bedeckt München 25°

Ausstellung:Neues von der alten Leier

Drei Wissenschaftler haben sich mit der Musik der antiken Hochkulturen befasst und eine fundierte Ausstellung entwickelt. Bei "Mus-ic-on!" im Würzburger Martin von Wagner-Museum lässt sich in weit zurückliegende Klangwelten eintauchen

Der Nachbau der anatolischen Leier ist in Würzburg zu sehen.

(Foto: Christina Kiefer)

Verblüffend, wie hoch der Stellenwert der Musik im Alten Orient war. Speziell bei den Sumerern im südlichen Mesopotamien. König Schulgi von Ur (2092 bis 2045 vor Christus) fand es wichtig, sich in seiner Selbstlob-Hymne nicht nur als erfolgreichen Kriegsherrn und klugen Gelehrten zu rühmen, sondern vor allem als ausgezeichneten Musiker. Instrumente spiele er zuhauf, schrieb er. Leiern, Harfen, Lauten und Blasinstrumente sowieso. Man brauche ihm nur ein neues zu bringen, schon könne er es spielen, würdigt er seine Fähigkeiten. Die Bläser rangierten in der Hierarchie der Musiker allerdings ziemlich weit unten. Einem unbegabten Musiker bleibe nur die Flöte oder Schalmei, zitiert Altorientalistin Dahlia Shehata einen sumerischen Spruch und weist auf eine kleine Skulptur mit drei flötenden Affen hin, direkt neben der kleinen Lobeshymnen-Keilschrifttafel.

Antike Darstellungen von Instrumenten sind ebenfalls zu sehen, wie hier eine Rahmentrommel.

(Foto: Christina Kiefer/Martin von Wagner Museum)

Eine Ausstellung über die Musik der Antike ist ein ambitioniertes Vorhaben. Schließlich existieren keinerlei akustischen Quellen, die Musik ist lang verklungen, Instrumente sind oft nur in Fragmenten erhalten. Das hat aber drei Wissenschaftler der Universität Würzburg nicht davon abgehalten, in einer Ausstellung für das Martin von Wagner-Museum einen fundierten Überblick über die Musik in den antiken Hochkulturen in Vorderasien, Nordafrika und Mitteleuropa zu entwickeln. Neben Dahlia Shehata haben der Archäologe Florian Leitmeir und der Musikwissenschaftler Oliver Wiener viel Zeit in das interdisziplinäre Projekt gesteckt, antike Instrumente und deren Nachbauten mit Bild- und Schriftzeugnissen zusammengeführt. Entstanden ist eine sehenswerte Mixtur aus 300 Originalen, Repliken und Rekonstruktionen, vieles stammt aus eigenem Fundus, anderes von Leihgebern und manches auch aus dem 3D-Drucker. Da der Besucher viele der nachgebauten Instrumente auch ausprobieren darf, gelingt das Eintauchen in antike Klangwelten ganz mühelos. Allein die Antwort auf die Frage, von welchem Zeitpunkt an eigentlich von Musik gesprochen werden kann, ist schwierig. Ist die Bärenknochenflöte des Neandertalers, datiert auf den Zeitraum zwischen 58 000 bis 48 000 vor Christus, deren Replik in einer Vitrine liegt, tatsächlich ein Instrument oder, wie manche Forscher glauben, nur ein Knochen, gelöchert von einem hungrigen Schakal? Aus der Folgezeit, zwischen 40 000 und 80 000 vor unserer Zeitrechnung, haben sich nicht aber nur Knochenflöten erhalten, sondern auch Klappern und Rasseln. Im ersten der vier Ausstellungsräume, in dem es um die Vorgeschichte geht, kann man neben Rasseln auch Okarina-ähnliche Gefäßflöten testen, die Hirten einst für Signale nutzten. Dazu ein sehr apart klingendes Lithophon, das aus acht verschieden behauenen, nebeneinander liegenden Feuersteinen rekonstruiert wurde. Die Klangwerkzeuge des in Frankreich entdeckten Originals wurden 13 000 vor Christus bearbeitet.

Die Leier war ein beliebtes Motiv, das oft innerhalb eines religiösen Kontexts zu finden war.

(Foto: Christina Kiefer/Martin von Wagner Museum)

Zum Glück sind die Forscher nicht nur auf die mageren Überbleibsel von Instrumenten angewiesen. Die antiken Kulturen hielten ihre Klangwerkzeuge und die zugehörigen Musiker auch bildlich fest, verewigten sie auf Vasen, Münzen, Siegeln, Amuletten oder in Reliefs. Die griechische Kithara ist sogar nur durch Bilder überliefert. Manchmal erlauben die Darstellungen auch Rückschlüsse auf die Anlässe, zu denen musiziert wurde, zeigen Theateraufführungen und Feste.

Die Ausstellung ist nach Leitmotiven konzipiert und nicht nach Epochen gegliedert. Daher ist auch die griechische Antike nicht als hehrer Höhepunkt einer Entwicklung dargestellt, der ein steiler Absturz folgt - "ein Geschichtsbild, an dem alle unsre Fächer immer wieder gelitten haben" (Wiener). Im Fokus stehen vielmehr die Beziehungen zwischen den einzelnen Kulturen und ihrer Musik. Kulturelle Gemeinsamkeiten werden sicht- und hörbar, egal ob es sich um Mundstücke oder Lautenformen handelt.

Das Herzstück der Schau ist der Saal mit den "Musikwelten". Der Spaziergang startet mit dem Klang als Signal, führt über die Musik im Kult zu Fest und Ekstase und endet bei den Konzerten. In jedem Bereich steht ein repräsentatives Instrument im Vordergrund, beim Signal etwa die griechische Salpinx, das römische Cornu oder die Nachbauten der Trompeten, die man im Grab von Tutanchamun fand. Nicht zu vergessen die antiken Türklingeln.

Die Leier ist im religiösen Kontext platziert. Unübersehbar die riesige Kithara, die der Instrumentenbauer Rolf Gehler nachgebaut hat. Ihr Vorbild, eine anatolische Leier, taucht nur auf einem einzigen, kleinen Vasenbild aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus auf, das natürlich keinerlei Aufschluss über das Baumaterial oder die Konstruktion liefert. Zu sehen sind auf der Vorlage nur zwei Musiker, die das übermannshohe Instrument spielen und damit eine Trinkzeremonie begleiten. Vermutlich sei die Leier als eigene Gottheit verehrt worden, sagt Dahlia Shehata. Übergroße Kastenleiern habe man eingesetzt, um das Herz unruhiger Götter zu beruhigen. Zupft man eine der neun Saiten an, füllt ein gewaltiger, dumpf schnarrender Ton den Saal. Die Aufmerksamkeit einer Menschenmenge konnte man sich so bestimmt gut sichern.

Auf dieser antiken Münze ist eine Kithara abgebildet.

(Foto: Christina Kiefer/Martin von Wagner Museum)

Leiern gab es übrigens auch im Gebiet der Kelten, wie eine Schale aus Schirndorf belegt. Dass es sehr anstrengend gewesen sein muss, die Carnyx, die lange keltische Bronzetrompete, in aufrechter Haltung zu spielen, ist unstrittig. Denn anders als es die Reliefdarstellungen vermitteln, war das Mundstück nicht gebogen. Ausprobieren darf man diese Prachtstücke nicht, aber dafür gibt es den Audioguide, der einem den aggressiven lauten Klang effektvoll ins Ohr trötet.

Natürlich gibt es auch eine Ecke mit Musiktheorie und ein Abbild der berühmten Seikilos-Stele, in die der erste komplette Liedtext mit Notation eingraviert ist. Spektakulär die antike Wasserorgel, die Hydraulis, eine Erfindung des späten dritten Jahrhunderts vor Christus. Die Pfeifen werden nicht mit menschlichem Atem, sondern mit Wasser-Druckluft angeblasen. Ein Modell aus Plexiglas macht die Funktionsweise auch für Laien nachvollziehbar. Und Kaiser Nero, dessen Faible für Klang und Mechanismus der Orgeln bekannt war, schaut genau zu.

Mus-ic-on! Der Klang der Antike. Verlängert bis 4. Oktober, Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg in der Residenz. Zur Ausstellung ist ein Begleitband mit den Forschungsergebnissen erschienen (224 Seiten, 36 Euro).

© SZ vom 29.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite