Balkanpop mit Emir Kusturica:Der Kult ums Klischee

Lesezeit: 4 min

Gipsy-Gefiedel meets Techno, Folklore trifft auf Hiphop: Während die Balkan-Welle in die Clubs schwappt, zeigt Emir Kusturica den Münchnern, wie alles angefangen hat.

Agnes Fazekas

Balkan-Pop ist in. Der Frankfurter DJ und Produzent Shantel hat das Genre mit seinem "Bucovina Club" schon vor einigen Jahren in den Discos deutscher Großstädte etabliert. Hierfür hinterlegt er das Gefiedel osteuropäischer "Zigeunerkapellen" mit allem was die westliche Clubsszene gerade so hergibt. Dafür wird er vom Feiervolk geliebt und von Traditionalisten geächtet. Auch München zieht seit Jahren mit: Hier tanzt man zur Balkan Night im Metropolis, der Motto-Party ShLjIvA -Disco, zum Balkanstyleee im Zerwirk oder zur Balkan Beat Box im Ampere.

Balkanpop mit Emir Kusturica: Emir Kusturica an der Gitarre bleibt gewohnt lässig, während Bandleader Dr. Nelle die aufgedrehte Fledermaus gibt. "The No Smoking Orchestra" spielen beim Balkan-Punk mit dem Kult um das Klischee.

Emir Kusturica an der Gitarre bleibt gewohnt lässig, während Bandleader Dr. Nelle die aufgedrehte Fledermaus gibt. "The No Smoking Orchestra" spielen beim Balkan-Punk mit dem Kult um das Klischee.

(Foto: Foto: Agnes Fazekas)

Während Stefan Hantel, wie Shantel eigentlich heißt, sich auf die Spuren seiner Großeltern in der legendären Bucovina begab - dem verlorenen Land, das eigentlich nur noch im Mythos existiert - um den Ethno-Pop zu entdecken, beruft sich der 53-jährige serbische Filmemacher Emir Kusturica nur auf sich selbst, wenn er mit den folkloristischen Melodien und dem Klischee um ein derbes, feuchtfröhliches Volk spielt und sich Sinti und Roma als Familie aneignet. Spätestens seit Filmen wie "Underground" (1995) und "Schwarze Katze, Weißer Kater" (1998) gilt er nicht nur als begnadeter, sondern auch als einer der umstrittensten europäischen Filmemacher. Er hat zweimal in Cannes die Goldene Palme gewonnen.

Als er am Samstag in München das einzige Deutschlandkonzert seiner Band "The No Smoking Orchestra" auf der Gitarre begleitete, waren die Karten in der Muffathalle ausverkauft: Gekommen sind Münchner mit südosteuropäischen Wurzeln, alte Hippies, junge Punks, Rocker, Intellektuelle mit Hornbrille, Indie-Kids und Eltern, die ihren Kindern mal zeigen wollten, was Stimmung ist.

Karpaten-Ska und "Balkan-Styleee"

"R'n Balkan" heißt es auf den Flyern der Clubs, Gypsy Grooves, Karpaten-Ska oder wie im Münchner Zerwirk: das "unheimliche Balkan Styleee". Unheimlich. Ist es das, was wir mit dem "Balkan" verbinden? Ein einziger Begriff, der - nach den ständigen Konflikten und Kriegen nicht gerade positiv besetzt - für kulturell, religiös und sprachlich ganz unterschiedliche Gruppen stehen soll. Unser Bild von den Kulturen Südosteuropas scheint immer noch durchdrungen von romantischer Verklärung auf der einen und Ressentiments auf der anderen Seite.

Emir Kusturica spielt mit solchen Klischees, im Film wie auf der Bühne. Er zeichnet prollige Gipsy-Fürsten mit Adidashosen und Zuhältercharme, ausartende Familienfehden, schnapsgetränkte Bauernhochzeiten. Das ist komisch und traurig zugleich und immer untermalt von dramatischer, fast wehmütiger Musik - einem wilden Mix aus Polka, Zigeunerfidel und Gassenhauer: Wie man es sich eben so vorstellt, wenn es auf dem Balkan mal lustig zugeht. Kusturica und das No Smoking Orchestra haben die Volksmusik ihrer Heimat, die in sich so gebrochen und kulturell vielschichtig ist, schon in den Achtzigern erfolgreich "verpunkt", passend zu seinen kontroversen Filmen.

Passend auch zu seiner politischen Haltung: 1993 soll er den damaligen Führer der serbischen Ultra-Nationalisten zum Duell mit einer Waffe seiner Wahl aufgefordert haben. Und dieser lehnte angeblich nur ab, um sich nicht am Tod eines Künstlers schuldig zu machen. Zwei Jahre später schlug Kusturica dann während eines Filmfestivals in Belgrad den Führer der Serbischen Rechtsbewegung nieder.

Klischees hin, Kusturica her

Klischees hin, Kusturica her - es war allen Konzert-Besuchern klar: Dieser Abend wird ein einziger, großartiger Pogo-Tanz zu melodramatischem Ethno-Punk. Schräge Melodien - durch Gitarre, Geige, Tuba, Saxofon, Ziehharmonika und Schlagzeug zum schmelzenden Jaulen gebracht - an Straßenorchester und Zigeunerlager erinnernd, an feinsinnigen Weltschmerz und pure Lebensfreude. Das findet man auch in München charmant.

Die emotionale Aufgeladenheit der Musik verführt. Zum Zappeln, zum Schütteln und Springen - da ist die Szene egal und da kümmert es auch wenig, dass die vermeintlich kontroversen Texte nur von den Wenigsten verstanden werden. "Das ist so geil, so geil", schreit ein junges Mädchen in Black-Metal-Kutte und wirft sich ihrem Freund in die Arme.

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