Das Erstaunliche an der neuen Ausstellung „Kindheit am Nil“ im Museum Ägyptischer Kunst ist das Konzept: Nicht herrschaftliche Bauten wie die Pyramiden, nicht Kunstwerke wie Skulpturen und Sarkophage, sondern eher unspektakuläre Objekte aus dem Alltagsleben rückt sie in den Fokus. Und das ist ungewöhnlich. Man denke nur an Ludwig I. von Bayern, der den Grundstock zu der Sammlung des Ägyptischen Museums legte. Schon seine erste Erwerbung, die 1816 in München eintraf, gab die Richtung vor: Es war die lebensgroße Statue eines falkenköpfigen Gottes.
Dagegen nehmen sich die 190 originalen Exponate, die teils der eigenen Sammlung, teils den ägyptischen Museen in Berlin, Bologna und Turin entstammen, eher unscheinbar aus. Doch sie gewähren bei näherer Betrachtung sehr aussagekräftige Einblicke in das soziale Miteinander, und hier speziell in das Leben altägyptischer Kinder von 3000 vor Christus bis 500 nach Christus. Generationsübergreifend ist diese innovative Ausstellung als Familienausstellung konzipiert.
Konkret zeigt sich das etwa in einem eigenen „Kinderpfad“, dessen in Kniehöhe versteckte Hinweise sich mit einer Lampe entdecken lassen, die die jungen Besucher am Eingang erhalten. Schnell wird ersichtlich: Wie eine Kindheit im alten Ägypten verlief, darüber entschied die soziale Schicht, der man angehörte. Insbesondere aber auch das Geschlecht. Mädchen wurden im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren verheiratet, nur ein bis drei Prozent der Bevölkerung durften in die Schulen gehen. Und das waren meistens Jungen, Söhne von Beamten, Schreibern und Priestern, die die Berufe ihrer Väter übernahmen.
Schön anschaulich ziehen die „Königskinder“, von denen Ramses der Große, der Ägypten im 12. Jahrhundert vor Christus regierte, gleich hundert gezeugt hatte, als aneinandergehängte Holzschnittfiguren durch den Raum. „80 davon sind mit Namen bekannt“, sagt Museumsdirektor Arnulf Schlüter bei einem ersten Rundgang. Sein 13. Sohn, Merenptah, sollte der erste sein, den Ramses II. nicht überlebte und der sein Thronnachfolger wurde. Direkt neben den Holzfiguren können sich die Besucher an Mitmachstationen im Hieroglyphen-Schreiben versuchen und an Tischen historische Spiele wie das beliebte „Schlangenspiel“ ausprobieren. „Eine Art ‚Mensch Ärgere dich nicht‘, bei dem man einander aus dem Feld schlagen konnte“, sagt Schlüter.

Im Themenbereich Kleidung sind erstmals eigens für diese Ausstellung restaurierte lederne Babyschuhe aus den eigenen Beständen zu sehen, dazu ein Babytragetuch aus dem 5. bis 6. Jahrhundert nach Christus und eine Kindertunika. Dass dieses bestickte Leinenhemdchen, mehr als 1600 Jahre alt, vielfach geflickt wurde, zeugt davon, wie wertvoll diese Kleidungsstücke waren. „Es herrschte keine Wegwerfmentalität“, sagt Schlüter. Auf dem Speiseplan standen Getreide und Hülsenfrüchte als Grundnahrungsmittel, ergänzt durch Gemüse und Obst. An einer Duftstation erweist sich, dass viele Kräuter und Gewürze wie Minze, Wacholderbeeren und Thymian schon damals bekannt und heute noch gebräuchlich sind.
Im Themenbereich Wohnen wird unter anderem die Schlafsituation visualisiert: Wegen der hochsommerlichen Temperaturen lagerte man häufig draußen, auf dem Dach. Mit Vorliebe auf einer Kopfstütze, die die alten Ägypter als Seitenschläfer ausweist. Wie so vieles in dieser innovativ gestalteten Ausstellung kann man auch eine solche „antike“ Stütze selbst ausprobieren, den Blick nach oben zu den animierten Sternen gerichtet.

Dass Kindheit seit jeher verwaltet wurde, bezeugt eine Geburtsanzeige. Da die Kindersterblichkeit hoch war, wurde der Nachwuchs erst nach dem fünften Lebensjahr registriert, bis dahin verstarben 40 bis 50 Prozent der Kleinkinder. Ein „Ammenvertrag“ legt detailliert fest, wie viel Geld die stillende Frau pro Monat erhält. Allerdings dürfe sie in dieser Zeit nicht schwanger werden – und ihre Muttermilch an kein anderes Kind weitergeben. Sogar eine Kindergeburtstagseinladung auf einem Papyrus aus dem 2. Jahrhundert nach Christus ist erhalten: Gefeiert werden soll Sarapion, allerdings wird darum gebeten, ihm die Geschenke-Snacks wie Honigküchlein und Nüsse nicht alle gleichzeitig zu übergeben. Nun, das könnte eine Mutter heutzutage fast identisch formulieren.
Kindergräber und auch Leichname gelten in der Forschung als „ungeschönte Quellen“, sagt Schlüter. Knochenverformungen zeugen von Mangelernährung, aber auch von schwerer körperlicher Arbeit, die viele Kinder im Handwerk oder auf dem Feld verrichten mussten. In den letzten, hinteren Räumen geht es dann passenderweise um die Themen Jenseits und Bestattungen. Im Grab des Mädchens Nefretiri fanden sich etwa kleine Brote, und Überreste von Früchten – offensichtlich sollte es der geliebten Tochter im Jenseits an nichts mangeln. Ihr kleiner, kunstvoll gearbeiteter Holzsarg ist farbenfroh bemalt. Trotzdem: „Hier kann, muss man aber nicht länger verweilen, je nachdem, was man seinen Kindern beim Familienbesuch zumuten will“, erklärt Schlüter. Fest steht jedenfalls: Auch der Tod gehörte immer schon zum Leben.
Kindheit am Nil. Aufwachsen im Alten Ägypten, bis 21. Juni 2026, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, Gabelsberger Straße 35

