Es ist diese Lockerheit. Dieses Selbstverständnis, genau in diesem Moment an diesem Ort zu sein. Maria Ferreira Stadler singt an diesem Abend in einem Münchner Club. Sie geht lässig über die Bühne. Sie schwenkt einen Arm zum Takt der Musik, als sie zu singen beginnt. Sie lächelt.
Dass Maria heute so selbstbewusst auftritt, hätte man ihr nicht immer zugetraut. Jahrelang suchte sie nach ihrer Identität. Sie kämpfte mit Selbstzweifeln und Schüchternheit, nachdem sie als Kind aus São Paulo nach Deutschland ziehen musste.
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Heute macht Maria Popmusik, inspiriert von ihrer Vergangenheit. Das hört man auch an dem Abend beim Neon-Festival 2024 im Club Neuraum: Im Video singt Maíra, wie sie sich als Musikerin nennt, ihren Song „Demons“. Das Lied fängt langsam an und klingt ein wenig verträumt, aber darunter schwingt etwas Dunkles mit – kein Traum, in dem man sich nach dem Aufwachen zurückwünscht. Der Text handelt von verpassten Chancen. Und von Ängsten, die Maria lange begleiteten. So singt sie im Refrain: „Don’t wanna blame me for the things I couldn’t reach// because I was too afraid to be who I wanted to be.“
Die Geschichte hinter dem Text beginnt in São Paulo. Maria Ferreira Stadler ist Deutsch-Brasilianerin und verbrachte dort ihre ersten Jahre. In São Paulo wurde sie eingeschult, hatte Freunde, Onkel und Tanten. Eine ganz normale Kindheit – bis ihr Vater eine Stelle bei einem deutschen Halbleiterhersteller annahm und die Familie mit ihm nach Deutschland zog.
Mit sieben ging es für Maria aus der größten Stadt Südamerikas in ein Dorf in der Nähe von Neubiberg. „Ich wurde aus meinem Leben gerissen“, sagt sie heute. „Man denkt, dass man als Kind nicht so viel mitbekommt, aber ich hatte schon sehr viele Schwierigkeiten.“
Neue Kultur, neues Umfeld, dazu das Dorfleben – für Maria war das Ankommen in Deutschland hart. „Ich hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören“, sagt sie. „Ich glaube, das haben viele Leute mit zwei Nationalitäten: In Deutschland fühlt man sich wie die Brasilianerin und in Brasilien wie die Deutsche.“ Dieser Konflikt verfolgte Maria bis in ihre späten Teenagerjahre und zersetzte allmählich ihr Selbstbewusstsein. Sie wurde schüchtern, zog sich zurück – irgendwann fiel es ihr sogar schwer, allein im Restaurant zu bestellen.

Stottern bei jungen Menschen:Wenn die Worte im Hals stecken bleiben
Wie ist es, wenn die Angst vor dem Sprechen zum ständigen Begleiter wird? Junge Menschen wie Julius, Maria und Vincent erlernen Techniken, mit dem Stottern umzugehen. Dennoch bedeutet jedes Gespräch eines: Stress.
Heute ist von dieser Unsicherheit wenig geblieben – nur in ihren Songs hallt sie noch nach. Genau dort liegt auch die Stärke von Maíras Musik: Sie erzählt von ihren Gefühlen und lässt ihr Publikum nah an sich heran. Dabei trägt sie eine gewisse Verletzlichkeit in der Stimme und wirkt gerade dadurch selbstbewusst.
Der Schlüssel zu dieser neuen, selbstbewussten Version von ihr lag auch in der Musik. Hier war sie sich schon immer sicher, auch wenn sie sich sonst im Hintergrund versteckte. Die Musik sei ihr Safe Space gewesen, sagt sie: „Es klingt seltsam, aber ich konnte mir schon immer vorstellen, auf der Bühne zu stehen.“ Mit 17 fängt sie an, Gesangsunterricht zu nehmen. Sie singt auch in der Schule vor. „Das hat mir einen richtigen Push gegeben. Ich dachte: Okay, damit kann ich mal was erreichen“, sagt sie.
Heute studiert Maria Musikproduktion an der Macromedia University in München. Sie sagt: „Die Musik hat mir geholfen, selbstbewusster durchs Leben zu gehen.“ Das zeigt sie auch in ihrer neuen Single „Moontalks“. Das Lied markiert eine musikalische Entwicklung: weniger düster; stärker geprägt von südamerikanischen Einflüssen. Im Refrain singt Maíra: „Tired of being perfect for someone else//Just wanna be perfect for myself.“ Nicht mehr perfekt für andere, sondern perfekt für sich selbst, das hat Maria durch die Musik gelernt.
Noch steht sie am Anfang ihrer Karriere – innerlich hat sie aber schon viel erreicht: „Ich habe einfach mehr Frieden mit mir selbst.“
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