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Bad Tölz und Hindenburg:Geschichtsarbeit ja - aber keine Konsequenzen

Leserbrief "Bad Tölz bannt das Unheil durch viel Information" vom 14. April und "Mehr als eine Formalie. Mit Ehrenbürgern aus der NS-Zeit tut sich manche Gemeinde schwer" vom 8. April (Bayern):

Als am Rande meines Gesprächs mit der SZ über Ehrenbürgerschaften von Hitler und Hindenburg die Rede auf die Tölzer Hindenburgstraße kam, kannte ich tatsächlich den vor einem Jahr in Tölz eröffneten Informationsweg nicht. Mittlerweile habe ich mich informiert, und muss den Gestaltern meine Anerkennung zollen. Es wird solide und in ansprechendem Design über Hindenburg informiert.

Meine grundsätzliche Position ändert sich dadurch aber nicht. Denn wenn es am Ende des Informationsweges heißt, es bleibe "nichts übrig, wodurch Paul von Hindenburg heute noch in positiver Weise identitätsstiftend wirken könnte", verstehe ich nicht, warum man an dem Straßennamen festhält. Kann eine Hindenburgstraße angesichts des heutigen Wissensstandes noch eine gute Adresse sein? In Telefonverzeichnissen, auf Briefbögen, Landkarten etcetera taucht sie ja überdies ohne Zusatzinformation auf.

Professor Hermann Rumschöttel stuft eine Umbenennung als "komplette Beseitigung der Vergangenheit" ein und spricht von "Damnatio memoriae". Das verfehlt den Kern der Sache. Zur antiken Damnatio memoriae gehörte es, den Namen der Betroffenen aus allen Annalen zu streichen und ihn in der Öffentlichkeit nicht mehr zu erwähnen. Damit hätte ich als Zeithistoriker schon von Berufs wegen massive Probleme, vor allem aber ist das etwas ganz anderes, als eine Ehrung zu revidieren, wenn sie als verfehlt erkannt worden ist.

Auch die Analogie zur kritischen Ausgabe von "Mein Kampf", ist, trotz Rumschöttels anschaulichem Bild vom "'Informationsweg' durch das unheilvolle Buch Adolf Hitlers" kein überzeugendes Argument. Hier werden ähnliche Methoden auf höchst unterschiedliche Gegenstände angewandt. Hitlers aggressives Machwerk war von erheblicher Wirkmacht und muss als historische Quelle kritisch analysiert werden. Das ist essenziell für die von Rumschöttel zu Recht eingeforderte "kritische, aufklärende und damit zukunftsweisende Auseinandersetzung". Straßenbenennungen nach politischen oder historischen Persönlichkeiten liegen aber auf einer anderen Ebene. Hier geht es um Ehrungen in Form symbolischer Identifikation. Kritische Aufklärung ermöglicht in diesem Fall nicht nur ein anderes Verständnis, sondern stellt auch den symbolischen Identifikationsakt in Frage. Dadurch wirkt sie zukunftsweisend.

So gesehen ist der Tölzer Informationsweg sicherlich kein Irrweg (und schon gar kein "Holzweg"), aber er könnte zur Sackgasse werden - dann nämlich, wenn aus der Erkenntnis, dass Hindenburg für ein demokratisches Gemeinwesen alles andere als eine Identifikationsfigur ist, nicht die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden. Entscheiden müssen das zum gegebenen Zeitpunkt die Tölzer, aber aus meiner Sicht ist der Informationsweg noch nicht fertig: Es fehlt eine letzte Stele, die den Prozess der Umbenennung dokumentiert. Dr. Jürgen Zarusky, München

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