Bunte Farbtupfer in den Rängen des US-Kongresses: Zahlreiche Demokratinnen erschienen am 4. März 2025 in pinkem Outfit. Während Trump in seiner Rede einen endlosen Vortrag über die seiner Meinung nach irrsinnige „woke Politik“ hielt, bekundeten sie ihren Protest. Den Blazer der hawaiianischen Abgeordneten Jill Tokuda zierten handgeschriebene Auszüge der amerikanischen Verfassung, auf dessen Rückseite hebt sich eine Faust zum Kampf. „Pink ist eine Farbe des Protests und der Macht“, schrieb die Abgeordnete Judy Chu auf Twitter.
Pink ist nicht nur eine Farbmischung, die aus Rot mit etwas Blau und Weiß besteht. Längst hat die Farbe politische Sprengkraft entwickelt. Das nicht erst, nachdem der quietschbunte Barbie-Spielfilm 2023 die weltweiten pinken Farbvorräte dezimiert und die Gemüter mit seiner feministischen Botschaft erhitzt hat. Diesen rebellischen Spirit will das Team der Pasinger Fabrik mit „Pink – Eine Ausstellung über die Bedeutung der Farbe in Kunst und Alltag“ weitertragen. Werke von 27 Künstlern und Künstlerinnen sind vom 13. März bis 3. August in der P.ART-Galerie direkt am Pasinger Bahnhof zu sehen.

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Erste Pläne schmiedete das Team um Kurator und Kunsthistoriker Stefan-Maria Mittendorf und Kuratorin Annette Hempfling vor einem Jahr. „Alle haben sofort gesagt: Ja, in diesen Zeiten! Wir haben Bock auf Farbe, auf was Schrilles“, erzählt Hempfling. Gemeint sind Zeiten erstarkender patriarchaler Strukturen, in denen ein Mann wie Trump mit der Aussage „You can grab ’em by the pussy“ zum Symbolbild toxischer Männlichkeit avanciert ist. „Man könnte jetzt sagen, wir haben natürlich diese Ausstellung konzipiert, weil wir genau den Riecher hatten“, sagt Frank Pryzbilla, Geschäftsführer der Pasinger Fabrik. Das sei jedoch zu hoch gegriffen, denn die Ereignisse hätten sich seitdem überschlagen – und „Pink“ noch brisanter gemacht, als ursprünglich gedacht.
Barbie: Traumhaus oder Albtraum?
Wer sich nichtsahnend vom unschuldigen Puppenhaus-Image zum Besuch verleiten lässt, wird vielleicht instagramtauglich gestrichene Wände und eine Flut kitschiger Spielzeuge erwarten. Ja, auch Barbie hält Einzug in die ehemalige Fabrikhalle, doch die heile Welt ihres Traumhauses ist ins Wanken geraten. Wie Szenen aus dem Uncanny Valley wirken die Fotos der Serie „In the Dollhouse“ (2012) von Dina Goldstein, fast wie von einer künstlichen Intelligenz kreiert. Sie dekonstruiert darin Ken und Barbies scheinbar glückliche Ehe, legt verborgene Sehnsüchte der menschgewordenen Puppen frei.
Ein bisschen Popkultur darf sein: Paulchen Panther begrüßt die Besucher im Café, eine Hommage an die erste Episode des Rosaroten Panthers, in der er zum rosa Farbeimer griff. Längst zur Ikone geworden ist auch das Ehepaar Eva & Adele. Sie überwinden als lebendige Kunst regelmäßig in der Öffentlichkeit Geschlechtergrenzen – nicht selten im Partnerlook mit knallpinken Outfits. In der Ausstellung sind sie unter anderem mit Papierwerken aus ihrer Werkreihe "Melody" vertreten.

Kleidung als Statement ist kein neues Phänomen. Pink als Mädchenfarbe hingegen schon. So porträtierte der Künstler Jacob Bunel den französischen König Heinrich IV im kostbaren hellroten Purpurgewand. „Rot bedeutet, dass der Herrscher kämpfen und sein Blut für das Volk, für das Land lassen wird“, erklärt Kurator und Kunsthistoriker Stefan-Maria Mittendorf. Der Infant, also Thronfolger, trug dementsprechend Pink, denn er muss erst in seine Rolle hineinwachsen. „Die Farbe Blau wurde mit der Jungfrau Maria verbunden“, erläutert Mittendorf. Deshalb erschienen Mädchen oft im blauen Kleid.
„Zwei Meter pinkfarbener Stoff machen einen Gentleman aus“, soll der Philosoph Niccolò Machiavelli im 16. Jahrhundert gesagt haben. Ein Augenöffner, um die Männerbilder der Münchner Künstlerin und Professorin für Malerei und Grafik, Anke Doberauer, aus neuer Perspektive zu sehen. Auf 2,10 Meter hohen Leinwänden schauen „Massimo“ und „Bastian“ dem Betrachter entgegen. Vor pinkem Hintergrund entblößen sie die sensible, verletzliche Seite des modernen Mannes.

Zwischen einer pinken Tischtennisplatte, fluoreszierendem Acrylglas und in Kunstlicht getauchten Kirschblüten muss man nach den leisen Tönen suchen. Was auf den ersten Blick aussieht, wie eine Explosion aus Neonfarben, ist in Wirklichkeit eine geheime Rebellion. „Man in Terborg Synagogue“ ist das Werk eines jüdischen Künstlers. Navot Miller wuchs in einer orthodoxen Familie im Westjordanland auf. Das Gotteshaus widmete er in seiner Jugend zu einem Ort des Widerstands um. „Wenn die Synagoge nicht zum Beten genutzt wurde, ist er dort mit seinem Freund hingegangen und die haben sich geliebt“, erzählt Mittendorf. Sexuelle Orientierung und religiöse Normen spielen in der pinkgefärbten Synagoge keine Rolle mehr.
Unicorns and Fairytales: Unschuld auf den ersten Blick
Doch Pink kann mehr, als Geschlechterrollen und Sexualität infrage stellen. Versteckt im hinteren Teil der Ausstellung schweben glitzernde Einhörner und Märchenschlösser im Raum. Darunter ergießt sich ein Sammelsurium von Spielzeugen aus Überraschungseiern. Sieht nach Kindergeburtstag aus, ist aber das Nachspiel einer Umweltkatastrophe. „2017 gab es eine Containerschiff-Havarie vor der Insel Langeoog in der Nordsee“, weiß Mittendorf. Das Spielzeug wurde am Strand angeschwemmt und von Swaantje Güntzel in ihrer Installation „Piñatas“ verwendet.

Welche Kraft der Farbe innewohnt, können Besucher am 10. Mai selbst erleben. Im Rahmen eines Workshops stellen sie aus Pigment, Bindemittel und Wasser ihr Lieblingspink her und versuchen sich an ihrem eigenen Kunstwerk. Der Workshop reiht sich in ein vielseitiges Rahmenprogramm. Dazu gehören eine Cabaret-Show mit Burlesque, Drag und Magie am 28. und 29. März und ein „Barbie“-Filmabend am 27. Mai.
„Pink“ ist eine Ausstellung, die sich nicht mit dem Klischee der Mädchenfarbe zufriedengibt. Längst ist Pink auch zum Synonym der Selbstermächtigung und des queeren, feministischen Widerstands geworden. Während lang erstrittene Rechte und Freiheiten auf der Kippe stehen, weht in der Pasinger Fabrik ein Wind des Protests – sei es schrill und laut, oder ganz leise.
Pink – Eine Ausstellung über die Bedeutung der Farbe in Kunst und Alltag, bis 3. August, P.ART Galerie, Pasinger Fabrik

