Auszeichnung Viel herumgedoktert

Eine medizinische Basisversorgung für Flüchtlinge in den Unterkünften hat der Kinderarzt Mathias Wendeborn mit den "Refudocs" aufgebaut. Dafür erhält er nun den Förderpreis "Münchner Lichtblicke".

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Vor drei Jahren gründete der Kinderarzt Mathias Wendeborn die Refudocs, um Flüchtlinge medizinisch zu versorgen. Zusammen mit drei anderen Initiativen bekommt er nun den Münchner Lichtblicke-Preis

Von Sven Loerzer

Schlecht versorgte Schusswunden, wund gelaufene Füße, Krätze - darunter leiden Flüchtlinge natürlich auch. Am häufigsten aber machen ihnen im Winter grippale Infekte zu schaffen. Flüchtlingen und ihren Kindern bei allen gesundheitlichen Problemen zu helfen, egal ob nur eine Impfung nötig ist oder ob sie schwer krank sind, dieser Aufgabe hat sich der Münchner Kinderarzt Mathias Wendeborn verschrieben. Der Initiator von Refudocs zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen, Asylsuchenden und deren Kindern hat den Verein 2014 gegründet, "weil das klassische Gesundheitssystem den Bedürfnissen der geflüchteten Menschen nicht gerecht werden konnte". Dafür wird er an diesem Dienstag mit dem Förderpreis "Münchner Lichtblicke" ausgezeichnet.

Wendeborn habe, so die Jury, mit seinen Mitstreitern, zu denen inzwischen 80 Ärzte, 35 Pflegekräfte und zehn Dolmetscher gehören, eine "gute, niedrigschwellige medizinische Basisversorgung" aufgebaut. In der Erstaufnahmestelle der Regierung von Oberbayern, die bis Ende 2016 in der Bayernkaserne war, versorgten die Refudocs monatlich bis zu 2000 Geflüchtete. In Zusammenarbeit mit Regierung und Stadt betreuen die Refudocs Asylbewerber inzwischen an vier Standorten. "Die Praxis versteht sich auch als eine Art Lotse in das klassische Gesundheitssystem", betont die Jury. "Dadurch werden niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser und Ambulanzen entlastet und Konkurrenzgefühle bei der Betreuung der einheimischen Wohnbevölkerung vermieden." Wendeborn strebt eine weitere Professionalisierung an - mit einem ersten festen Standort für eine interdisziplinäre Refudocs-Praxis.

Mit dem Preis "Münchner Lichtblicke" wollen die Stadt, der Verein Lichterkette und der Migrationsbeirat den Blick auf Initiativen lenken, die sich für ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen einsetzen. Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) verleiht die mit insgesamt 12 000 Euro dotierte Auszeichnung auch an Refugio, das Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer, an das Junge Bündnis für Geflüchtete und an die Carl-von-Linde-Realschule.

Das Junge Bündnis entstand ebenfalls im Jahr 2014 als Zusammenschluss von verschiedenen Münchner Parteijugendorganisationen und Jugendverbänden. Bis zu 60 Personen beteiligen sich, um sich auf kommunaler Ebene gemeinsam mit Flüchtlingen für ihre Anliegen und Bedürfnisse einzusetzen. "Konkret geschieht dies durch Aufklärungsarbeit an Münchner Schulen, Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements, Vernetzung und politische Einwirkung", schreibt die Jury.

Refugio, 1994 gegründet, kümmert sich jedes Jahr um mehr als 1000 traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer. Refugio verstehe sich "zugleich als Facheinrichtung mit hohem Standard und als Menschenrechtsorganisation", hebt die Jury des Lichtblicke-Preises hervor. "Gerade die Traumatisierung von Flüchtlingen darf nie abgetrennt von politischen Ereignissen in der Heimat oder in Europa gesehen werden." Deshalb sei Refugio auch der Austausch mit Politikern wichtig, um deren Verantwortung für traumatisierte Flüchtlinge deutlich zu machen.

Der Schulsonderpreis geht an die städtische Carl-von-Linde-Realschule, die seit 40 Jahren Integration vorbildlich lebe: Schüler aus 57 Nationen werden in 29 internationalen Klassen unterrichtet; der Migrantenanteil beträgt 90 Prozent. Viel zusätzliche Zeit und sehr großes freiwilliges Engagement von Lehrkräften und Schulsozialarbeitern führten zum Erfolg: "Bei der Mittleren Reife fällt niemand durch", so die Jury - und die Schüler "machen oftmals sehr gute Abschlüsse".