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Backstage-Betreiber Hans-Georg Stocker:Der Sturkopf

Hans-Georg Stocker eckt als Veranstalter immer mal wieder an, dennoch schreibt er mit seinem "Backstage" eine Erfolgsgeschichte.

Manche Menschen, die mit ihm zu tun haben, finden einiges, was in seinen Hallen so abläuft, einfach unterirdisch. Und wenn es nach Hans-Georg Stocker geht, so sollen sie künftig Recht haben damit. Er möchte nämlich mit seinem Backstage unter die Erde gehen. Zum Teil, wenigstens. Auf dem Grundstück an der Friedenheimer Brücke ist wenig Platz, und bald wird dort noch weniger Platz sein, weil Stocker etwas davon abtreten muss. Weshalb er sich von seinen Architekten einen Plan hat ausarbeiten lassen, wie man das Backstage so geschickt umbaut und verschachtelt, dass alles auf dem künftig endgültigen Standort unterzubringen ist.

Fünf Adressen hatte das Backstage schon seit seiner Gründung im Januar 1991. Jetzt, hofft Hans-Georg Stocker, sind seine Konzerthallen am endgültigen Standort angekommen. Dort sollen sie nun aber noch in den Untergrund verlegt werden - die Baupläne liegen bereits vor.

Die beiden größeren Konzerthallen sind dann gewissermaßen unter der Erde, darüber gibt es Biergärten, Clubs, Parkplätze, Künstlerwohnungen - alles, was halt sonst noch so gebraucht wird. "Zwischen drei und zehn Millionen Euro, je nach Aufwand, der betrieben wird", schätzt Stocker die notwendigen Investitionen, für die er allerdings noch Kredite braucht.

Das freilich finden seine Kontrahenten, von denen es immerhin auch ein paar gibt, noch nicht unterirdisch. Es hat eher zu tun mit manchen Konzerten, die es hier im Backstage schon gegeben hat. Früher war das Backstage ja so etwas wie die Heimat linker Schmuddelkinder aus der Antifa-Ecke. Es waren dann aber einige, wenige Termine, die Stockers Ruf ziemlich geschadet haben.

Weil da zum Beispiel jamaikanische Reggaestars auftraten, die sich daheim mit ihren Texten einen Namen als Schwulenhasser gemacht haben, wie Bounty Killer oder Sizzla. Oder weil es sich um die Südtiroler Deutschrock-Band Freiwild handelte, der Kritiker Nähe zu rechtsextremen Positionen vorwerfen, zumindest aber ein Spiel mit dem Feuer. Dass Stocker auch solche Konzerte veranstaltet, hat ihm heftige Kritik vor allem von Seiten der rot-grünen Rathausmehrheit eingebracht; die SPD forderte gar eine "Münchner Charta gegen Hassmusik", aus der bisher allerdings nichts geworden ist.

Das, sagt Stocker, "hat mir die ganze Feier zum 20.Geburtstag des Backstage versaut". Die war im Januar, und die Rathausvertreter waren der Feier ferngeblieben. Das wurmt Hans-Georg Stocker nicht so arg, umso mehr jedoch, dass das Backstage jetzt einen so unguten Ruf weghat. Und zwar nicht nur bei der Politik, sondern auch bei alten Weggefährten und bei Journalisten. "Dabei fliegen bei unseren Konzerten Nazis schon immer raus", sagt er, "und schwulenfeindlich sind wir ganz bestimmt nicht: Hier arbeiten auch Leute, die homosexuell oder lesbisch sind. Diese Vorwürfe sind also völlig absurd!" Kann er sich also so gar nicht vorstellen, warum die Vorwürfe immer wieder aufkommen?

Doch, sagt er, die Leute, die ihn da kritisieren, hätten einfach inzwischen den Bezug zu den Jugendlichen verloren. Und manches sei eben lediglich der Lust an der Provokation geschuldet: "Wer heute 16, 17 Jahre alt ist, der hat in München nichts anderes erlebt als Rot-grün im Rathaus. Und dass die Jugend gegen das Establishment aufmuckt, das ist doch völlig normal." Natürlich gebe es Grenzen, sagt Stocker - Nazi-Bands oder solche, die an homophoben Texten festhielten, würde er nicht veranstalten. Aber vom Verbieten hält er wenig: "Man darf die Jugendlichen, die für so etwas anfällig sind, nicht von vornherein ausgrenzen, sonst überlasse ich die den Nazis."

Man kann da auch ganz anderer Meinung sein. Manche sagen, es gehe Stocker nur um das Geld, das er mit diesen Bands einnehme. Das kann es aber nicht sein; die paar Konzerte machen das Kraut nicht fett. Es hat wohl eher zu tun mit dem Sendungsbewusstsein des Hans-Georg Stocker und mit seinem Sturkopf, der gerne noch eins draufsetzt, wenn es besser wäre, das nicht zu tun. Er kann dann auch eine Nervensäge sein. Und wenn er von etwas überzeugt ist, dann ist er nicht zu bremsen. Journalisten, die ihn wegen irgendeiner kurzen Stellungnahme anrufen, wissen meist schon, dass sie die nächste halbe Stunde nicht vom Telefon wegkommen werden.

Beharrlichkeit ist sicher nicht die schlechteste Eigenschaft, wenn man einen Laden wie das Backstage über 20 Jahre hinweg aufbaut und führt. Zwischen 15 und 20 Festangestellte leben inzwischen davon, außerdem noch einmal so etwa 50 freie Mitarbeiter. Man hat im Wortsinne bewegte Zeiten hinter sich, mehrmals ist das Backstage umgezogen, von einem Provisorium ins nächste. Und lustigerweise hat das jetzige Gelände erst unlängst eine neue Adresse bekommen: Statt an der Wilhelm-Hale-Straße 38 residiert das Backstage jetzt an deren umbenanntem Teilstück Reitknechtstraße6. "Schwierig für Lieferanten und Bands", sagt Stocker, "die Straße findet man momentan noch nicht im Navi."

Wenn's weiter nichts ist... Da hat man schon ganz anderes hinter sich. 1991, im ersten Backstage, damals noch in einem Freizeitheim des Kreisjugendrings in Fürstenried, musste man nach den Konzerten immer bis in den Morgen hinein alles picobello putzen, weil am nächsten Tag der Kurs in Bodengymnastik war. Stocker war damals 23 Jahre alt ("so alt sind heute unsere festen Mitarbeiter im Schnitt") und studierte Sozialpädagogik, so wie seine Mitstreiter, zumindest war er an der Uni Eichstätt eingeschrieben. Ursprünglich wollten sie eine Stadtzeitung gründen. Aber dann machten Ende der achtziger Jahre die wenigen Konzerthallen dicht, die es in München gab, die Szene suchte nach neuen Treffs. Stocker und Freunde fanden dann dieses Freizeitheim und nannten ihre Konzertreihe "Backstage", um sich von "so vordergründigen Glitzerschuppen wie dem P1" zu unterscheiden.

Das mit dem Backstage war eigentlich ein Hobby. Oder Leidenschaft. Und irgendwie ja auch Sozialarbeit. Dann wurde aus dem Spaß Ernst, als sie an der Donnersbergerbrücke eine alte Wellblechhalle angeboten bekamen, damals noch für die symbolische Mark. Sie sollten sich nur um die Entsorgung kümmern, wenn das Gelände in Kürze bebaut würde. Es wurden mehrere Jahre draus; sie gründeten eine GmbH und schafften sich endlich eine eigene Verstärkeranlage an. Oft war der Bestand gefährdet, dann kam nach vielem Hin und Her der Umzug, erst westlich, dann östlich der Friedenheimer Brücke, zum Teil mit kompletten Nebenhallen, Containern und Klowägen.

Nun sind sie endgültig angekommen, hofft Stocker. Jedenfalls dann, wenn er den Laden endlich unter der Erde hat. Er ist übriggeblieben vom Gründungsteam, und er ist nach wie vor voller Elan. 43 Jahre ist er jetzt alt, längst hat er selber Kinder. Aber er findet es lustig, wenn ihn 17-Jährige fragen, ob er der Enkel des Backstage-Gründers sei. "Das ist letzten Sommer schon passiert", sagt er, "für die sind wir uralt. Kann ja sogar sein, dass sich ihre Eltern hier kennengelernt haben." Er führt jetzt also sozusagen einen Münchner Traditionsbetrieb. Das war vor 20 Jahren nicht beabsichtigt gewesen - so wie später manches andere auch nicht. Aber beständig ist in dieser Branche eben nur eines: der Wandel.

© SZ vom 08.03.2011/sonn
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