Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Wilde Bestien aus dem Reich des Unterbewussten

Jutta Burkhardt hat für die Artothek eine multimediale Rauminstallation geschaffen - mit Sound zum Abrufen übers Smartphone

Von Evelyn Vogel

Natürlich, ein wenig Fantasie gehört schon auch dazu. Aber ist man erst einmal in diesen Raum aus Linien und Schraffuren eingetaucht, meint man alsbald in einer erzählenden Handlung zu sein. Nicht linear, nicht figurativ, aber gleichwohl bild- und geschichtenreich. Etwas düster, wirr und bedrohlich - schon deshalb, weil alles in schwarz und weiß ist. Was Jutta Burkhardt für den Ausstellungsraum der Artothek geschaffen hat, ist kein erkennbar labyrinthischer Raum wie in Piranesis "Carceri". Aber die Verlorenheit und die Bedrohung, die Piranesis Zeichnungen von erfundenen Kerkern ausstrahlen, klingen hier durchaus an.

Die Münchner Künstlerin beschäftigt das Unbewusste, Irrationale, Verdrängte, "all das, was sich dem Blick zunächst entzieht, aber als absurde Auswüchse gesellschaftlicher Konventionen immer wieder durchschlägt". Setzt sie den Stift an, folgt sie mit intuitiven Bewegungen und in einer fast meditativen Zeremonie dem Fluss des "Hintergrundrauschens meines Bewusstseins", wie sie sagt. So entstehen schmale hochformatige Blätter von unterschiedlicher Dichte. Während der eine in dem Linienwirrwarr vielleicht nur eine Wolkenformation auszumachen vermag, sieht die andere darin die unendlichen Weiten des Weltraums - oder gleich eine ganze Star-Wars-Schlacht. Wo nur ein schwarzes Loch zu gähnen scheint, tut sich aufgrund der ausgefransten Ränder plötzlich ein Höllenschlund auf. Und springt einen da aus der Ecke nicht ein Ungeheuer an?

Aus acht Zeichnungen mit dem Titel "Aphasia" sowie überraschend gegenständlichen Fotos in Leuchtkästen und einer Treppe hat-dt in Kombination mit einer eigens dafür entwickelten Komposition eine große multimediale Rauminstallation mit dem Titel "Hinterland" geschaffen. Ein Land, das man betreten kann. Ein Raum, in dessen Tiefe hinein eine Treppe wie auf eine Bühne führt. Und von Räumen und Bühnen versteht Jutta Burkhardt einiges.

Anfang der Neunzigerjahre hat sie am Mozarteum in Salzburg Bühnen- und Kostümbild bei Herbert Kapplmüller studiert, war anschließend Bühnenbildassistentin am Münchner Residenztheater, am Berliner Ensemble, am Staatstheater Stuttgart und am Wiener Burgtheater. Sie hat seit 1996 zahlreiche Raum- und Videokonzeptionen für verschiedene Theater entwickelt und arbeitet seither auch als Bildende Künstlerin. Ihre Arbeiten waren in verschiedensten Ausstellungen zu sehen, vor allem in Bayern, aber auch in Berlin und Barcelona. 2019 war in der Ausstellung "The Big Sleep" im Haus der Kunst eine Art Vorläufer ihres "Aphasia"-Konzepts zu sehen, das sie nun für die Artothek zu einer All-Over-Installation entwickelt hat.

Nicht nur die Bildsprache, die den Betrachtern hier entgegenschlägt, ist wild und mäandernd. "Wie eine Pflanze, die sich gleichermaßen ober- und unterhalb der Erdoberfläche erstreckt, hinterlässt die Realität Spuren in unseren Träumen und unsere Träume in der Wirklichkeit", erklärt Burkhardt ihre Idee. Diesen Grenzbereich zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein mit all seinen Zwischenräumen, Abgründen und irrationalen Manifestationen versuche sie mit unterschiedlichen Medien auszuloten.

Zu diesen Medien zählen eben nicht nur die Zeichnungen, die auf Tapetenbahnen projiziert den Raum ausgestalten, die Leuchtkästen, die wunderbar altmodische Heuhaufen aus Benediktbeuern zeigen, und die Treppe ins Nichts - oder in den Höllenschlund, so man ihn denn sieht. Dazu gehört auch eine Komposition, die normalerweise drinnen läuft, die man nun aber im Lockdown mit Hilfe eine QR-Codes an der Fensterscheibe mit seinem Smartphone abrufen kann. Zwischen Walgesängen, Zirpen und Zwitschern, Atemgeräuschen und Wasserplätschern schiebt sich harsches maschinenähnliches Dröhnen und Pochen, Peitschen und Kreischen.

Jutta Burkhardts "Hinterland"-Installation mag kein Piranesi-Kerker sein. Die Höllen-Assoziation scheint aber nicht weit davon entfernt zu sein.

Jutta Burkhardt: Hinterland, Artothek & Bildersaal, Rosental 16, Ausstellung bis 23. Januar verlängert, jederzeit einsehbar, QR-Code für Sound an Fensterscheibe

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SZ vom 07.01.2021
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