Es ist ein Buch mit mehr als 5000 Seiten aus Pergament und mit dickem ledernem Einband. Eine Mammutaufgabe für die Wissenschaft. Die Handschrift ist klein, akkurat. Von außen wirkt das Buch unscheinbar, gar schlicht, doch sein historisch-religiöser Wert ist nicht zu beziffern.
Seit 222 Jahren befindet sich die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds in der umfangreichen Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. Im April 2025 wurde er in das Unesco-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Nun fand am vergangenen Mittwoch die Urkundenübergabe der Unesco statt.
Für Dorothea Sommer, Generaldirektorin der Bayerischen Staatsbibliothek, ist die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds „einer der größten Buchschätze der Menschheit“. Seine Bedeutung macht sich an der Einzigartigkeit des Werks fest. Der Münchner Talmud wird in der Fachsprache auch als Codex hebraicus 95 geführt. Er ist weltweit die einzige Schrift des Babylonischen Talmud in seiner Gesamtheit.
Neben dem „Babylonischen“ gibt es auch den „Palästinensischen“ oder auch „Jerusalemer Talmud“ genannt, der jedoch weniger umfangreich ist. Der Babylonische Talmud ist zwischen dem 2. und 9. Jahrhundert im sassanidischen und früharabischen Irak entstanden und wurde hauptsächlich in jüdisch-babylonischem Aramäisch verfasst. Es existieren noch, neben der Münchner Handschrift, weitere Fragment- und Teilhandschriften.
Der Talmud und die Hebräische Bibel sind Grundlage des jüdischen Glaubens. Der Babylonische Talmud beinhaltet eine Zusammenfassung von Kommentaren zur Torah und enthält Wissen von Jahrhunderten – über Landwirtschaft, Medizin, gesellschaftliche Verhaltensregeln und gottesdienstliche Praktiken. Damit ist er einer der wichtigsten religiösen Quellentexte der Menschheit.
Der Münchner Talmud wurde 1342 fertiggestellt
Der Münchner Talmud wurde ursprünglich in Frankreich in Auftrag gegeben und im Jahr 1342 fertiggestellt. Im Zuge der Judenverfolgung dort gelangte das Buch über Italien nach Deutschland und während der Säkularisierung im 19. Jahrhundert schließlich in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek. Dort überdauerte er die NS-Zeit und die Zerstörung der Bibliothek durch Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg. Trotz seines langen Weges und Verfolgung ist die Handschrift vollständig erhalten geblieben und gilt neben ihrer religiösen Bedeutung auch als ein Symbol für die Geschichte jüdischen Lebens in Europa.
In der Bayerischen Staatsbibliothek ist er für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Dort befindet er sich in einer Schutzkassette bei stabiler Raumtemperatur und wird dort vor Licht und Luftfeuchtigkeit geschützt. Allerdings liegt er seit 2003 als vollständiges Digitalisat vor und wird im Katalog und in den Digitalen Sammlungen der Bibliothek sowie in der Deutschen Digitalen Bibliothek präsentiert. Somit haben alle, auch über München hinaus, Zugang zu dem Werk.
Für Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, steht der politische und gesellschaftliche Wert außer Frage, besonders mit Blick auf den Aufbewahrungsort in Bayern. Er betont die historische Verantwortung: „Gerade an diesem Tag und in diesen Zeiten darf die Rede von ,Nie wieder‘ nicht zur leeren Worthülse verkommen, sondern fordert jeden Tag von uns das aktive Eintreten. Wir wollen zeigen, dass jüdisches Leben ohne Wenn und Aber hier zu unserem Zusammenleben in Bayern und in Deutschland gehört.“

