MVV-Tarif:OB Reiter fordert die Abschaffung der Bahnsteigkarte

Bahnsteigkarte Ticket MVV

40 Cent kostet eine Bahnsteigkarte, mit der man keinesfalls in einen Zug steigen darf, sondern nur hinab zu den Gleisen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Regelung sei ein "Anachronismus, der überdacht werden muss", so der Oberbürgermeister Dieter Reiter. Nur wenige Städte auf der Welt halten an dem Ticket fest.

Von Dominik Hutter

Dem russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin diente das kleine Stück Pappe als Sinnbild für den mangelnden umstürzlerischen Elan der Deutschen. Wenn diese Leute einen Bahnhof stürmen wollen, so soll er gesagt haben, kaufen sie sich erst eine Bahnsteigkarte. Inzwischen ist dieses Ticket selbst zum Auslaufmodell geworden - und in München, wo es noch existiert, zum Objekt einer Revolution von oben: Denn Oberbürgermeister Dieter Reiter fordert die Abschaffung des seit vielen Jahren umstrittenen "Fahrscheins".

Die Regelung sei ein "Anachronismus, der überdacht werden muss", erklärt der Rathaus-Chef, nachdem wieder einmal ein Fall bekannt geworden ist, bei dem ein Münchner 60 Euro fürs Schwarzfahren zahlen musste, obwohl er nur seine Freundin zum Bahnsteig der U-Bahn begleitete. Das Betreten des Perrons soll künftig gratis sein, so der SPD-Politiker, der dies allerdings nicht allein entscheiden darf. Denn das Bahnsteigticket ist Teil des MVV-Tarifsystems und als solcher nur über die Gremien des Verkehrsverbunds zu eliminieren.

Bahnsteigtickets gibt es nur noch in wenigen Städten, neben München etwa in Hamburg. Zusätzlich gibt es diverse Metro-systeme wie in Paris oder San Francisco, wo die Bahnsteige überhaupt erst nach Passieren einer Zugangssperre plus Fahrscheinkontrolle erreichbar sind. In München gilt laut MVG: Wer "einen Bahnsteig der S- oder U-Bahn, der durch Bahnsteigsperren oder sonstige Bahnsteigabgrenzungen gekennzeichnet ist", ohne Fahrkarte betreten will, benötigt zumindest eine Bahnsteigkarte. Gültig eine Stunde, Preis 40 Cent. Drehkreuze oder Ähnliches gibt es im Münchner Untergrund nicht, ohne Ticket ist der Bahnsteig trotzdem tabu.

Die Bahnsteigkarte ermöglicht unter anderem die bei Schwarzfahrern berüchtigten "Razzien", bei denen MVG-Mitarbeiter einen U-Bahnhof absperren und die Fahrgäste beim Betreten oder Hinausgehen kontrollieren. Da es unten auf dem Bahnsteig keine Automaten gibt, sitzen Ticketlose in der Falle. Dass die Bahnsteigkarte immer wieder Unmut hervorruft, ist in Form diverser Briefe auch im Rathaus schon aufgefallen. Reiter ist sich sicher, "dass es möglich ist, eine kundenfreundliche Lösung zu finden". Gerade in einer Zeit, in der man den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen wolle, "müssen auch antiquierte Denkmuster überdacht werden". Was dann doch eher nach sanfter Revolution klingt.

© SZ vom 14.11.2018/vewo
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