Wenn die Heinz-Bosl-Stiftung ihre Frühlingsmatineen ankündigt, ist das ein hoffnungsvolles Zeichen für alle Kältemüden: Wir haben es mal wieder geschafft, der Winter kann sich jetzt schlafen legen.
Die beliebten Galas im Nationaltheater – heuer am 8. und 29. März – sind so viel mehr als nur ein sonntägliches Tanzvergnügen. Die Matineen sind auch Leistungsschau und Standortbestimmung für die Ballett-Metropole München. Junge Choreografen dürfen sich hier ausprobieren und Auftragsarbeiten mit den jungen 16 Tänzerinnen und Tänzern des Bayerischen Junior-Balletts München einstudieren. Die Junioren wiederum – alle zwischen 17 und 20 Jahre alt – haben Gelegenheit, eng mit Star-Choreografen zusammenzuarbeiten, Repertoire aufzubauen aus dem klassischen, neoklassische und zeitgenössischen Kanon. Und die Aufmerksamkeit von Scouts großer Häuser auf sich zu ziehen.
Eine enorme Erfahrung dürfte für die Junior-Compagnie die Probenzeit mit Choreograf Marco Goecke im vergangenen Jahr gewesen sein. Der heutige Ballettdirektor am Theater Basel war während der Arbeit am Stück „Devil's Kitchen“ im Wohnheim-Gebäude der Ballettakademie der Bosl-Stiftung untergebracht, wo er Ende der Achtzigerjahre selbst studiert hatte. Déjà-vus für ihn in der WG-Küche. Allerdings hat Goecke in Interviews erzählt, dass er sich in den jungen Leuten nicht unbedingt wiedererkannt hat. Sehr brav seien sie heute, zielstrebig und auf ihre Gesundheit bedacht. Für ihn hingegen waren die Achtziger in München wohl eine recht wilde Zeit.
In eine ebenfalls aufregendere Epoche, zumindest der Rockgeschichte, führt Goecke mit dem Soundtrack zu „Devil's Kitchen“, das nun bei Frühlingsmatineen wieder auf die Bühne kommt. Das Junior Ballett tanzt zu drei Tracks aus dem epischen Superalbum „Wish You Were Here“ von Pink Floyd. Ein typischer Goecke erwartet das Publikum, mit Highspeed-Hypernervosität, zuckenden Leibern in Hochspannung, bei all dem verblüffende Präzision und Tiefe.
Und noch einiges mehr bieten die Matineen: Das Junior-Ballett tanzt sich zurück ins „goldene Zeitalter“ des russischen Balletts und zeigt den „Pas de trois des Odalisques“ aus Marius Petipas „Le Corsaire“, rekonstruiert von Ivan Liška. Der Compagnie- und Bosl-Chef hat mit den Juniors zudem sein Stück „3 Isadoras“ einstudiert, das erstmals 2021 in der Villa Stuck zu sehen war. Eine Hommage an Isadora Duncan, die Pionierin des Modernen Tanzes.
Brandneu hingegen sind die Choreografien, die die Mitglieder der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München für die Matineen einstudiert haben: „Framed Freedom“ des Australiers Craig Davidson hatte gerade in Berlin Uraufführung. Zum ersten Mal überhaupt zu sehen ist am 8. März „Waltzing through“ der jungen Choreografin Lida Doumouliaka.

Viele Mitglieder des Bayerischen Staatsballetts haben ihre Karrieren einst bei den Junioren oder als Absolventen der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater begonnen. Aktuell etwa die Ballerinen Violetta Keller und Carollina Bastos, die Ballerinos Severin Brunhuber und Soren Sakadales. Am Staatsballett eröffnet die Ballettfestwoche 2026 am 28. März mit der Premiere des dreiteiligen Abends „Common Ground“. Eine interessante thematische Klammer in einer Zeit, da gemeinsame Werte unserer Gesellschaft mehr und mehr verloren gehen.
Das Gemeinsame hier: Alexander Ekman, Johan Inger und Jiří Kylián, deren Werke getanzt werden, teilen eine enge Verbundenheit mit dem Nederlands Dans Theater (NDT) in Den Haag, wo alle drei Choreografien uraufgeführt wurden. Doch es gilt auch inhaltliche Gemeinsamkeiten zu entdecken. In Ekmans hochironischem „Cacti“ von 2010 etwa werden die knapp 30 Tänzerinnen und Tänzer selbst zu Instrumenten, schnauben, stampfen, klatschen, lachen im Chor. Viel los auf der Bühne ist auch im Stück „Impasse“ (2020). Johan Inger schickt nach und nach immer mehr Leute auf die Bühne, sodass der Aktionsraum für den einzelnen immer kleiner wird: Wie kommen wir aber raus aus der Sackgasse, der Ausweglosigkeit? Für den Tschechen Jiří Kylián führt die Lösung wohl über die Schönheit. Sein Meisterwerk „Bella Figura" (1995) war zuletzt bei der Ballettfestwoche 2025 als Teil des Triple-Abends „Wings of Memory“ zu sehen.
Einen spannenden Kontrast zum barocken Wohlklang mit Musik von Vivaldi und Pergolesi im Kylián-Stück bietet das Stück „Noice/Noise“ von Paula Rosolens/Haptic Hide. Dort kommt phasenweise sehr laute Musik zum Einsatz. Die choreografische Reflexion über die allgegenwärtige Präsenz von Lärm ist am 6. und 7. März mit allen Sinnen im Schwere Reiter zu erleben.


