Autodidakt:Diakonin Julia Mühlendyck verändert Andres Leben

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Im Frühjahr bricht Andre Racz die Reha ab und zieht nach Augsburg zu seinem Vater. "Ich war depressiv und fertig", sagt er. "Ich wollte raus und Klavier spielen. Hätt' ich die Entscheidung nicht getroffen, hätt' ich Julia nicht kennen gelernt und wäre am Arsch jetzt."

Julia, das ist Julia Mühlendyck und neben Ludovico Einaudi die zweite Begegnung, die Andre Racz' Leben verändert hat. Mühlendyck ist 35, Diakonin, Mutter von vier Kindern und so etwas wie Andres mütterliche Mentorin. Sie hörte ihn am Bahnhof spielen und sprach ihn an. Heute wohnt er in einer Wohnung in Augsburg, die ihr gehört. Sie hat ihm sein erstes eigenes Klavier organisiert, hilft bei Behördengängen und verschafft ihm kleinere Auftritte. Eine eigene Webseite hat sie auch für ihn einrichten, Visitenkarten drucken lassen. Julia sagt, sie sei "auf der Sonnenseite der Gesellschaft" aufgewachsen, wenn jemand in Not sei, hilft sie. Andres Geschichte habe sie einfach berührt.

Ihre Beziehung ist nicht unkompliziert, immer wieder gibt es Streit. Es fällt Andre Racz schwer, sich auf Menschen einzulassen. Den Alltag in einer harmonischen Familie, wie Julia Mühlendyck sie hat, kennt er nicht. Manchmal sei ihm Julia "zu pädagogisch", dann wird er eben bockig. Am nächsten Tag tue es ihm leid.

Julia Mühlendyck schlägt vor, Andre könne sich einen kleinen Job suchen, irgendwas Sicheres, zum Geld verdienen. Andre möchte sich lieber aufs Klavierspielen konzentrieren. Sie schlägt ihm vor, Klavierunterricht zu nehmen. Wenn er vom Spielen leben wolle, sei es wichtig, sich weiter zu entwickeln, sich verständigen zu können, auch mit anderen Musikern. Andre findet das nicht so logisch. Was sollte ihm ein Lehrer beibringen, was er sich nicht selbst beibringen kann? Eine konventionelle musikalische Ausbildung sieht er als eher hinderlich. Die haben ja alle. Außerdem findet er, dass die meisten, die nach Noten spielen, nur dümmlich auf ihr Papier starren. "Die hören das Lied gar nicht." Notenlesen aber möchte er lernen. Bald mal.

Andre Racz hofft auf eine dieser Youtube-Wunder-Geschichten, bei denen ein Außenseitertyp plötzlich Millionen Klicks bekommt. Er hofft darauf, Erfolg zu haben - als der Mensch, der er ist, mit dem, was er kann. Er möchte gehört werden.

An einem heißen Nachmittag im August, also ein paar Wochen vor der "Play me, I'm yours"-Runde, ist Andre Racz am Münchner Hauptbahnhof. Um das Klavier im Warteraum herum sitzen schläfrige Reisende, starren in ihre Handys. Als sich Andre Racz auf den niedrigen Hocker setzt und zu spielen anfängt, heben manche kurz den Blick. Es gibt Tage, da verdient er auf diese Weise 200 Euro, die Menschen ihm zustecken. Es gibt auch Tage, an denen sich die Leute laut unterhalten, direkt neben seinem Spiel. Oder andere spielen und geben mit ihrem Können an. Angeberei mag er gar nicht. An solchen Tagen bricht er ab, dann ist er frustriert. Auch darüber, dass alles doch nicht so einfach ist. Trotz Webseite, trotz Visitenkarten.

Er beginnt, Einaudis "Divenire" zu spielen, biegt dann in eine eigene Komposition ab. Er wiegt leicht vor und zurück, die Finger fliegen. Sein Spiel hat eine ungeheure Leichtigkeit, nur sein Blick ist angespannt, unsicher. Ein Mann filmt ihn, eine ältere Frau schließt die Augen und lächelt. Das Klavierspielen lässt Andre Racz eine Verbindung zu Menschen aufnehmen. Die Verbindung, die ihm sonst so schwer fällt und nach der er sich doch sehnt. Beim Klavierspielen ist alles Schwere leicht.

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