Auszeichnung Die Idee soll weiterleben

„Familien brauchen Hilfe, die Situation zu verarbeiten, ihr Kind in seiner Entwicklung zu verstehen und optimal zu fördern“, sagt Reinhard Roos. Die Harl.e.kin-Nachsorge ist für sie kostenlos.

(Foto: Robert Haas)

Reinhard Roos hält nichts von Selbstdarstellung. Für seine Frühchen-Nachsorge hat er die Medaille "München leuchtet" erhalten, trotzdem möchte er lieber seinen Verein im Mittelpunkt sehen

Von Sven Loerzer

Aufhebens um sich selbst zu machen, ist seine Sache nicht. Der ehemalige Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Harlaching, Professor Reinhard Roos, hält nichts von Selbstdarstellung. Dass er gerade die Medaille "München leuchtet" in Silber erhalten hat, kann daran nichts ändern, dass er nicht über sich und seine Verdienste reden will. Stattdessen lenkt der 74-Jährige das Interesse an seiner Person lieber auf ein Projekt, nach dessen erfolgreichem Vorbild nun in Geburtskliniken in ganz Bayern gearbeitet wird: Die "Harl.e.kin-Frühchen-Nachsorge", die er zusammen mit anderen Engagierten 2003 als Modell aufgebaut hat.

Geboren in Jena, aufgewachsen im schwäbischen Oberkochen bei Aalen, hat Roos in Tübingen studiert und kam, wie er sagt, als "Arbeitsmigrant" nach München. "Ich bin kein echter, sondern ein typischer Münchner." Als Arzt war er zunächst im Haunerschen Kinderspital und dann im Klinikum Großhadern tätig, bevor er 1994 an die städtische Klinik in Harlaching wechselte. Schon im Jahr darauf gründete er den Verein "Harl.e.kin", dessen Ziel es ursprünglich war, die Ausstattung und das Ambiente der Kinderklinik zu verbessern. Der Name war als Verweis auf die Harlachinger Klinik, die für Eltern und ihre Kinder da sein soll, gedacht. Inzwischen ist der Verein, dessen Vorstand Roos bis Januar vergangenen Jahres angehörte, Träger der Frühchen-Nachsorge - nicht nur in Harlaching, sondern auch im Schwabinger Krankenhaus und im Klinikum Rechts der Isar. Mit anderen Trägern gibt es das Angebot inzwischen auch in der Klinik des Dritten Ordens und in Großhadern.

Hatten sich die Überlebenschancen von Frühgeborenen dank medizinischer Fortschritte und optimaler Betreuung in der Klinik erheblich verbessert, so gab es immer noch einen Schwachpunkt: Mit Ende der klinischen Versorgung, die neben der medizinischen Therapie auch psychotherapeutische und seelsorgerische Begleitung umfasste, riss die Betreuung abrupt ab. "Eine Frühgeburt bedeutet ein erhebliches Trauma für alle Beteiligten", sagt Roos. Die Versorgung in der Klinik durch Intensivpflegekräfte, Neonatologen - auf die Versorgung von Neugeborenen spezialisierten Kinderärzten - und Therapeuten sei deshalb auf Minimierung des Traumas ausgerichtet.

Doch mit der Entlassung reiße das dichte Versorgungsnetz, was Eltern oft extrem verunsichert. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte der Kinderarzt und Neonatologe Roos zusammen mit seiner Kollegin Sabine Höck von der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern die Harl.e.kin-Nachsorge, das für die Familien kostenlos ist. "Sie brauchen Hilfe, die Situation zu verarbeiten, ihr Kind in seiner Entwicklung zu verstehen und optimal zu fördern."

Die Pflegekräfte der Klinik, die oft besser noch als die Ärzte die Situation der Kinder und ihrer Eltern kennen, bleiben weiterhin ansprechbar für die Eltern, etwa in Fragen der Ernährung oder bei der Pflege. Die Pflegekräfte, die den Eltern bereits aus der Klinik bekannt sind, gehen zusammen mit Therapeuten aus der Frühförderung in die Familien, wenn sie, wie die meisten, das unbürokratische Hilfsangebot annehmen wollen. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass die Kinder frühestmöglich bei der Frühförderung "andocken", um eine optimale Entwicklung zu gewährleisten. Außerdem gibt es Frühchen-Gruppen, in denen Eltern sich austauschen können und mit Hilfe einer Physiotherapeutin bei Treffen lernen, die Signale ihres Kindes zu verstehen. Im Hinblick darauf, dass Bindungsvorgänge nicht normal ablaufen können, wenn das Kind die meiste Zeit im Brutkasten liegt, sei dieses Angebot wichtig, betont Roos.

Etwa zwei Drittel der Kosten der "strukturierten Nachsorge" finanziere das Sozialministerium, den Rest muss der Verein selbst aufbringen, der dafür Spenden sammelt und auch Unterstützung von Spendenhilfswerken wie dem SZ-Adventskalender oder den BR-Sternstunden erhält, um Familien bei Notlagen helfen zu können. Nach dem erfolgreichen Start in München ist das Projekt inzwischen bayernweit an 24 Standorten in allen Regierungsbezirken unter dem Namen des Pilotprojekts "Harl.e.kin-Nachsorge" mit jeweils örtlichen Trägern etabliert.

Mit Recht könnte Roos also stolz sein auf den Erfolg. Doch er sagt nur, dass er das für "eine gute Sache" halte. Und dass es an der Zeit wäre, bundesweit nach diesem Modell, das gut angenommen werde, vorzugehen, statt "1000 Insellösungen" anzubieten: "Der Bedarf ist doch da", sagt er. Und so freut sich Roos vor allem deshalb über die Auszeichnung durch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, weil sich dadurch die Gelegenheit ergibt, dem Thema erneut Öffentlichkeit zu verschaffen.

Aus der praktischen Arbeit, dem Tagesgeschäft im Vereinsvorstand, hat er sich dagegen bewusst zurückgezogen: "Das müssen die Leute machen, die vor Ort sind. Das klappt, Gott sei Dank."

Natürlich sammelt Roos noch weiter Spenden für den Verein Har.le.kin, aber das Wichtigste ist ihm, dass die Idee der Nachsorge auch ohne ihn weiterlebt und "keine Eintagsfliege ist".