Eine Ausstellung im DG KunstraumMenschen – Beherrscher oder Zerstörer der Erde?

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„Wir alle sind Sternenstaub“ findet Kuratorin Benita Meißner.
„Wir alle sind Sternenstaub“ findet Kuratorin Benita Meißner. (Foto: Johannes Simon)

Die Ausstellung „Together Forever – macht euch die Erde untertan?“ hinterfragt die Beziehung von Mensch und Natur. Antworten und Handlungsaufforderungen gibt es nicht. Gut so!

Von Pauline Graf

Aus vielen Cenotes in Mexiko, für die Maya jahrhundertealte „Münder der Unterwelt“, ragen heute Sprungtürme. Touristen in Badehose klettern staunend in die Unterwasserhöhlen hinab, springen mit Bauchplatscher in das glasklare Süßwasser, hangeln sich an Schwingseilen durch die Grotten, die den Ureinwohnern Mexikos als Sitz der Unterweltsgötter gelten. Ihre heiligen Cenotes, von denen es auf der Halbinsel Yucatan allein etwa 1000 Stück gibt und die bis ins 20. Jahrhundert angeblich ausschließlich von indigenen Priestern betreten wurden, sind heute als Spaßbäder mit die größten Touristenattraktionen Mittelamerikas.

Trotzdem, oder gerade deshalb, sind 70 Prozent dieser Cenotes auf Yucatan vom Verfall bedroht: Seien es nahegelegene Autobahnen, deren Abgase den Stein angreifen; Massentierhaltungsanlagen, die Wasser abzwacken und Pestizide in Umlauf bringen, oder die dreckigen Sneakers der vielen Besucher – es gibt viele menschengemachte Gründe, warum die Cenotes immer schmutziger und ihre Wasserpegel immer mehr sinken.

Das Foto „Cenote Maya, Mexiko“ von Olaf Otto Becker zeigt eine solche zum Spaßbad umfunktionierte Wasserhöhle. Von oben fällt Licht in den Eingang zur Unterwelt, in dem Touristen schwimmen. Man kann den Film an Sonnencreme auf dem Wasserspiegel nur erahnen. Dieses vielschichtige Foto, das in der Betrachterin gleichzeitig Lust zum Mitplanschen und Empörung über diese Aneignung der Natur durch den Touristen auslöst, ist in der Ausstellung „Together Forever – macht euch die Erde untertan?“ im DG Kunstraum zu sehen.

Das Bild fasst alle Fragen zusammen, die die Ausstellung stellt, die Fotos, Gemälde, Installationen von neun Künstlern einschließt: Wie wunderschön ist eigentlich unsere Erde? Wie verhalten wir uns in Beziehung mit ihr? Und wie können wir respektvoller umgehen mit Natur und Tier?

„Wir alle sind aus Sternenstaub“, gibt einem Benita Meißner von der DG Kunstraum vor Beginn der Führung mit auf den Weg. Die Kuratorin nimmt Bezug auf eine Erkenntnis der Astrophysik, dass der menschliche Körper aus den gleichen Atomen bestehe wie Sterne. Die Botschaft, die Meißner daraus zieht: „Die Frage ist nicht, wie wir eine Verbindung zur Natur schaffen. Wir sind Natur. Der Unterschied ist bloß, dass wir für einen Zeitraum X Körper mit Seele und Wünschen sind.“

Jonas Maria Ried spielt in einem Video Kühen auf dem Alphorn vor.
Jonas Maria Ried spielt in einem Video Kühen auf dem Alphorn vor. (Foto: Johannes Simon)

Zugegeben, diese Erkenntnis ist keine neue. Was hingegen neu ist an „Together Forever“: Die Ausstellung urteilt nicht. Sie beobachtet, statt zu bewerten; die Künstlerinnen und Künstler zeigen mit sichtbarer Freude am Kreativen, wie sie mit und in der Natur arbeiten, statt den Betrachtern ein schlechtes Gewissen machen zu wollen.

Da ist etwa der 95-jährige Herman de Vries, bekannt aus früheren Werken für sein Interesse für Mystik und Naturheilkunde, der einem auf Fotos auf der Treppe nackt aus dem Wald entgegenblickt. Er schwimmt mit seiner Assistentin in einem Teich, entfacht Feuer, lacht in die Kamera, hinter der de Vries’ Ehefrau steht – Adam und Eva kommen in den Sinn. Diese Verknüpfung mit biblischen Motiven war lange Zeit Absicht der DG Kunstraum, hat der 1893 gegründete Verein doch seine Ursprünge in der christlich-katholischen Kunst. Die Förderung durch Diözesen hat 2017 ein Ende genommen, was der Bandbreite an kuratierter, gesellschaftskritischer Kunst bestimmt nicht geschadet hat.

Stefanie Zoche zoomt in ihrem Video ganz nah heran an einen toten Wal.
Stefanie Zoche zoomt in ihrem Video ganz nah heran an einen toten Wal. (Foto: Johannes Simon)

Heute steht man vor dem Foto der fröhlichen Nackten im Wald, denkt an die Genesis. Oder auch nicht. „Together Forever“ möchte auch erheitern. „Bierernste Kunst“, die eh schon alle Antworten wisse und den Zuschauer belehren wolle, die sei langweilig, sagt Kuratorin Meißner: „Wir wollen einfach berühren.“ Und keine unterkomplexen Handlungsanweisungen geben. Stattdessen kann man bei „Together Forever“ Jonas Maria Ried im sogenannten Kuh-Kino dabei zusehen, wie er Kühen in der Massentierhaltung Alphorn vorspielt. Wozu das genau gut sein soll? Unklar. Infotafeln gibt es keine. Die tiefen Töne des Alphorns vermischen sich mit denen des Presslufthammers der Baustelle vor der Haustür. An solchen Stellen ist die Ausstellung einfach nur lustig.

Aber dann ist da noch dieser tote Wal. Stefanie Zoche zoomt in ihrem Video nah heran an den gestrandeten Kadaver, man kann den Gestank seiner Verwesung förmlich riechen. Dazu entwickelt sich die Geräuschkulisse von einem Dröhnen zum Gluckern und Klagen dieses sterbenden Riesen. Wahrscheinlich gestorben nach der Kollision mit einem Schiff. Vielleicht hat sein Tod auch natürliche Gründe, auch das wird nicht erklärt und ist für die Rührung, die man empfindet, egal. Während man sie auf einen wirken lässt, die Härten der Natur und die anmaßenden Einflüsse, die wir Menschen auf sie nehmen, braucht man keine Infotafeln und Künstler, die einem sagen, was richtig und falsch ist. Wer verstehen will, der muss nur hinschauen.

„Together Forever - macht euch die Erde untertan?“ bis zum 18. Dezember 2025 im DG Kunstraum (Finkenstraße 4). Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr. Weitere Informationen, auch zu regelmäßigen Führungen und Abendveranstaltungen unter: https://www.dg-kunstraum.de/together-forever/

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