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Ausstellung:Weltordnung auf Steppdecken

Das Augsburger Textilmuseum bringt die Quilts der Amish People mit Moderner Kunst zusammen und schafft so ganz unerwartete Einsichten jenseits der rein formalen Aspekte

Von Sabine Reithmaier

Ein verzerrtes Videobild. Schemenhafte Gestalten, dem heiteren Gelächter nach Jugendliche, spielen Fußball. Das Kullern des Balls klingt seltsam, irgendwie unrund. Bruchteile von Sekunden schärft sich das Bild, zerfließt wieder. Ein normaler Ball ist das nicht. Kicken die Kinder etwa mit einem menschlichen Schädel? Die pakistanische Künstlerin Adeela Suleman löst den furchtbaren Verdacht nicht auf. Doch ihre Arbeit "Don't despair, not even over the fact that you don't despair" lässt das Blut in den Adern gefrieren. Der Gegensatz zu den in unmittelbarer Nähe hängenden Lone-Star-Quilts der pazifistischen Amish People, die den Bethlehem-Stern als Symbol für den Friedensbringer Jesus von Nazareth verwenden, könnte nicht krasser sein.

Quilts mit zeitgenössischer Kunst zu kombinieren, ist nicht neu, seitdem die Steppdecken in den Sechzigerjahren entdeckt und museumswürdig wurden. Oft konzentriert sich die Gegenüberstellung auf formale Aspekte, denn von den Quilts mit ihren Streifen, Quadraten und Rechtecken ist kein großer Sprung zu Konkreter Kunst und Konstruktivismus. Einen ganz anderen kuratorischen Ansatz haben Karl Borromäus Murr, Leiter des Textilmuseums Augsburg (tim), und Kunsthistorikerin Tanja Kreutzer gewählt. Sie inszenieren in "Amish Quilts meet Modern Art" ein anthropologisches Gespräch zwischen Kunsthandwerk und Kunst, zielen auf eine inhaltliche Auseinandersetzung, nutzen auf eine kluge Weise die altmodische Lebensart der Amish People als Kontrastfolie zur gegenwärtigen Gesellschaft.

In den Quilts drücken sich Grundhaltungen der ursprünglich aus Europa stammenden, vor Jahrhunderten in die USA ausgewanderten protestantischen Täuferbewegung aus. Daher haben die Kuratoren die 50 großartigen Amish-Quilts aus der Münchner Privatsammlung Wurzer, entstanden in den Jahren 1878 bis 1950, nach Kategorien des amischen Lebens und deren jeweiliger Umkehrung geordnet. Diese Gegensatzpaare, etwa Demut / Hochmut, Arbeit / Müßigang, Frieden / Krieg, gliedern die Schau in 14 Themenbereiche.

Das Leitmotiv der Amish-Kultur ist die "Ordnung", ein Regelwerk, welches das Leben der Bewegung im Alltag bis ins Kleinste bestimmt, auch festlegt, welche Farben und Stoffe für die Herstellung der Quilts zu verwenden sind. Das Bilderverbot der Amish gestattet keine figurativen Darstellungen, dafür geometrische Formen in einer beeindruckenden Symmetrie, wunderbar fließende oder schwebende Quadrate. Winfred Gaul (1928 - 2003) suchte nach dem Zweiten Weltkrieg nach einer neuen Ordnung. Drei Arbeiten aus der Serie "Sex-a-gon", angeregt von Verkehrszeichen, leuchten in Signalfarben, ohne dass ein individueller Pinselduktus erkennbar ist. Pures Chaos verströmt die Wandplastik "Natural Chaos" des belgischen Künstlers Arne Quinze, ein faszinierend ungeordneter, alles verschlingender Strudel.

Für die Amish waren Quilts Gebrauchsgegenstände, die aufwendig hergestellten Gemeinschaftswerke wurden häufig zu Hochzeiten oder Geburten verschenkt. Murr hat etliche von ihnen horizontal aufgelegt, was ihrem ursprünglichen Zweck als Bettdecke viel näher kommt. Die Steppnähte dienten in erster Linie dazu, die verschiedenen Schichten der Decke miteinander zu verbinden. Doch nicht selten formieren sich diese Linien zu organischen Rauten und Girlanden. Auch wenn es sich nur um Umrisszeichnungen handelt, erkennt man Blumen, Laub, Trauben oder Sterne. So ganz hundertprozentig wurde das Bilderverbot dann doch nicht eingehalten.

Manchmal sind Unregelmäßigkeiten eingearbeitet, Fehler als Demutszeichen, denn ein Quilt ist ein von Menschenhand gemachtes, unvollkommenes Produkt. Perfekt ist allein Gott. Sophia Süßmilchs Kunst sicher nicht, jedenfalls nicht nach Ansicht mancher Nutzer der Sozialen Medien. Die in Dachau geborene Künstlerin setzt sich auf ihrem monumentalen und sehr ironischem "Denkmal der Beleidigung" hemmungsloser Kritik aus, listet reihenweise Beleidigungen auf. Felix Weinold dagegen thematisiert den Hochmut in seinem Triptychon "Vanity Fair" durch zwei junge, sich lasziv räkelnde Körper auf Hochglanzfotos. Der Ruhm einer Titelseite hält nicht lang, das Mittelbild zeigt das geschredderte Magazin.

Viele der Quilts leben durch ihre Farbigkeit. Hervorragend dazu passen Manfred Mayerles nahezu magisch leuchtende Bilder. Der Münchner Maler legt in seinen Arbeiten 30 bis 40 farbige Linienschichten übereinander, bis monochrome Flächen entstehen. Linien, die an der Leinwand herunterlaufen, bleiben sichtbar, erzählen von der eingefangenen Zeit und vom Moment des Zufalls.

Der Künstler Julius von Bismarck peitscht in seiner Videoarbeit den Zürichsee, frei nach einer Herodot-Erzählung, in der der frustrierte Perserkönig Xerxes den Ozean auspeitschen lässt. Ein gelungenes Bild für unseren Umgang mit der Natur und ein Versuch, allzu idyllische Landschaftsbilder aus unseren Köpfen zu vertreiben. Quilts sind meist einmalige Unikate. Der Kunstmarkt hat sie in eine teure Ware verwandelt. Nichts für die Bettler, die Documenta-Teilnehmerin Andrea Büttner darstellt. Ihre beiden Holzschnitte greifen auf eine Barlach-Figur zurück, zeigen einen Klumpen Mensch, der nur skizzenhaft auftaucht, die Hände nach Almosen ausgestreckt. Eine moderne Variante einer verlöschenden Existenz, wertlos in der Leistungslogik unserer Welt.

Amish Quilts meet Modern Art, bis 25. Oktober, Staatliches Textil- und Industriemuseum Augsburg

© SZ vom 31.07.2020

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