Ausstellung in München:Augenzeugen damals und heute

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Grand Tour

Neue Ruinen: Die alten Bilder von Emel'jan Korneev werden Werken von Jonathan Danko Kielkowski entgegensetzt. Hier etwa die Innenansicht des 2012 havarierten Wracks der Costa Concordia von 2014.

(Foto: Jonathan Danko Kielkowski)

Das Stadtmuseum präsentiert Bilder des Russen Emel'jan Korneev, eines weit gereisten Künstlers des 19. Jahrhunderts. Eingebunden in die Schau sind Fotografien von Jonathan Danko Kielkowski, die Ruinen von modernen Großprojekten zeigen.

Von Jürgen Moises, München

Es gibt eine Faszination des Schreckens. Und so kann es passieren, dass der Anblick einer Katastrophe ein Gefühl der Schönheit oder schauerliches Wohlbehagen in uns weckt. Die Voraussetzung dafür: Wir selbst sind vom Unglück nicht betroffen, so wie es beim Anschauen eines Horrorfilms im Kino ist. Oder beim Betrachten eines Vulkanausbruchs im Fernsehen, wie man ihn kürzlich im Falle von La Palma miterleben konnte. In seiner Zerstörung ist das Herauspreschen der Lava schrecklich, aus der Entfernung ein faszinierendes Naturschauspiel, wie es auch der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1805 gewesen ist. Jedenfalls so wie ihn Emel'jan Korneev darstellt. Auf seiner mit Feder, Pinsel und Sepiatusche ausgeführten Zeichnung sieht man den "Ausbruch des Vesuvs" bei Nacht, und den Vollmond und den glühenden Vesuv ihre Reflexionen über das Meer und über Neapel werfen.

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Faszinierendes Naturschauspiel und erschreckender Horror: Emel'jan Korneev zeichnete den Ausbruch des Vesuvs am 12. August 1805.

(Foto: Julia Krüger/Münchner Stadtmuseum)

Emel'jan Korneev war vor Ort. Deshalb hat der russische Künstler mit "12. August um 11 U. Abends 1805" das Datum und die Uhrzeit auf dem Blatt vermerkt, das aktuell in der Ausstellung "Grand Tour XXL. Der Reisekünstler Emel'jan Korneev" im Münchner Stadtmuseum zu sehen ist. Um damit seine Augenzeugenschaft bei einem Ereignis zu bekunden, bei dem übrigens auch Alexander von Humboldt live zugegen war. Der berühmte Forschungsreisende war für Vulkanstudien in Neapel, der damals 24 Jahre alte Emel'jan Korneev war dagegen auf "Grand Tour". Das heißt auf einer italienischen Bildungsreise, wie sie zunächst vor allem Adelige und bald auch Künstler und Intellektuelle jeglicher Couleur unternahmen. Die meisten brachen aus England, Frankreich oder Deutschland dazu auf. Als sich Russland unter Peter I. verstärkt dem Westen zuwandte, wollten im 18. Jahrhundert aber auch immer mehr Russen auf den Spuren von Vergil oder Horaz wandeln.

Korneev ging nach Griechenland und Italien und später auch auf Weltreise

Der junge Korneev bekam diese Gelegenheit, weil er die Kunstakademie in St. Petersburg mit einer Goldmedaille abgeschlossen hatte. Wobei er als Zeichner davor bereits Teilnehmer einer Expedition durch weite Teile Russlands und dabei sogar in der Ägäis, in Athen und auf der damals unter russischem Protektorat stehenden Insel Korfu war. Und so ist mit dem im Jahr 1843 verstorbenen Emel'jan Korneev nun einer der am weitesten gereisten Künstler des 19. Jahrhunderts wiederzuentdecken. Denn eine Weltreise hat der Russe auch noch mitgemacht. Bis auf die durch ein Stipendium finanzierte Italienreise, die thematisch den Großteil der Münchner Ausstellung ausmacht, waren fast alles staatliche Auftragsreisen. Mit der Folge, dass viele der dabei entstandenen Zeichnungen nicht sein eigenes, sondern staatliches Eigentum waren. Tatsächlich stritt Korneev jahrelang um ihren Besitz. Heute gelten seine Bilder von der Weltumsegelung leider als verschollen.

Grand Tour

Dokumentarische Kraft: Hier Korneevs Bild einer sibirische Nenze in Festtagstracht von 1802.

(Foto: Patricia Fliegauf; Von Parish Kostümbibliothek/Münchner Stadtmuseum)

Dafür kann man in München nun mehr als 50 der in Italien entstandenen Zeichnungen bewundern, die sich bereits seit 95 Jahren im Besitz des Stadtmuseums befinden. Hinzu kommen sieben Aquarelle von der Russland-Expedition aus der Sammlung der Von Parish Kostümbibliothek sowie mehrere Zeichnungen aus Griechenland, die eine Leihgabe aus dem Deutschen Archäologischen Institut Berlin darstellen. Dass die Werke Korneevs heute in München sind, hat viel mit dem bayerischen Adeligen Carl von Rechberg (1775-1847) zu tun. Den kennt man heute vor allem als künstlerischen Berater des Kronprinzen Ludwig, des späteren Ludwig I. von Bayern, sowie als Protegé des Architekten Leo von Klenze. Auch Emel'jan Korneev wurde von Rechberg gefördert. So kamen etwa durch dessen Wirken 1813 und 1814 zwei Bände des Albums "Les Peuples de la Russie" in Paris heraus, mit Druckgrafiken, die auf Korneevs Zeichnungen beruhen. Auf den Nachwirkungen dieser sogenannten Völkergalerie beruht im Wesentlichen die Bekanntheit, die der Künstler auch heute noch in Russland hat.

Alte und neue Ruinen, darunter die Überreste der "Costa Concordia"

Aber zurück nach Italien und zu den Bildern, die dort 1805 direkt in der Natur entstanden. Dass das so ist, dafür spricht die Verwendung von Bleistift, Feder und Tusche, die man gut transportieren und leicht einsetzen kann. Auch die Genauigkeit in der topographischen Darstellung lässt eine Entstehung vor Ort vermuten. Das gilt für den Vesuv genauso wie die "Grotte von Vilenica", deren unterirdisches Labyrinth Korneev sehr stimmungsvoll in Szene setzt. Genauso ist es bei der "Ansicht von Tivoli", bei der er das Zentrum mit dem Wasserfall durch eine Aquarellierung ungewöhnlich und eindringlich hervorhebt. Sein "Blick auf Capri von Pozzuoli aus" zeigt dagegen in der Komposition, dass er vom klassizistischen Landschaftsmaler Jackob Philipp Hackert beeinflusst war. Der "Akademiker" scheint bei den Staffage-Figuren und mythologischen Szenen durch, wie er sie etwa in "Der Venustempel in Baia" integriert. Und interessant ist, dass er mit dem "Aquädukt von Vanvitelli" oder der "Piscina Mirabilis" auch Werke der Ingenieurskunst als bildwürdig erachtet und dargestellt hat.

Wie gesagt: Korneev war nicht der einzige in Italien. Deshalb werden in einer aufschlussreichen Gegenüberstellung auch Italien-Bilder von Münchner Künstlern wie Franz Kobell, Leo von Klenze oder Johann Georg von Dillis aus der hauseigenen Sammlung präsentiert. Außerdem wurden Fotografien des in Fürth lebenden Jonathan Danko Kielkowski eingebunden, von dem es in der Reihe "Forum" im anschließenden Raum mit "Die Ästhetik des Wandels" eine eigene Ausstellung zu sehen gibt. Kielkowski zeigt moderne Ruinen: das Wrack des Schiffs "Costa Concordia", eine verlassene Bergbausiedlung in Spitzbergen. Womit er das Scheitern und den Verfall von industriellen und touristischen Megaprojekten dokumentiert. Der Weg zu den antiken Ruinen, die Emel'jan Korneev und unzählige andere fasziniert haben, ist da gedanklich nicht sehr weit. Und man fragt sich, was in hunderten von Jahren wohl von unserem Zeitalter übrig bleibt. Wird dann ebenfalls jemand eine "Grand Tour" zu den Relikten des 20. und 21. Jahrhunderts unternehmen? Oder wird das wegen der Folgen der Klimakrise gar nicht mehr möglich sein?

Grand Tour XXL. Der Reisekünstler Emel'jan Korneev / Jonathan Danko Kielkowski: Die Ästhetik des Wandels, bis 30. Jan., Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1

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