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Kommunalwahl in Sendling:Konstruktiver Streit

Gasteig-Interim-Gelände am Flaucher, Hans-Preißinger-Straße 8

Was bislang in Sendling vom Gasteig-Interim steht, ist nur das Entré: Die Halle E wird renoviert und soll als Eingang zur Philharmonie fungieren.

(Foto: Florian Peljak)

Die verschiedenen Fraktionen wissen sich im Bezirksausschuss durchaus Gehör zu verschaffen und dürfen etliche Erfolge dafür verbuchen. Letztlich ziehen sie aber alle an einem Strang - zum Wohle des Stadtbezirks

Sendling - das ist endskorrekt" rappte schon Sendlings bekanntester Rapper MC Harras vor mehr als zehn Jahren. Irgendwie cool, soll das heißen - der Ausdruck passt zu Sendling. Man kann es aber auch so interpretieren, dass die Sendlinger hartnäckig für ihre Sache unterwegs sind, nicht locker lassen, bis sie endlich passt, nach Sendling passt. So ist das im Bezirksausschuss (BA): Wenn in den Ausschüssen die Angelegenheiten aufgearbeitet sind, wenn allen klar ist, was Sache ist, wird das Ziel gemeinsam hartnäckig verfolgt.

Berüchtigt sind in Sendling die Sitzungen, in denen das Wort Christkindlmarkt fällt. Das fällt leider häufig, sogar noch im Sommer und auch dann, wenn der Markt eigentlich nicht auf der Tagesordnung steht. Die Sendlinger haben sich einen Weihnachtsmarkt gewünscht, aber eben keinen, der so ist, wie der der vergangenen Jahre. Schlichtweg Trash sei er, bescheinigen die BA-Mitglieder ihm seit Jahren. Zu vermüllt, herumliegende Kabel, zu laut, zu viel Alkohol und Trinkmusik und Ramsch - die Diskussionen darüber können zehn Minuten dauern, meist ziehen sie sich länger. Das für Märkte zuständige Kommunalreferat, kräftig angefeuert durch zahlreiche Stellungnahmen und BA-Forderungen, hat in der vergangenen Saison einen neuen Weihnachtsmarkt-Betreiber nach Sendling geschickt. Dieser hat seine Sache offensichtlich nicht ganz so schlecht gemacht, auf die Auswahl der Stände wollen die Stadtviertelpolitiker trotzdem Einfluss haben. Denn ausgerechnet zwei der Stände, die die Sendlinger früher offenbar doch für gut befunden haben, hatte der neue Betreiber nicht zugelassen.

Der Sendlinger ist einer der kämpferischsten BA - bis hin zu Angelegenheiten, die in anderen Gremien vielleicht als Kleinigkeiten abgetan werden. Früher war er für Rededuelle zwischen SPD-Fraktionssprecher Ernst Dill und der CSU bekannt, häufig hatte man verbale Knüppel für die Kontrahenten parat. Doch unter dem Vorsitzenden Markus Lutz (SPD) ziehen alle für ein lebenswertes Sendling an einem Strang. Mehr als 90 Prozent aller Abstimmungen sind in der aktuellen Amtszeit einstimmig gefallen. Es ist die städtische Verwaltung, die man meist als große Bremserin sieht. Oft werden städtische Behördenvertreter zur Sitzung geladen, die dort begründen müssen, warum mal wieder etwas nicht klappt: Das Sozialreferat soll vortragen, warum es zulässig ist, dass immer noch nicht mit dem Bau des Alten- und Service-Zentrums (ASZ) angefangen wurde. Der Münchner Marktleiter muss sich rechtfertigen, warum Stillstand in der Sortieranlage vor dem Großmarktgelände herrscht.

Vor allem drei Mitglieder machen Druck und treiben hartnäckig die Sachen voran: Da ist der SPD-Sprecher Ernst Dill, ein Jurist, der in seiner Argumentation etwas an die spitzfindige Rhetorik eines Gregor Gysi erinnert und der wortgewandt insbesondere gegen eine Gentrifizierung des Stadtviertels eintritt. Dann ist da die Grünen-Spitzenkandidatin Elisabeth Robles-Salgado - beruflich leitet sie das ASZ in Thalkirchen - auch sie tritt energisch auf. Der Dritte ist der Vorsitzende Markus Lutz (SPD), Mitarbeiter der Staatsbibliothek. Auch er macht die Sendlinger Standpunkte deutlich, nicht als Einheizer. Er hat den Interessenausgleich im Blick. Markus Lutz ist seit etwas mehr als acht Jahren der Vorsitzende, damals war er mit 30 Jahren der jüngste BA-Chef in München.

Fakten zum Stadtbezirk 6

Sendling - so hieß auch das Dorf, das 782 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Sendling ist älter als München, von dem es 1877 eingemeindet wurde. Damals lebten in Sendling vor allem Viehbauern, die die Stadt mit Milch und Fleisch versorgten. Schon vor der Eingemeindung siedelten sich Industriebetriebe an. Auslöser war der Bau des Südbahnhofs an der Tumblingerstraße und der Eisenbahntrasse zum Ostbahnhof. Die Lokomotivenfabrik Krauss ließ sich daneben an der Lindwurmstraße nieder, ebenso die Eisengießerei Sugg, die Kochelbrauerei. Die Stadt legte südlich der Bahn - damals freies Feld - große Hallen für Lebensmittelvorräte an. Später entwickelte sich daraus der Münchner Großmarkt, immerhin der drittgrößte Europas. Für die Arbeiter wurden Wohnungen gebaut, Genossenschaften entstanden. Sendling wurde zu einer Arbeiter-Hochburg. Die SPD ist traditionell stark, auch wenn Oberbürgermeister Dieter Reiter, selbst Sendlinger, mit 68,5 Prozent bei der Stichwahl 2014 nicht sein bestes Ergebnis errang - aber eben doch ein überdurchschnittliches. Bei der Bezirksausschusswahl 2014 stimmten 40,8 Prozent der Sendlinger für die SPD. Doch auch hier wächst die Konkurrenz heran: Zweitstärkste Kraft wurden erstmals die Grünen mit 28,9 Prozent. Für die CSU stimmten 26,7 Prozent. Für die FDP reichte es mit 3,7 Prozent für ein Mandat.

Läuft man durch Sendling, sieht man vieles, was erreicht wurde in den vergangenen sechs Jahren: Rund um den Harras verbessert sich nach und nach die Verkehrsführung, auf der Plinganserstraße auch für die Radfahrer. Bald - erstmals - gibt es ein Stadtteilkulturzentrum, das im Sommer eröffnet wird, ein gemeinsames Haus mit dem Nachbarn Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Dann konnten, auf Intervention des BA hin, vielen von Investoren bedrohten Mietern geholfen werden. Die Stadt übte ihr Vorkaufsrecht aus, kaufte mehr als 300 Wohnungen hinter der Harras-Post und verhinderte damit die Übernahme durch eine dänische Pensionskasse - die größte städtische Hilfsaktion für Mieter der vergangenen Jahre.

Immer wieder im Einsatz war der BA auch zur Bewahrung der Frischluftschneise. So wurde auf Hinweis von Michael Kaiser (CSU) eine Schrebergarten-Siedlung gerettet, die einem Bauprojekt weichen sollte, obwohl sie eine wichtige Funktion als Frischluftschneise erfüllt. Noch nicht vom Tisch ist eine Halle, die der Deutsche Alpenverein (DAV) neben dem Kletterzentrum - auch in der Frischluftschneise - errichten will. Die Stadt hat nach viel Vorarbeit des BA zwar angedeutet, dieses Ansinnen eben aus diesem Grund abzulehnen. Der DAV, in München ein sehr starker Verein, hat seinen Bauantrag daraufhin zurückgezogen und angekündigt, dass er nicht locker lassen wird. Man kann damit rechnen, dass er den Antrag in der nächsten Amtsperiode, leicht verändert, wieder einreichen wird.

Was nicht geklappt hat: Der Kamin des HKW-Süd soll bald fallen, immerhin Münchens zweithöchstes Gebäude. Die Betreiber, die Stadtwerke, wurden in die Sitzung geladen, mussten erklären, warum sie keine alternative Nutzung zulassen wollen, ein Café etwa oder ein Museum. Millionenverluste ziehe eine Renovierung nach sich, sagten damals die Stadtwerke-Vertreter. Auch sei der Zugang zum Gelände wegen der Technik nicht möglich. Das Heizkraftwerk blockiert damit auch weiter jeden Zugang zum Isarkanal. Der BA fordert zumindest eine Öffnung entlang des Isarkanals - einen Radschnellweg am HKW entlang - und damit eine direkte Radverbindung aus dem Süden in die Isarvorstadt.

Doch es kommen in den nächsten Jahren weitere Herausforderungen auf Sendling zu, insbesondere zwei Großprojekte, die so groß sind, dass es auch dem entschlossen auftretenden BA 6 schwer gemacht wird, Sendling vor einem kräftigen Gentrifizierungsschub zu schützen. Zum einen kommt Bewegung auf das Großmarktareal, nach jahrelangem Stillstand wollen sich die Händler jetzt selbst eine Halle bauen - mit Tausenden Arbeitsplätzen auch in den oberen Stockwerken. Dafür ziehen sich die Händler auf den hinteren Teil des Geländes zurück. Zur Thalkirchner Straße hin wird Platz frei für Wohnungen, für Schulen und Kulturprojekte. Und oberhalb des Flauchers, zwischen Schäftlarn- und Hans-Preißinger-Straße, baut derzeit der Gasteig sein Ersatzquartier. Dort will er während des Umbaus des Stammhauses an der Rosenheimer Straße unterkommen.

Bei den Vorplanungen hat sich der Bezirksausschuss schon zweimal beweisen können: Dass auf dem Areal trotz des riesigen Raumbedarfs von Europas größtem Kulturzentrum - allein die Philharmonie soll 1800 Zuhörer fassen - viele der früher auf dem Areal arbeitenden Mieter bleiben durften und nicht gekündigt wurden. Dafür wurde im BA die Basis gelegt. Starken politischen Druck machten die Lokalpolitiker auch im Hinblick auf den zu erwartenden Besucherverkehr. Gasteig-Chef Max Wagner hat inzwischen angekündigt, dass genug Parkplätze auf dem Großmarktgelände zur Verfügung gestellt werden, dass mehr Busse fahren sollen und eine Haltestelle Gasteig-Sendling eingerichtet wird.

Die Spitzenkandidaten (soweit bekannt): SPD: 1. Markus Lutz, 2. Louisa Pehle, 3. Ernst Dill. Grüne: 1. Elisabeth Robles-Salgado, 2. Rene Kaiser, 3. Dagmar Irlinger. CSU: 1. Michael Kaiser, 2. Andreas Lorenz, 3. Heidemarie Simon. FDP: 1. Tobias Schönberger, 2. Monica Wolsky, 3. Boris Bull. Freie Wähler/ÖDP: 1.-3. Martin Rzehak.

© SZ vom 22.01.2020
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