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Ausstellung über Max Littmann:Der Architekt des Alt-Münchner Lebensgefühls

Das Ölgemälde zeigt Max Littmann - vermutlich ein Selbstporträt.

(Foto: Architekturmuseum der TU)

Ohne Max Littmann gäbe es kein Hofbräuhaus und kein Platzl, keinen Oberpollinger und kein Prinzregententheater. Das Theatermuseum zeigt, wie sehr er die Stadt geprägt hat.

Von Martin Bernstein

"Es war eine liebe Zeit, die gute, alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch, denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen war'n typisch, die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger."

So ließ der Autor Georg Lohmeier jede Folge seiner legendären TV-Serie "Das königlich bayerische Amtsgericht" beginnen. Die Prinzregentenzeit - der Inbegriff der angeblich "guten alten Zeit" und doch zugleich das Entree in ein neues Zeitalter der Technik und des Massenkonsums. Für München gilt das in besonderem Maße: In der Regierungszeit des vorletzten Wittelsbachers Luitpold wird München von einer Residenzstadt zu einer Stadt des Bürgertums. Eines Bürgertums, das sich öffentlich und selbstbewusst inszeniert. Die Kulissen für diese Inszenierung liefert vor allem ein Mann: Max Littmann.

Der junge Architekt Littmann kommt 1888 nach München, zwei Jahre nach dem Amtsantritt des Prinzregenten. Der Baumeister des Alt-Münchner Lebensgefühls ist kein Münchner, noch nicht einmal Bajuware - Littmann ist 1862 im sächsischen Chemnitz zur Welt gekommen. Doch ohne ihn, den Neuankömmling, wäre München nicht München, zumindest nicht das München, das man heute kennt. Ohne Littmann gäbe es kein Hofbräuhaus und kein Platzl, keinen Hertie am Hauptbahnhof und keinen Oberpollinger, keine Schack-Galerie, kein Prinzregententheater und keine Kammerspiele.

Es ist das Verdienst einer großen (und großartig inszenierten) Doppelausstellung im Deutschen Theatermuseum in den Hofgartenarkaden, dem Besucher mit Fotografien, Plänen und Modellen vor Augen zu führen, wie Littmann die Stadt geprägt hat. Doppelausstellung, weil die Littmann-Schau Teil eines EU-Projekts ist: "Die Geschichte Europas, erzählt von seinen Theatern" - nichts Geringeres präsentieren sechs europäische Theatermuseen in einer sich von Ort zu Ort verwandelnden Wanderausstellung. Auch die ist hinter den Hofgartenarkaden zu sehen, als Rahmen für die eigene Retrospektive über Max Littmann. Eine Architekturausstellung im Theatermuseum: Man staunt und lässt sich gerne überzeugen. Die Ausstellungsmacher Museumsleiterin Claudia Blank und Kurator Martin Laiblin haben die beiden Kapitel ihrer Littmann-Ausstellung "Theatralisierte Demokratie" und "Demokratisiertes Theater" überschrieben.

Die Kaufhäuser waren Begegnungsstätten wie die Foyers der Theater

Und auch wenn der Begriff der "Demokratisierung" im Zusammenhang mit den Entwicklungen der Prinzregentenzeit gewagt erscheint - schnell wird beim Gang durch die drei Stockwerke deutlich, was gemeint ist: Max Littmann hat einem erstarkten Bürgertum die Bühne gegeben, auf der es seine neue Rolle spielen konnte, im wortwörtlichen und übertragenen Sinne. Die im Februar 1905 binnen elf Tagen eröffneten Kaufhäuser Hermann Tietz und Oberpollinger präsentierten sich "als Einkaufsstätte für alle Schichten der Bevölkerung", waren Begegnungsstätten wie die Foyers der Theater.

Die Theater wiederum, die Littmann in und für München konzipierte, bedeuteten eine Abkehr vom Rang- und Logentheater der Fürstenhöfe. In Anlehnung an Ideen Richard Wagners plante und baute Littmann Festspielstätten, in deren amphitheatralisch angelegten Zuschauerräumen die Besucher zu einer Gemeinschaft werden sollten.

Das Deutsche Theatermuseum bewahrt Littmanns theaterbaulichen Nachlass. Darunter Pläne für "das Theater, mit dem alles beginnt - das Prinzregententheater" (Blank). Das alles wäre freilich nur halb so spannend, wäre Kurator Laiblin nicht eine Entdeckung gelungen: dass nämlich Littmann auch bei seinen profanen Bauten in der Stadt immer wieder großes Theater inszenierte. "Die Kunst- und Bierstadt" war der Slogan, mit dem München sich um 1900 vermarktete. Die Münchner Malerei galt als "geschätzte Handelsmarke", der kunstbeflissene Prinzregent erlaubte, dass mit seinem durchlauchten Konterfei Werbung für Sanella-Margarine und "Nasswischbare geruchlose Bodenwichse" gemacht wurde, die Münchner Künstler wie Lenbach oder Stuck gaben sich als "Malerfürsten" - und die Besitzer der Großbrauereien als "Bierbarone".

Das Platzl - eine Kulisse für Jahrhunderte Münchner Stadtgeschichte

Nun brauchte es noch einen Mann, der es verstand, Publikum wie Kulissen ins rechte Licht und an die richtige Stelle zu rücken. Littmann war dieser Mann. Das wird besonders an seiner Neuerfindung des Platzls deutlich. Das Kunststück funktioniert noch heute, wer's nicht glaubt, möge von der Maximilianstraße zum Hofbräuhaus gehen und sich dann im Herzen des Schuhbeck'schen Imperiums einmal um die eigene Achse drehen. Was er dann sieht? Ein Stück altes München voll unverfälschter Tradition?

Keine Rede davon. Die Erhaltung der "alten Stimmungswerte", das war Littmanns Bauaufgabe. Er bewältigte sie beim Hofbräuhaus, dieser historistischen Mischung aus mittelalterlicher Burg und spätgotischem Patrizierpalais, so bravourös, dass der 1896 vom Prinzregenten höchstpersönlich angeordnete Neubau historischer wirkt als sein alter Vorgängerbau. Dazu die benachbarten Corpshäuser in barocker Manier und das wie der Renaissance entsprungene Orlandohaus - fertig ist der Gang durch Jahrhunderte Münchner Stadtgeschichte.

Theaterzauber, wohin man blickt: Die Hausfassaden und der Innenhof des Biertempels wirken wie Bühnenbilder aus der Quaglio-Werkstatt, der Festsaal im zweiten Obergeschoss des Hofbräuhauses kennt wie Littmanns Theater-Zuschauerräume keine Standesunterschiede in der Sitzordnung, der Erker zum Platzl hin signalisiert wie eine Theaterloge: Hier sitzt das Münchner Bürgertum in der ersten Reihe. Und es gedenkt, diese so schnell auch nicht wieder zu verlassen.

Die Doppelausstellung "Theater. Bau. Effekte!" und "Die Geschichte Europas, erzählt von seinen Theatern" im Deutschen Theatermuseum, Galeriestraße 4a, ist täglich (außer Montag und an Mariä Himmelfahrt) von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Führungen (außer am 12. und 19. Juni) immer sonntags um 12.30 Uhr. Bis 3. Oktober.

© SZ vom 21.05.2016/angu

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