Ballettfestwoche:"Nicht dass man denkt, wir hüpfen hier weiter glücklich rum"

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Vibrierende Tanzsprache: Das Bayerische Staatsballett in Marco Goeckes Choreografie "Sweet Bones' Melody", die bei der Ballettfestwoche uraufgeführt wird. (Foto: Serghei Gherciu)

Mit dem Triple Bill "Passagen" wird am Wochenende die Münchner Ballettfestwoche 2022 eröffnet - unter anderem mit einer Uraufführung von Marco Goecke. Doch die Kunst steht auch hier im Schatten geopolitischer und pandemischer Verwerfungen.

Von Sabine Leucht

Dackel Gusti wackelt steifbeinig in die Sonne, und sein Herrchen schaut ihm zu. Über Kunst reden wollen beide nicht so recht. Doch Marco Goecke muss: "Ganz ehrlich? Es ist eigentlich gerade ein Unding, dieses Stück zu irgendwas hinzutreiben." Da waren die "Schwanensee"-Proben, in die ein Teil seiner Tänzer eingebunden war, dann kamen die Infektionen. "Wir haben so viel Probenzeit verloren; und ich lerne ein Stück ja selbst erst kennen, während ich es baue. Ich lebe nur vom Instinkt." Und der entzündet sich an und mit den Menschen, mit denen er arbeitet. Aber auch das braucht Zeit. Goeckes letzte Produktion kam am Nederlans Dans Theater (NDT) heraus. Da kennt man einander: "Die Tänzer wissen zumindest bewegungstechnisch sofort, was ich suche. Da muss ich nicht mal aufstehen." Am Bayerischen Staatsballett aber arbeitet der Hannoveraner Ballettchef zum ersten Mal. Der jüngste seiner zwölf Tänzer, António Casalinho, ist gerade 18. Und natürlich bleiben auch ihnen die pandemischen, geopolitischen und hausinternen Verwerfungen der vergangenen Wochen nicht in den Klamotten stecken.

Goeckes sorgenvolle Worte rollen ihm so langsam von den Lippen, dass man den Mann kaum mit dem hypernervös-flatternden Tremor-Stil seiner Tanzabende in Deckung bringt, mit denen er in München zuerst das Gärtnerplatztheater beglückte, wo seine wunderbar wunde Seelen-Choreografie nach Fellinis "La Strada" zu sehen ist. Goecke ist bekannt für ein offenes Visier und das ungeschützte Herzeigen von Verletzlichkeit. Auch der eigenen. Immerhin aber ist er einer der weltbekanntesten Choreografen Deutschlands mit einem Œuvre von rund achtzig Stücken und einem Schrank voller Preise. Das wird schon bis Samstag! Und dennoch: Die Sinnkrise nagt an ihm, die gesellschaftliche Randstellung des Tanzes, die ihm die Corona-Zeit noch bewusster gemacht hat. Die Menschen, das werde ihm immer klarer, verstünden nur Zahlen: Wenn ein Bild ein paar Millionen kostet, ist es etwas wert; wenn eine Rodlerin eine Zehntelsekunde schneller ist, hat sie gewonnen. Und doch bekomme er viel zurück, bloß halt in anderer Währung: "Eine Tänzerin hat mir mal geschrieben: Wenn ich morgen sterben müsste, wäre mein letzter Wunsch, mit dir zu arbeiten." Harter Tobak! Findet er selbst. Aber auch diese Dinge wiegen mal mehr und mal weniger schwer.

"Sweet Bones' Melody" heißt die Uraufführung, die Goecke zu dem dreiteiligen Ballettabend "Passagen" beisteuert, der am Samstag, 26. März, die Münchner Ballettfestwoche eröffnet. Warum? "Die Musik - das Orchesterwerk ,Mannequin' von Unsuk Chin - ist richtig hart." (Der Dirigent Tom Seligman nennt sie "ein Ungeheuer") "Da wäre es schön, wenn ihr die Knochen der Tanzenden noch eine süßliche Melodie hinzufügen könnten." Ist das die Richtschnur? "Es ist mein Wunsch!"

Zelenskys Schweigen zum Ukraine-Krieg

In einer weiteren Uraufführung gibt der 1972 geborene britische Ballettstar David Dawson sein München-Debüt, dessen postklassische Hand Musikalität und Poesie mit Großbuchstaben schreibt. Alexei Ratmanskys Neueinstudierung seiner "Bilder einer Ausstellung" von 2014 komplettiert einen Abend, der die derzeit gefragtesten jüngeren Choreografen zusammenführt, deren Ansätze und künstlerische Formen unterschiedlicher kaum sein könnten. Was sie verbindet? Derzeit offenbar vor allem das Bewusstsein, dass sie in einem besonderen Moment am Staatsballett zu Gast sind. Der Russe Ratmansky hat eine berufliche Vergangenheit und Familie in der Ukraine - und im Rahmen seiner umfangreichen Kampagne gegen den Krieg klargemacht, dass Schweigen keine Option ist. Hinter demselben verschanzt sich aber immer noch der Münchner Ballettchef Igor Zelensky, nachdem dessen Beratertätigkeit für Putin ruchbar geworden ist. In Zelenskys Haus selbst weiß man nichts Neues, aus dem Kunstministerium verlautet nur, man gäbe im Fall der Fälle Bescheid.

Ratmansky ist später als vorgesehen zu den Proben angereist, jetzt ist er da. Man probt. Spricht offenbar wenig miteinander. Mit David Dawson, sagt Marco Goecke, habe er sich allerdings schon besprochen: Sollte Ratmansky aus politischen Gründen zurückziehen, solle der Lappen auch für ihre Stücke nicht hochgehen. Und er selbst denke noch über eine künstlerische Stellungnahme zu Krieg und Krise nach. "Nicht konkret. Ich bin ja nicht Kresnik. Aber ich kann jetzt auch kein Stück machen, wo man denkt, wir hüpfen jetzt weiter glücklich rum." Nicht, dass man das bei einem Goecke-Abend je gedacht hätte!

Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts, Start am 26. 3., 19.30 Uhr im Nationaltheater mit Passagen, Näheres zum Programm unter www.staatsoper.de

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