Band Balloon Pilot aus München:Mit dem Wind über die Welt

Kampfansage an spießige Mieter und Ordnungshüter: Die Band "Balloon Pilot" stellt im Lustspielhaus ihr hörenswertes Debütalbum vor. Wie aus Gymnasialmusikern ein ernstzunehmender klanglicher Leckerbissen wird.

Michael Zirnstein

Halb elf, die Deadline rückt näher für den Auftritt von Balloon Pilot. Nach 23 Uhr ist es Bands im Schwabinger Vereinsheim verboten zu musizieren, aus Rücksicht auf die geräuschempfindlichen Nachbarn. Obwohl die anderen Künstler - die munteren Dobré und der urige Keller Steff - ihre Auftrittszeiten überziehen bei der zweiten Betriebsfeier des jungen Münchner Labels Millaphon, bleibt Matze Brustmann gelassen. Wie es seine Art ist.

Balloon pilot

Auf neuen Wegen: Balloon Pilot versucht mit melancholisch angehauchtem Folkpop zu überzeugen.

(Foto: oh)

Zwei Mitmusiker sind eh noch nicht da - der Bassist Benny Schäfer und der Schlagzeuger Andi Haberl beenden gerade ein Konzert mit ihrem Jazz-Quartett Max.Bab im Geltinger Hinterhalt. Und zweitens, das wird der Sänger gleich zum Publikum sagen (sollten sie endlich drankommen): "Wir haben gehofft, uns würde heute die Polizei von der Bühne holen." Das ist kokett, insbesondere für eine Band wie Balloon Pilot. Das ist, als wolle sich Nicole beim Vortragen von "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund" mit der Luftwaffe anlegen.

Vielleicht steckt in der Kampfansage an spießige Mieter und Ordnungshüter ein Rest von Punk, aber die Ironie dabei ist: Balloon Pilot sind keine Radaubrüder, gerade darum gibt es die Band. Eine aufgedrehte Partycombo waren sie tatsächlich einmal, jene fünf Schulfreunde, die in anderen Formationen bereits auf dem Geretsrieder Gymnasium oder im Landes-Jugend-Jazzorchester zusammenspielten.

Als Los Burritos (der Name ist keine Anspielung auf Gram Parsons legendäre Flying Burrito Brothers, sondern einfach Blödsinn) ließen sie von 1999 an einen riesigen Kreis von Freundesfreunden zu Ska, Reggae, Pop-Rock und Sublime-Covers hopsen und schwitzen. So etwas hält man als Musiker mit Anspruch als eine Art Ausgleichssport eine Weile aus, aber es darf einem nicht genügen. So schmuggelte Brustmann mehr und mehr seiner eigenen stillen Edel-Pop-Stücke ins Programm.

Das Publikum maulte, ratschte derweil. Es war kein Spaß, für beide Seiten nicht. Die Gage von einem Veranstalter in Oberammergau haben sie bis heute nicht gesehen. Ihnen war klar: An der Musik liegt es nicht, eher an falschen Erwartungen. Sie ließen die Burritos fallen und starteten als Balloon Pilot neu. Daheim im Wohnzimmer bannte Brustmann jene Lieder auf CD, die schon lange in seinem Kopf schwebten, beeinflusst von Songwriter-Genies wie Elliot Smith, auch Tom Waits liebt er, "gerade seine Schnulzen, und wie er sie entschnulzt". Das knifligste war, die Termine mit den verstreut lebenden Freunden zu koordinieren, oft versenkte er sich mit Benny Schäfer alleine in die Produktion. Gerade der in Berlin arbeitende Andi Haberl ist schwer einzuplanen, als begehrtester Jung-Drummer des Landes beschäftigt mit Klaus Doldinger, Till Brönner, The Notwist.

Der Fahrdienst hat die Nachzügler abgeliefert. Es kann losgehen, aber vorher mühen sich Till Hoffmann und Mehmet Scholl, zwei Drittel der Millaphon-Führungsriege, das plappernde Publikum zu beruhigen: Pst, Mund zu, Ohren auf, jetzt sei Zeit zum Zuhören und Genießen! Die Labelchefs sind Pop-Connaisseure, deswegen haben sie Ballon Pilot ohne zu zögern verpflichtet. Der Filmmusiker Gerd Baumann, der dritte Partner, kannte Andi Haberl vom gemeinsamen Arbeiten, etwa am Rosenmüller-Werk "Sommer in Orange". Brustmann sandte ihm kurz vor Verlagsgründung "einfach mal" das fast fertige Album, dann folgt ein Satz mit dreimal "super gut gefallen", der Ex-Fußballstar und Indierock-Fan Scholl tauchte inkognito beim Konzert in Gelting auf, und schon schlug man ein. "Super Sache für uns, die sind toll, machen keinen Stress - wir haben gar keine anderen Plattenfirmen mehr angeschrieben", freut sich Matze Brustmann.

Der 33-Jährige ist der Kapitän im Korb, komponiert, textet, singt und gab der Band den Namen und seine Lebenseinstellung: "Ein Ballon ist doch ein ziemlich cooles Teil. Ich drifte auch viel." In "The Manual" singt er: "On the run with a weird twisted smile, floating around like a punctured balloon."

Die Ideen kommen ihm im Auto oder nach dem Paddeln im Kajak, ein träumerisches Wahrnehmen wie durch ein Fenster voller Regentropfen: "I apologize for the colour of my face today, blank expression, walking on the moon, breathing at the water", heißt es in "Illusions Day". Da staunt er mit der Distanz des Ballonfahrers und der Ruhe des Fließens mit dem Wind über die Welt. Als er mal am Gärtnerplatz hockte, kamen zwei Männer auf "albernen" Stehrollern angesurrt und verteilten Flyer: "Looking like penguins strapped on wheels", staunt er in "Bargain Street", ein Song-gewordenes Kopfschütteln "über all den Schrott, den man sich anschaffen soll".

Im Vereinsheim würde ihr Sound kein schlummerndes Kind wecken. Sie spinnen einen Kokon um die Zuhörer wie die tröstenden Spieluhrensongs der Eels oder die hypnotischen Schleifen von Badly Drawn Boy. Radi Radojewskis Gitarre summt sphärisch, etwas retro wie auch Tobi Koark-Haberls Wurlitzer-Orgel und der sanfte Chorgesang. Alle schweben.

Ein Minimum an Tönen, das maximal wirkt, um so mehr, wenn die Radojewski mit sanftest-möglichem Feedback piekst, wenn Haberl, eh ein Wilder, im Takt trickst. "Achtung, der Song entwickelt sich", warnt Haberl vor "50 Cent": Und wirklich, nach softem Angleiten brechen Balloon Pilot aus, toben sich furchtlos in einem Sound-Gewitter aus, machen dem Publikum Lust am freien Fall - die hohe Flugschule. Die Polizei kommt nicht, sie hat etwas verpasst.

Am Donnerstag präsentieren Balloon Pilot ihr selbstbetiteltes Debütalbum um 20.30 Uhr live im Lustspielhaus.

© SZ vom 16.02.2012/sonn
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