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Ausstellungen:Botschaft von der Straße

Zum 100. Geburtstag strahlt Joseph Beuys aus. Wo der Mann mit dem Hut und sein Werk derzeit in München zu entdecken sind

Von Evelyn Vogel

Joseph Beuys mag nicht immer eine gute Antenne dafür gehabt haben, wie viel er seinen Zuhörern zumuten konnte. Wenn er ins Diskutieren kam, war kein Halten. Seine Reden wie seine Aktionen konnten mitunter geradezu monströs ausufernd sein. Doch immer stand der Wunsch dahinter, mit seiner Kunst über das Museum hinaus in den öffentlichen Raum zu strahlen im Sinne der "Sozialen Plastik", mit der er auf die Gesellschaft gestaltend einwirken wollte. Einer seiner Leitsätze war: "Ich bin ein Sender. Ich strahle aus".

In diesem Sinne handeln auch Tatjana Schäfer und Bernhard Schwenk von der Pinakothek der Moderne mit der Aktion "Ich strahle aus" zum 100. Geburtstag des 1986 gestorbenen Künstlers. Im Mittelpunkt stehen dabei Multiples, Objekte also, die Beuys auch mit dem Gedanken an den Demokratisierungsprozess in der Kunst, als Serien herausbrachte. Dabei werden zehn solcher Multiples aus der hauseigenen Sammlung an sieben recht unterschiedlichen Orten nicht aus-, sondern zur Diskussion gestellt. Was Beuys - siehe oben - vermutlich sehr gefallen hätte.

Joseph Beuys, Giancarlo Pancaldi: Portrait Joseph Beuys

Von dem Beuys-Porträt "La rivoluzione siamo noi" von Giancarlo Pancaldi gibt es mehrere Plakat-Versionen. Dieses Original stammt aus dem Nachlass von Joseph Beuys und ist im Besitz von Bernd Klüser.

(Foto: VG Bild Kunst, Courtesy Sammlung Kluser)

Das Objekt, das jetzt, da die Kinos wieder spielen, vielleicht die meisten Menschen zu Gesicht bekommen werden, ist "Das Schweigen", das im Theatiner Filmtheater gleich am Treppenabgang im unteren Foyer Platz gefunden hat. Ein Multiple, mit dem Beuys mehrere Bezüge herstellt. Künstlerisch stellt er sich damit gegen Marcel Duchamps Diktum zum "Schweigen über die Kunst". Gesellschaftlich hinterfragt er das in der Nachkriegszeit berühmte "Schweigen der Väter" - was gerade bei einem ehemaligen Kriegsteilnehmer einige Fragen aufwerfen kann. Inhaltlich zielt er auf den gleichnamigen Film von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1963, der wegen der dargestellten sexuellen Freizügigkeiten zensiert wurde und eine gesellschaftliche Debatte über die Freiheit der Kunst auslöste. Das Objekt besteht aus Filmspulen mit den Originalkopien des Bergmann-Films, die Beuys verzinkte und sie damit funktional "zum Schweigen" brachte. Angesichts des monatelangen Corona-Lockdowns, in dem die Filmtheater zum Schweigen verurteilt waren, und dem damit verbundenen Stillstand der Kunst- und Kulturbranche, der die Frage nach der Systemrelevanz aufwarf, weist diese Positionierung eine höchst aktuelle Referenz auf.

Auch alle anderen Multiples werden in Bezug zu den Aufstellungsorten gesetzt. Die Schultafel mit "Kunst = Kapital" wurde beim Rückversicherer Munich Re positioniert. Unter anderem "Buttocklifting", ein Metallschild, das Beuys als Spezialist fürs "Hinternheben" bezeichnet, ist in der Stiftung "Kick ins Leben" ausgestellt. Beuys wollte damit andeuten, dass die Menschen gefälligst den Hintern hochkriegen sollten, um das Leben zu meistern. Im Hinblick auf den Selbstoptimierungswahn unserer Zeit gewinnt das Objekt aber noch eine andere Bedeutung. Über diese wie andere Deutungen können Besucher mit Stiftungsverantwortlichen donnerstags von 16 bis 18 Uhr diskutieren.

Joseph Beuys
Rose für direkte Demokratie, 1973

"Rose für direkte Demokratie" in graviertem Glaszylinder von 1973.

(Foto: Haydar Koyupinar; BSTGS; VG Bild)

Denn auch das ist das besonders "Beuys'sche" an der Aktion der Pinakothek der Moderne: Vielfach sind es Orte, die eher unbekannt sind, die sich aber über die ausgestellten Objekte Besuchern öffnen und mit ihnen in Dialog treten. Im Center For Advanced Studies, kurz CAS, der LMU steht die "Ölkanne F.I.U"., mit der Beuys zu mehr "geschmeidigem Denken" anregen wollte - und ist damit bei dem fächerübergreifenden Forschungsinstitut genau an der richtigen Stelle platziert.

Auch dort zu erleben, und zwar im "Oval Office" des Instituts am Englischen Garten, ist Beuys' Hörstück "Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee". Den Monolog kann man als Anregung zur Abwägung deuten wie als Widerstand gegen festgefahrene Lehrmeinungen, gegen die Beuys damals zu Felde zog, als er unzählige Studierende in seine Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie aufnahm, damit seine Professur aufs Spiel setzte und letztendlich auch verlor. Interessant, dass dieses Hörstück derzeit auch in der Ausstellung "Bis ans Ende der Welt & über den Rand - mit Adolf Wölfli" in der Villa Stuck läuft. Oder besser laufen würde, denn im Moment ist diese Ausstellung wegen haustechnischer Probleme geschlossen.

Joseph Beuys
Capri-Batterie, 1985

"Capri Batterie" von 1985.

(Foto: Sibylle Forster; BSTGS; VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Da es sich ja bei allen Arbeiten um Multiples handelt, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass zwei der vielleicht berühmtesten Arbeiten nicht nur im Rahmen der Aktion "Ich strahle aus" zu sehen sind, sondern auch in den Galerieausstellungen von Bernd Klüser. Zum einen ist da die "Capri Batterie", die auf humorvolle Weise die Wechselwirkung von Natur und Technik hinterfragt, von der Pinakothek im Gate, dem Garchinger Technologie- und Gründerzentrum, platziert. Zum anderen trifft die "Rose für direkte Demokratie" im Weiße-Rose-Saal des Justizpalasts auf die Abbilder der Mitglieder der Widerstandsbewegung Weiße Rose. Jeden Freitag von 16 bis 17 Uhr kann jeder, der will, die Gegenüberstellung der so unterschiedlichen Jahrgangsgleichen Joseph Beuys und Sophie Scholl & Co. befragen.

Diese beiden Multiples wie auch "Das Schweigen" sind zudem in den Galerieausstellungen von Bernd Klüser zu sehen. Er ist einer der beiden wichtigsten Beuys-Sammler in München, gerade in diesem Jubiläumsjahr zigfacher Leihgeber von Beuys-Werken an Museen und außerdem jener Mann, der zusammen mit Jörg Schellmann das Beuys-Environment "zeige deine Wunde" 1976 in der Unterführung der Maximilianstraße / Ecke Altstadtring (dem heutigen Maximiliansforum) überhaupt erstmals zeigte - was bekanntermaßen zum umstrittenen Ankauf durch das Lenbachhaus führte. Klüser ist, wenn man so will, der Mann, der Beuys nach München brachte. Und damit eindeutig eine gute Antenne hatte für die besondere Beziehung des Künstlers aus dem Rheinland zu München.

Ich strahle aus. 100 Jahre Beuys, bis 10. Okt., Orte und Infos unter www.pinakothek-beuys-multiples.de; Dauerausstellungen: Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40 und Lenbachhaus, Luisenstr. 33; Sonderausstellungen: Galerien Klüser I+II, Georgenstr. 15 und Türkenstr. 23

© SZ vom 26.06.2021
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