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Nationaltheater:Umstrittener Ballett-Star tanzt in München

Sergei Polunin in "La Bayadere"

Sergei Polunin in "La Bayadere". Am Wochenende soll er in "Raymonda" über die Bühne des Nationaltheaters gleiten.

(Foto: Charles Tandy)
  • Der russische Balletttänzer Sergei Polunin gilt als der bekannteste Ballettänzer unserer Zeit. Und er ist eine sehr streitbare Figur.
  • Deswegen hat ihn etwa die Pariser Oper als Tänzer ausgeladen. In München dagegen wird er tanzen.
  • Die Verantwortlichen verteidigen das und teilen mit, dass sie erst mit Polunin persönlich sprechen wollen.

Die Pariser Oper hat Sergei Polunin soeben wegen homophober Äußerungen ausgeladen. Polunin hatte sich auf Instagram wiederholt über die "unmännlichen" Verhaltensweisen homosexueller Kollegen mokiert. Seit Wochen streiten zudem die Verehrer seiner Kunst darüber, was vom Putin-Tattoo auf seiner Brust zu halten ist, das er stolz getwittert hat, oder ob etwa Polunins Account gehackt worden sein könnte.

In München wird er an diesem Wochenende in der Oper tanzen; zudem ist er als Gastredner bei der Konferenz "Digital-Life-Design" angekündigt. Ukrainische Aktivisten haben bereits protestiert. Polunin, der selbst in der Ukraine geboren ist, sei bei der "sehr starken ukrainischen Gemeinde", die es in München gebe, "mit seinen strikt pro-russischen Positionen nicht willkommen", heißt es in einem Schreiben an die Süddeutsche Zeitung.

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Mit der Kritik sehen sich nun auch die Verantwortlichen der Oper konfrontiert: Igor Zelensky, der Direktor des Bayerischen Staatsballetts, und Nikolaus Bachler, der Intendant der Bayerischen Staatsoper, haben sich unterdessen die Entscheidung, Polunin wie vereinbart in "Raymonda" auftreten zu lassen, offenbar nicht leicht gemacht. In einer gemeinsamen Stellungnahme betonen sie die Komplexität der Angelegenheit, und dass "es uns langfristig nicht weiterbringt, sie zu vereinfachen". Das Tempo und die starke Präsenz der sozialen Medien beträfen auch ihr Metier "ganz neu".

Zu den Fragen, die man beantworten müsste, gehörten: "Wo ist die Grenze zwischen öffentlich und privat? Wie und warum beurteilt eine Institution die Meinung eines Künstlers? Ab wann ist eine Meinung gefährlich, was ist gar strafbar?" Um diese Punkte zu klären, brauche man Zeit, schreiben die beiden, "weil wir kein autokratisches System fahren, indem ein Einzelner bestimmt, was zu tun ist". Einige Punkte sind Bachler und Zelensky bereits klar: "Wir wollen Polunin nicht voreilig stigmatisieren. Wir distanzieren uns aber deutlich von allen Inhalten diskriminierenden Charakters." Erst nach einem persönlichen Gespräch mit Polunin in München werde man weiter entscheiden.

Die beiden Vorstellungen der "Raymonda" sind ausverkauft, gerade weil Polunin darin auf der Bühne stehen wird. Er ist der bekannteste Balletttänzer unserer Zeit, mit einem Rockstar-Status nicht nur unter den Fans von Schwanensee. Schon lange gilt er als Enfant terrible der Szene. Diesen Ruf hat er sich erarbeitet, als er 2012 über Nacht seinen Job beim Royal Ballet in London hinwarf. In diesem war er der jüngste Erste Solo-Tänzer und Prinzipal, den es dort je gegeben hat. Polunin tauchte für einige Monate ab. Er hatte nach eigenen Aussagen zeitweise mit Suchtproblemen zu kämpfen. Sein Comeback in Russland geriet ein Jahr später umso grandioser.

"Take Me To Church" machte Polunin zum Popstar

Der Mann, der ihn wieder zum Ballett zurückbrachte, ist Zelensky, der seit 2016 das Staatsballett in München leitet. Dort tritt Polunin seitdem immer wieder als Gastsolist auf, er ist also kein festes Ensemblemitglied. Die Verbundenheit der beiden Männer ist auf Polunins Oberarm sichtbar: Dort trägt er das Konterfei Zelenskys.

Zum Popstar, gerade auch unter jungen Leuten, machte Polunin das Video seiner tänzerischen Interpretation des Charthits "Take Me To Church". Die ist allein auf Youtube 26 Millionen Mal angesehen worden. Wer Text und Inhalt genauer betrachtet, empfindet Polunins homophobe Äußerungen als umso widersprüchlicher. Das Lied des Iren Hozier ist ein Protestsong wider die Haltung der katholischen Kirche gegenüber Frauen und Homosexuellen, die sie pauschal als "Sünder" verurteile, wie der Sänger es ausdrückt. Der Regisseur des Videos, David LaChapelle, ein Kämpfer der Schwulenbewegung, inszenierte Polunin darin in einer lichtdurchfluteten Kirche, die Choreographie von Jade Hale-Christofi ist überaus sinnlich.

Von Polunin gibt es bisher keine Stellungnahme zum Ende der Zusammenarbeit mit der Pariser Oper und seinen Äußerungen auf Instagram. Für Münchner Kulturinteressierte stellt die Situation freilich ein Déjà-vu dar. Valery Gergiev, damals als Chef der Münchner Philharmoniker designiert, und Putin-Freund, hatte sich vor seinem Amtsantritt 2013 ebenfalls mit Vorwürfen der Homophobie konfrontiert gesehen. Er distanzierte sich schließlich in einer Pressekonferenz von seinen eigenen Aussagen.

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