Plötzlich bewegen sich die Farben, Formen, Bilder. Knallbunte Bälle fliegen durch die Luft, seltsame Tentakel greifen in den Raum. Was es dazu braucht, sind digitale Apps, die auf herumliegenden Tablets installiert sind. Oder die man sich per Strichcode herunterladen und auf seinem Handy installieren kann.
Augmented Reality heißt die Technik, die Betty Mü in ihrer Ausstellung „Visual Drift – Zwischen Pixel und Oberfläche“ hoch oben im Loft des Münchner Künstlerhauses nutzt. Und mit deren Hilfe sie die reale, analoge Welt durch computergenerierte Inhalte anreichert. Aber das ist nicht die einzige Technik, die die Münchner Medienkünstlerin einsetzt, um unsere Sinne zu verunsichern, mit der sie Dinge treiben, schweben, herumwandern lässt.
Normalerweise macht Betty Mü das mithilfe von Live-Visuals, Animationen und Video-Mappings, mit denen sie große Räume, große Wände bespielt. Wie etwa im Corona-Winter 2020/2021, wo sie Objekte aus den Museen des Münchner Kunstareals auf deren Wände projizierte. Für die jetzige Ausstellung „Visual Drift“ habe sie, erzählte Betty Mü, nun mit kleineren Formaten experimentiert. Und mit verschiedenen Techniken, die teils digital, teils analog sind, sich aber eben auch vermischen. Dazu gehören Bilder, die – teilweise mit KI – digital erstellt und dann gedruckt wurden. Oder eine kleine Animation auf einem Sockel, mit sich wandelnden Formen, die an Organisches oder Fraktale erinnern.
Direkt neben dieser kleinen Animation gibt es eine weitere bewegte Arbeit: „Floral Frequencies“, eine „interactive experience“, die Betty Mü in Zusammenarbeit mit Hradecsni erstellt hat. Der macht, wie er erzählte, hauptsächlich „wissenschaftliche Animationen für Museen“. Und tatsächlich hat das Ganze auch hier einen vergleichbaren Touch. Was man sieht, sind Farben, Felder, Farbpartikel, die teilweise an Aufnahmen des Hubble-Weltraumteleskops erinnern und die man mithilfe von drei Reglern beeinflussen kann. Deren Bewegung wird aber nicht nur digital, sondern auch mithilfe einer Folie erzeugt, die ein Ventilator hin und her bläst. Eine schöne, einfache Idee mit poetischer Wirkung. Und tatsächlich gehört „Floral Frequencies“ auch zu den überzeugendsten Arbeiten der Schau.
Die gedruckten Digitalbilder der Serie „Liminal Shifting“ erinnern dagegen etwas an frühe Pixelart, Computerkunst, und sind weniger interessant. Die Arbeit „Glas Shifting“ und die Werke der Reihe „Lenticular Shift“ wirken wiederum wie eine Weiterführung der Op Art, wobei eines davon auch an die Farbexperimente von Josef Albers denken lässt. Da wird es wieder spannend. Die Arbeit „Vortex / LED / Echo Circle“ ist eine Art Bewegungsstudie, für die Betty Mü mit der Tänzerin Ada Ramzews zusammengearbeitet hat. Da sieht man in einem Video, wie sich Ramzews' Beine gummiartig in die Länge ziehen. In zwei anderen mit kreisrunder Struktur vervielfältigen sich ihre Körperteile, werden zu kreisenden Ornamenten. Was zumindest ein optisch nettes Spiel ergibt.
Betty Müs Mut zum Experiment ist bestechend
Was die Augmented-Reality-Arbeiten, die umherwandernden Farben und Formen betrifft, das ist natürlich ebenfalls ein netter Effekt. Nur dass mit ähnlichen Effekten inzwischen auch schon viele andere Künstler und Designer arbeiten. Wie etwa Bond Truluv oder Alexander Ehrhard, die beide aus der Street-Art stammen und von denen man vergleichbare Werke aktuell im „Digital Arts Center“ im Bergson Kunstkraftwerk sehen kann. Dort würden einige von Betty Müs Arbeiten auch gut hinpassen. Gleichzeitig ist es ja auch so, dass sie mit ihren Installationen oder Visuals immer mal wieder auf Street-Art-Events vertreten ist.
Was jedenfalls an Betty Müs Ausstellung durchgehend besticht, ist der merkbare Mut zum Experiment. Ihre Offenheit, fortwährend neue Techniken auszuprobieren, seitdem sie Mitte der Neunziger in New York mit Video- und Super-8-Kameras angefangen hat. Die im Ausstellungstext versprochene „Störung“ als „Offenbarung“ stellt sich trotzdem nur phasenweise ein. Aber man bekommt eine Ahnung, dass da „zwischen Pixel und Oberfläche“ noch weit mehr ist.
Betty Mü: Visual Drift – Zwischen Pixel und Oberfläche, bis 7. Dezember, Münchner Künstlerhaus, Lenbachplatz 8, www.kuenstlerhaus-muc.de

