Balkanpop mit Emir Kusturica:Der Kult ums Klischee

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Das der Bandname nichts mit der Verweigerung von Tabak zu tun hat, dürfte dem Publikum am Samstag nicht erst klar geworden sein, als sich Fiedler Dejan Sparavalo eine kurze Pause in seinem virtuosen Spiel gönnt und genussvoll an der Zigarette zieht. Das Balkan-Orchester nennt sich so, weil sie sich den Smoking nicht anziehen, sich nicht anpassen wollen. Und das bekräftigen die elf Musiker, indem sie in einer Aufmachung auf der Bühne stehen, als ob sie sich im Rausch einer hitzigen Nacht aus dem Kostüm-Fundus eines Zirkus bedient hätten.

Ein verwegener Halunke, aber irgendwie stylish

Neben Bandleader Dr. Nelle Karajlic, in seinem knallblauen Lycra-Overall mit den Fledermausflügeln und Retro-Streifen an den Schultern und dem Zaubererfrack des Gitarristen Nenad Gajin Coce, nimmt sich Emir Kusturica zurückhaltend aus. Er trägt zur gemütlichen Jogginghose eine hoch gerollte Nike-Mütze, die bei ihm nicht nach Hiphop aussieht, sondern so, wie sich Kusturica vorstellt, dass wir uns einen kultigen Balkan-Import vorstellen.

Als schwermütigen Hitzkopf, der das Gegrillte direkt vom offenen Feuer isst und sich anschließend mit einem Klappmesser duelliert. Ein verwegener Halunke eben, der aber irgendwie stylish ist. Mit hochgezogener Augenbraue scheint Kusturica sich hinter der Gitarre über die Entertainment-Qualitäten seiner Bandkollegen und die eigene Inszenierung zu amüsieren. Teufelsgeiger Sparavalo gibt sich mit Brille und Kapitänshemd als intellektueller Piraten-Admiral mit einem dezenten Touch Gipsy-Charme. Und der Tuba-Spieler im Satinhemd verwickelt Dr. Nelle in einen pantomimischen Boxkampf, bei dem die Vocals bald vom Instrument umgeblasen werden, dass der für den Kampf extra eingesetzte Mundschutz nur so wegfliegt.

Mit Spitzbubencharme zur Völkerverständigung

Obwohl die Haare der meisten Bandmitglieder mindestens schon graumeliert sind und die Bäuche eher gemütlich wirken, tanzen und springen die Serben vom ersten Lied an über die Bühne, als ob sie AC/DC's Hardrock-Gnom Angus Young Konkurrenz machen wollten. Der spitzbübische Sänger rollt sich irgendwann das verschwitzte, blaue Elasthan von der Brust und verzichtet auf den Effekt der ausgebreiteten Fledermausflügel und Violinist Sparavalo packt ein Geigen-Kunststückchen nach dem anderen aus seiner Trickkiste. Immer irrwitziger wird die Show zur Musik und immer mehr hübsche Mädels werden aus dem Bühnengraben auf die Bretter gezogen, um mitzutanzen und die alten Herren des Balkan-Punks anzuhimmeln.

Die Menge zuckt und dreht sich, egal ob jazzig oder rockig, die Sympathie zu Kusturica und Kollegen liegt fast greifbar in der aufgeheizten Luft und wenn Dr. Nelle zu Sprechchören auffordert, singen alle enthusiastisch mit - was die Worte auch immer bedeuten mögen. Nach einer Zugabe und Begeisterungspfiffen aus dem Publikum tritt die Truppe schließlich ab. Noch mehr tanzen könnten die meisten jetzt sowieso nicht mehr. So funktioniert das also mit der Neuerfindung des Balkans.

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