gegend wohnen, ist alles wunderbar. Man hat alle Zeit der Welt. Es gibt nichts Wichtigeres. Wir werden immer zusammenbleiben - man kennt es. Und dann wird man erwachsen.

Als der Keyboarder Maxi Aldinger im vergangenen Herbst nach Mallorca zog, veränderte sich das Bandleben von A Story For Reflection. Heute führen die vier jungen Männer eine Art musikalische Fernbeziehung. Sie halten möglichst viel telefonischen Kontakt, nehmen Spuren jeweils einzeln auf und basteln daraus im Anschluss ihre Songs. "Wir alle leben mittlerweile an unterschiedlichen Orten. Und auch unser Alltag ist nicht mehr der gleiche wie früher", sagt Frontsänger Jakob Muehleisen, der vor rund fünf Jahren mit Maxi die Band gegründet hat.

Damals gingen beide noch zur Schule, ebenso wie der Schlagzeuger Anton Engelmann und ihr Bassist Veit Kobler. Erst zu zweit, später zu viert spielten die Musiker vom Ammersee zuletzt Konzerte in und um München. Ihr nächster Auftritt war ursprünglich für den 11. April geplant - als Tour-Abschluss im Münchner Folks!-Club. Doch ebenso wie ihre anderen Shows in Berlin, Bonn und Kassel musste auch diese coronabedingt abgesagt werden. "Das war natürlich sehr traurig", sagt Jakob. Schließlich freuten sie sich alle sehr darauf, ihre erste EP "Caprino" live vor Publikum zu präsentieren.

Dieses Mini-Album haben die Musiker größtenteils im vergangenen August aufgenommen: Gemeinsam sind sie dafür nach Caprino Veronese an den Gardasee gefahren. "Wir haben dort ein provisorisches Studio aufgebaut - mit Kleiderschrank als Aufnahmekabine", sagt Jakob. Der Tapetenwechsel habe ihnen gut getan. Auf Instagram nahmen sie ihre Fans mit auf die Italienreise und zum Biereinkauf. Die Making-Of-Videos zeigen lachende und scherzende Freunde. Darin wirken sie eingespielt und vertraut - ganz und gar nicht distanziert.

Dann trennten sich ihre Wege: Jakob, der einzige Vollzeitmusiker unter ihnen, konzentrierte sich auf seine Solo-Karriere, die er schon in jungen Jahren startete, schon 2012 war er als Straßenmusiker in London. "Das war ziemlich verrückt, wie ich da als elfjähriger deutscher Junge Beatles-Songs gecovert habe und mir einige Pfund dazu verdienen konnte", sagt er einmal. Maxi ging zurück nach Spanien. Auch die anderen zogen wieder zurück in ihr normales Leben. Anton arbeitet am Residenztheater. Und Veit, der ursprünglich für ein Jahr in die USA gehen wollte, entschied sich stattdessen für ein Musikstudium in Deutschland - und somit für die Band.

Ihre EP stellten sie getrennt voneinander fertig. Heraus kam ein vielseitiger, doch keinesfalls chaotischer Mix: Songs wie "Horror" und "Trust" sind wunderbar melancholisch, erzählen von verflossener Liebe. Auch "Call Me" thematisiert vergangene Zeiten, nur ist der Sound rockiger, macht gute Laune - ein Song mit Ohrwurm-Potenzial. Und dann ist da noch "Mr. Fantasy": "Eine fiktive Figur, die einem sagt, was man zu tun hat und was man lassen soll", erklärt Jakob, der den Song geschrieben hat. Ihren Stil bezeichnen sie als Indie-Pop-Rock "mit Bindestrichen", betont Jakob. Es fiele ihnen schwer, sich nur einem Genre zuzuordnen. Ihre Vielfältigkeit möchten sie auch auf ihrem ersten Album beibehalten.

Bisher scheint das gut anzukommen: "Caprino" wurde auf ITunes zeitweise auf Platz neun der Alternative-Charts gelistet. Die Radiosender "PULS" und "Bayern 3" spielten bereits einige ihrer Songs. "Das motiviert natürlich, wenn man plötzlich Ziele erreicht, von denen man früher nur träumen konnte", sagt Jakob. Trotz dieser Erfolge stehen für die Musiker Live-Auftritte immer an oberster Stelle. "Unsere Tour möchten wir natürlich so bald es geht nachholen, bestenfalls sogar noch in diesem Jahr", sagt Jakob.

© SZ vom 27.04.2020

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