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Ausstellung:Todesengel mit rot lackierten Nägeln

Siegfried Kadens "Selbstporträt, Muse, Staffelei" vom März 2020, gezeichnet mit Kugelschreiber, Aquarell, Buntstift.

(Foto: Gunnar Gustafsson/oh)

Siegfried Kaden ging als Junger Wilder nach Kuba. Nun ist er zurück. Schwer krank, doch voll der Liebe

Von Martina Scherf

Eine seltsame Magie geht von diesen Bildern aus. Da ist zum einen die Fülle an Szenerien, Albträumen, historischen Referenzen. Da sind der präzise Strich und die Farbigkeit, mit der Siegfried Kaden das Chaos um ihn herum aufs Papier bannt. Und da ist diese immer wieder aufblitzende Ironie, mit der er dem Leben begegnet - selbst dann noch, als schon der "Todesengel" mit rot lackierten Fingernägeln seine Schwingen über ihm ausbreitet.

Siegfried Kaden, der in den Achtzigerjahren zu den Jungen Wilden in München gehörte und dessen Werke sich in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der Albertina in Wien befinden, siedelte vor einem Vierteljahrhundert nach Kuba über. Die Gesetze des Sozialismus waren ihm, der seine Kindheit in der DDR verbracht hatte, vertraut. Er lernte, mit dem ständigen Mangel zu leben - an Farbe und Leinwand, an Speiseöl oder Hühnerschenkeln. Er lehrte zeitweise an der nationalen Kunstakademie, hatte Ausstellungen in Havanna, München und Mexiko, baute auch als Kurator Brücken zwischen der Alten und der Neuen Welt. 2019 war eine Retrospektive seiner Werke aus den vergangenen 25 Jahren in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zu sehen.

Der Zyklus "Cuba - mi amor" (Kuba, meine Liebe), den Margret Biedermann in ihrer Galerie im Kunstareal nun zeigt, entstand im Frühjahr 2020. Die Corona-Pandemie hatte auch Kuba erreicht, der Lockdown war brutal, die Lebensmittel knapp. Und im Körper des Malers breitete sich ein Krebs aus. Es ist also keine Übertreibung zu sagen, dass diese 58 Zeichnungen wahre Überlebensbilder sind. Gezeichnet in einem Wettlauf gegen die Zeit.

Siegfried Kaden.

(Foto: Catherina Hess)

Da hängen sie nun, diese Lebensbilder, dicht an dicht. Der Blick des Betrachters schweift von den Pferden zu den Frauen, von den kubanischen Säulenheiligen zur Kloschüssel mit der Aufschrift "Corona Garantía Por Vida" (Corona mit lebenslanger Garantie). Körper schweben im Raum, verknoten sich, bisweilen drängen sie bis an den Bildrand, als wollten sie ihn sprengen. Gesichter blicken einen fragend an. Fäuste recken sich gen Himmel, doch die Geste bleibt hilflos. Einmal legen sich die Hände des Todesengels wie Flügel über einen ahnungslos dahinreitenden Comic-Revolutionär. Und immer wieder zu sehen: der Künstler selbst als teilnehmender Beobachter. Mittendrin und doch auf Distanz. Nicht selten mit einem doppelten Antlitz ("Selbstporträt, Muse, Staffelei").

Seine Musen waren kubanische Frauen, für ihn die wahren Heldinnen der Revolution. Sie erscheinen als vom Leben gezeichnete, aber nicht gebrochene Individuen. Doch bleiben sie Fremde. Und der Maler ein kleiner Wicht in ihren Armen. Spontane Gesten wechseln mit Reflexion und Selbstreflexion. Bisweilen hat Kaden frühere Motive überarbeitet. Die Nationalhelden, versunken im Strudel der Geschichte. Fidel Castro als sterbendes Pferd. "Caballo" nannten sie ihn einst in Lateinamerika, das Pferd als Symbol für männliche Kraft - doch bei Kaden sind selbst die Pferde verletzliche Geschöpfe. Dazwischen gibt es einen Seitenhieb auf die ahnungslose deutsche Kulturbotschafterin oder eine Reminiszenz an "Schiffbrüchige". Kaden verklärt nichts, er urteilt nicht, vielmehr richtet er den Blick auf den Seelenzustand seiner Figuren. Und bleibt dabei ein großer Menschenfreund. So treten auch Vertraute und Weggefährten in den Arbeiten auf.

Mit der existenziellen Bedrohung nehmen die Albträume zu. Eine schwarze Kopfgeburt, Kanone, Flugzeug, auseinander hervorgehende Gesichter mit Glasaugen: "Nächtliche Erscheinung nach dem Stromausfall". Stundenlanges Schlangestehen vor den Lebensmittelläden zehrt an den Kräften: "Scheiße, ich habe Hunger" schreibt er in dünnen Lettern über ein Selbstporträt am 29. März 2020, das ihn kotzend mit ausgezehrtem Leib über einem Fenster hängen lässt. Und am selben Tag ein explosives Knäuel aus Körperteilen: "Nun geht gar nichts mehr."

Siegfried Kaden kam dann doch noch heraus, er wurde in München behandelt. Die 58 Blätter hatte er im Koffer dabei. Sie sind mit Kugelschreiber gezeichnet und später aquarelliert. Da muss jeder Strich sitzen, da gibt es nichts zu korrigieren. Und dieser Strich ist meisterlich. Die Liebe zu Kuba, sie ist voller Widersprüche - und der Künstler bereit, alles auszuhalten. Dieser Zyklus "Cuba - mi amor" beeindruckt durch seine Wahrhaftigkeit. Erlebt und erlitten in stillen Tagen in Havanna.

Siegfried Kaden: Cuba - mi amor, Galerie Biedermann, Barer Straße 44 (Rückgebäude), Besuch nur nach telefonischer Anmeldung (089/297257 oder 0171/2094643) und unter Beachtung der aktuellen Corona-Vorschriften

© SZ vom 21.04.2021
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