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Hobbygärtner in der Stadt:Naschen vom eigenen Balkon

Erdbeeren eignen sich besonders gut für den Anbau in Töpfen oder Hängeampeln. Gerade bei Kindern sind die frisch auf dem Balkon gepflückten Früchte wegen ihres Aromas sehr beliebt. Zudem brauchen die Pflanzen kaum Pflege - ideal für Einsteiger.

(Foto: imago)

Kleine Bäume und Beerensträucher gedeihen auch in Pflanzkübeln. Welches Obst sich eignet - und wie es gut wächst.

Birnen - für den Balkon? Das Paar, das sich da im Gartencenter Seebauer bei den Stauden und Gehölzen umsieht, will das gar nicht glauben. Andere sind längst bekehrt, sie gehören zu der Schar von Hobbygärtnern, die ihren Balkon zum Garten umfunktioniert haben. Dort hat die Geranie Konkurrenz bekommen, nicht nur in Form anderer Blumen, sondern auch durch Kräuter, Gemüse und zunehmend auch durch Obst.

Seit gut fünf Jahren beobachte er diesen Trend, sagt Hagen Bonczek. Und er kann ihn nur zu gut verstehen. "Wer kann sich denn heute in München schon noch einen Garten leisten?" fragt der Spezialist für Stauden und Gehölze. Und so entdecken immer mehr Münchner, wie nützlich ihr Balkon sein kann. Im Seebauer-Glashaus können sie aus einem riesigen Obstsortiment das Richtige für ihren Geschmack auswählen. Im Prinzip, so sagt Bonczek, könne man fast alle fruchttragenden Gehölze auf dem Balkon ziehen. Hauptsache kleinwüchsig, denn der Platz ist knapp.

Heimisches Obst übersteht auch einen Balkon-Winter, weiß der Experte. Wichtig sei es, die Pflanzen zu schützen, indem man die Pflanzkübel zum Beispiel in Schafwolle einpacke. Strenge Frostnächte seien in München inzwischen sehr selten, zumal es in der Stadt sowieso immer um einige Grad wärmer sei als auf dem Land. Die Behältnisse sollten aber ausreichend groß sein, damit das Wurzelwerk genügend Platz habe.

Schon im Januar hatte Bonczek die ersten Kunden, die Obst für ihren Balkon kauften. Manche wollten nur ein Bäumchen oder eine Heidelbeerstaude, "manchmal packen die Leute aber gleich zwei Einkaufwagen voll". So gedeihen im Sommer auf Münchens Balkonen Äpfel neben Birnen, Kirschen und Pflaumen auch Johannisbeeren. Sogar Kiwis wachsen in Pflanzkübeln, als Unterwuchs bieten sich Himbeeren, Preiselbeeren und Erdbeeren an. Von denen schwärmt Karin Greiner. Die langjährige Pflanzenexpertin des Bayerischen Rundfunks hat zwar einen großen Garten, doch sie war neugierig und hat es deshalb auf ihrer Veranda mit Erdbeeren in einer Hängeampel probiert. Der Versuch war ein Erfolg, denn die Beeren schmecken laut Greiner "wesentlich besser als alles, was man im Handel bekommt". Für Einsteiger seien Erdbeeren die idealen Pflanzen, sie bräuchten kaum Pflege, reiften sehr schnell und trügen den ganzen Sommer über Früchte. Und mitten im Beton der Stadt eigenes Obst zu ernten, das "macht einfach Spaß, auch wenn man nur drei Beeren hat", sagt Greiner.

Vor allem junge Leute sähen im Selbstgärtnern auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit, haben Greiner wie Bonczek beobachtet. Und diese Form von Eigenproduktion erfülle sie mit Stolz. Selbst etwas zu machen und in der Hand zu haben, das stelle für viele einen ganz besonderen Wert dar, sagt Karin Greiner. So könnten sie auch erkennen, "wie eine Pflanze funktioniert".

Der Handel hat auf die steigende Nachfrage längst reagiert. Alle möglichen Obstpflanzen im Miniformat werden in Gartenmärkten und Gärtnereien und auch online angeboten: speziell für den Balkon Zwergobst, oft aber auch Säulenobst, wie es im Ertragsobstbau angepflanzt wird. Wer Zeit und Geld hat, muss sich nicht auf einheimische Sorten beschränken. Pfirsiche gibt es ebenso für den Balkon wie Citrusfrüchte und sogar Kakibäumchen. Selbst Schisandrabeeren, die gegenwärtig als Superfood gelten, lassen sich am Balkon ernten. "Kann ich den schneiden?", lautet oft die Frage von Bonczeks Kunden. Ganz so einfach sei das nicht, weiß der Fachmann, der selbst Baumschnittkurse gibt, "man muss sich mit der Pflanze schon beschäftigen".

Die richtige Erde - er selbst empfiehlt eigenen Kompost -, ausreichend gießen, wenn es denn Blattläuse gibt, diese mechanisch entfernen oder die Pflanzen mit einem Spülmittel besprühen. Inzwischen gibt es aber eine Spezialistengemeinde, die solche Tipps nicht mehr nötig hat. Diese passionierten Balkongärtner züchten und kreuzen selbst und tauschen Pflanzen und Wissen aus. Wenn man aber nur ein bisschen Naschobst vom eigenen Balkon wolle, dann sei der Zeitaufwand "überschaubar", sagt Karin Greiner. Zumal er neben den Früchten auch weitere Vorteile bringt. Blühende Obstbäume und -sträucher brauchen sich vor vielen Ziergewächsen nicht zu verstecken. Im Sommer spenden die Pflanzen Kühle und Schatten. Und im Herbst schmückt das welkende Laub den Balkon. Auch als Sichtschutz können die Pflanzen gute Dienste leisten, Wein zum Beispiel eignet sich dafür gut.

Hagen Bonczek, der auf seinem Balkon Heidelbeeren zieht, hat einen weiteren Vorteil erkannt - er kann dort die Natur beobachten. Bienen besuchen die Blüten, Vögel holen sich Insekten oder auch einmal eine Beere. Im vergangenen Herbst hat er zugesehen, wie Ameisen eine Wespe vertrieben, die eine Blattlaus fressen wollte. Das sei spannender gewesen als jeder Naturfilm. Deshalb lautet sein Rat: "Wenn man einen Balkon hat, sollte man ihn auch nutzen!"

© SZ vom 02.06.2020/vewo

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