Autismus Helfen statt schimpfen

Sebastian Hierholzer, Christian Lauterbach, Nanna Lanz und Sebastian Lemke berichten von ihrem Leben mit Autismus.

(Foto: Florian Peljak)

Bei einer Messe schildern Betroffene eigene Erfahrungen mit der Entwicklungsstörung und fordern mehr Unterstützung im Alltag

Von Manuel Kronenberg

Der Sinn für Humor ist ihm trotz der ganzen Schwierigkeiten nicht abhanden gekommen. Das sei besonders wichtig, sagt Sebastian Lemke. "Sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier." Der 42-Jährige ist Autist. Erst vor zehn Jahren wurde seine neurologische Entwicklungsstörung diagnostiziert. "In der Zeit davor habe ich wenig mit mir anzufangen gewusst", erzählt er. "Ich bin herumgeeiert wie eine Flipperkugel." Er habe Abitur gemacht, das Studium abgebrochen, eine Ausbildung absolviert. Im Job sei er irgendwann nicht mehr zurechtgekommen. "Als dann die Diagnose kam, war das ein Punkt, an dem ich ansetzen konnte, um Lösungen für meine Probleme zu finden", sagt Lemke.

Bei seiner Suche nach Lösungen habe er über die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi) eine berufspraktische Weiterbildung gemacht. "Das hat mir geholfen, Selbstwertgefühl und auch ein Netzwerk aufzubauen." Schließlich fand er Arbeit in einem Archiv - ein Job, bei dem der sich wohl fühlt.

Lemke spricht bei einer Podiumsdiskussion über sein Leben mit Autismus - gemeinsam mit Nanna Lanz, Christian Lauterbach und Sebastian Hierholzer, die die gleiche Diagnose bekommen haben: Autismus. Eine Entwicklungsstörung, bei der sich die Betroffenen mit sozialen Beziehungen schwer tun, häufig kommen Verhaltensauffälligkeiten hinzu. Gut hundert Leute verfolgen die Diskussion, die im Rahmen einer Autismus-Messe in der Ernst-Barlach-Schule in Schwabing stattfindet. Organisiert hat die Messe das Autismus Kompetenznetzwerk Oberbayern (akn), das in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum feiert. Mitglieder in diesem Netzwerk sind verschiedene Einrichtungen wie etwa das gfi, das Berufsbildungswerk München, die Stiftung Pfennigparade oder der Verein Autismus Oberbayern. Alle haben sich zum Ziel gesetzt, das Versorgungsangebot für Menschen mit Autismus zu stärken.

Bei Autismus Oberbayern engagiert sich auch Nanna Lanz. Sie findet es wichtig, dass es Angebote für Autisten gibt, die von Betroffenen selbst geleitet werden. So organisiert sie regelmäßig ein Frühstück für autistische Eltern. Sie selbst habe zwei Söhne, erzählt sie. Der ältere habe wie sie das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus. Beim anderen wurde frühkindlicher Autismus festgestellt. "Mein Herzenswunsch für die Zukunft ist, dass es meinen Kindern gut geht", sagt Lanz. Ihr sei es besonders wichtig, dass Mitmenschen sensibel sind und öfter helfen, statt zu schimpfen. Das passiere aber immer wieder. "Zeitweise habe ich mich gar nicht getraut, mit einem meiner Söhne aus dem Haus zu gehen, weil wir gleich beschimpft wurden. Zum Beispiel wenn er im Bus an den Sitzen gerüttelt hat, was ja ein typisches Verhalten ist." Lauterbach, der neben Lanz sitzt, ist der gleichen Meinung. Es brauche mehr Toleranz gegenüber dieser besonderen Art des Andersseins, sagt er. "Die Symptome von Autisten sind ziemlich individuell. Deshalb ist Offenheit sehr wichtig."

Wenn es um die Unterstützung von Autisten geht, müsse man genau dies berücksichtigen, sagt Hannes Müller vom Berufsbildungswerk: "Eine große Herausforderung ist, dass Menschen mit Autismus so verschieden sind und so unterschiedliche Bedürfnisse haben." Deshalb kann es laut Müller keine allgemeingültige Vorgehensweise geben. "Wenn das Ziel zum Beispiel berufliche Integration ist, dann braucht es mehr als nur zu sagen: Das ist der eine Weg, und der wird immer für alle Autisten funktionieren." Müller findet, dass das akn-Netzwerk eine Antwort auf diese Heterogenität liefern kann - weil auch Netzwerkpartner selbst so vielseitig sind, dass sich für fast jeden Autisten ein passendes Angebot findet. "Von daher ist es ganz wichtig, dass man sich gegenseitig kennt."

Die vier betroffenen Teilnehmer der Podiumsdiskussion sehen Veränderungsbedarf vor allem in der gesellschaftlichen Akzeptanz. So erzählt der 24-jährige Hierholzer, dass er nicht auf eine Berufsschule gehen möchte, weil er immer wieder schlechte Erfahrungen mit Mitschülern gemacht habe. "Man hat mich als einen Störfaktor betrachtet, den man loswerden möchte, und auch dementsprechend gehandelt." Bei den Leuten überwiege immer noch die Ablehnung, sagt auch Lemke. Oft wisse man als Autist nicht, wie das eigene Verhalten ankommt. Auch deshalb sei manchmal unberechenbar, was als nächstes passiert, erzählt er. Solchen Situationen begegnet Lemke dann oft mit Humor - er habe extra einen passenden Spruch entwickelt: "Kopf hoch, Erwartungen runter, Augen auf und durch."