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Ausstellung:Mit Kippa und Lederhosn

Judn ohne Wiesn
Fotoausstellung Jüdisches Museum München

Fertig für die Wiesn: Der 76-jährige Roman bringt mühelos Judentum und Brauchtum zusammen.

(Foto: Lydia Bergida)

Die Fotografin Lydia Bergida porträtiert in ihrer Ausstellung jüdische Münchner und ihre Beziehung zum Oktoberfest und zur Tracht

Von Jürgen Moises

Ich liebe die Wiesn. Ich liebe sie! Und dieses Jahr gibt's keine! Das ist schlimm. Wirklich ganz, ganz schlimm." Das klingt nach dem Leiden eines fanatischen Wiesn-Gängers, als der sich Martin tatsächlich auch bezeichnet. "Die Wiesn-Zeit ist mir heilig", sagt er. "Sakrosankt." Martin wurde 1955 in Warschau geboren. Er arbeitet seit 30 Jahren als Arzt in München. Und er ist Jude. Letzteres tut kaum etwas zur Sache. Das sagen auch die Macherinnen der Ausstellung, in der man von Martins Wiesn-Begeisterung erfährt. "Judn ohne Wiesn" heißt sie. Sie wurde von der Fotografin und Juristin Lydia Bergida in Zusammenarbeit mit der Texterin Katrin Diehl konzipiert und ist aktuell in Form von der Decke hängender Fahnen im Foyer des Jüdischen Museums zu sehen.

Wie die Wiesn, oder etwas überhöht, das Bayerischsein und Jüdischsein zusammenpassen, das ist dann aber trotzdem Thema. Visuell zumindest auf einem der Porträtbilder, auf dem man den 76 Jahre alten Roman mit Lederhosn und Kippa lächelnd vor dem Spiegel sieht. Und ansonsten in fast allen autobiografischen, auf einer Bierbank und einem Biertisch ausliegenden Zitat-Texten. "Das Bayerischsein und Jüdischsein ..., das geht doch wunderbar zusammen." Das meint etwa Ischo, den man "im südlichsten Oberbayern" in Tracht neben seiner Frau Ruth sitzen sieht. Auch für den auf einer Wiese liegenden Michi gehören Wiesn und Lederhosen selbstverständlich dazu. Und von Esther, einer ehemaligen Geschäftsführerin, erfährt man, dass sie in ihrem eleganten Trachtenkostüm auch schon in der Synagoge war.

Insgesamt 24 Menschen hat Lydia Bergida fotografiert. Sie alle sind hier lebende oder gebürtige Münchner, sind jüdischen Glaubens und tragen Tracht. Für die Fotografin waren das die Voraussetzungen für ihre Serie, die während der Pandemie aus der angeblich schon früh eines Morgens aufblitzenden Frage heraus entstand: Was ist, wenn das Oktoberfest ausfällt? Das führte zur Idee, Menschen aus ihrem jüdischen Umfeld nach ihrer Beziehung zur Wiesn zu befragen und sie dann eben auch zu porträtieren. Da die Porträtierten zwar oft ihr Bedauern äußern, aber ansonsten ganz allgemein über das Oktoberfest reden, könnte man sagen: Eine Absage der Wiesn hätte es dafür nicht wirklich gebraucht. Und insofern hat die Ausstellung, hat der Titel durchaus auch etwas Konstruiertes.

Aber wie so oft muss eben wohl erst etwas fehlen, damit man darüber nachdenkt. Und in einem unter juedischesmuseum.blog im Internet zu findenden Text von Katrin Diehl gibt es dann auch noch die andere Blickweise, nämlich die: Was die Wiesn ohne Judn wäre. Da erfährt man etwa, dass die vom Vater und Onkel Albert Einsteins geführte "Elektrotechnische Fabrik J. Einstein & Cie" 1886 erstmals ein Wiesn-Zelt elektrisch beleuchtete oder die "Wallachs" ein wichtiges Trachtengeschäft führten. Aber auch: Dass es 1938 ein "Trachtenverbot für Juden" gab. Tatsächlich erzählt auch Ischo im Interview, dass er sich auf der Wiesn "keinen Davidstern" umhängt, weil er "nicht provoziert" und "angepöbelt" werden will. Ist "bayerisch und jüdisch sein" also doch nicht so selbstverständlich? Für die Porträtierten schon, das macht "Judn ohne Wiesn" deutlich. Aber das Zitat von Ischo deutet auch an, dass das leider wohl noch immer nicht alle so sehen.

Judn ohne Wiesn. Begegnungen mit Münchnerinnen und Münchnern in Tracht, bis 18. Okt., Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 16

© SZ vom 16.09.2020

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