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Ausstellung in der Villa Stuck:Was verbindet

Lee Mingwei: The Mending Project

Jeder Faden eine Lebensgeschichte: In "The Mending Project" von Lee Mingwei bleiben die zum Ausbessern mitgebrachten Kleidungsstücke während der gesamten Ausstellungszeit miteinander verbunden.

(Foto: Gropius Bau/Laura Fiorio)

Lee Mingwei beschenkt die Villa Stuck mit Gesten und Ritualen und sucht nach dem Stoff, aus dem die Träume sind

Von Evelyn Vogel

Und mit einem Mal ist da diese sanfte Stimme, die fragt: "Darf ich Ihnen ein Lied schenken?" Ein paar Schritte geht es hinüber ins Musikzimmer, wo man einzeln gebeten wird, Platz zu nehmen. Dann erfüllt der Klang eines Schubert-Liedes den Raum. In diesem Fall ist es die Stimme des lyrischen Soprans von Alessia Schumacher, die mit dem Lied "Du bist die Ruh'" von Frieden und Sehnsucht, von Lust und Schmerz erzählt.

"Sonic Blossom" heißt das performative Kunstwerk, das in einem der schönsten der historischen Räume der Villa Stuck aufgeführt wird. Konzipiert hat es der aus Taiwan stammende, in Paris und New York lebende Künstler Lee Mingwei. Zehn ausgebildete Opernsängerinnen und -sänger tragen täglich abwechselnd zu bestimmten Zeiten eine kleine Auswahl von Schubert-Liedern vor. Ein Lied nur und meist nur für eine Person, die das nicht einfordern kann, sondern wie beschrieben eingeladen werden muss. Ein individuelles, ein sehr persönliches und ein hoch emotionales Moment in einer Ausstellung, die reich an solchen Momenten ist.

Mit "Li, Geschenke und Rituale" feiert Lee Mingwei und mit ihm die Villa Stuck das Schenken und das Empfangen - nicht von herkömmlichen Gaben, sondern von Zeit und Hingabe. Und das in einer Zeit, in der Mitgefühl und Nachsicht, Respekt und Anerkennung kaum mehr für das analoge und noch weniger für das digitale Gegenüber zu existieren scheinen. Diese psychische bis hin zur physischen zwischenmenschlichen Brachialgewalt, die sich in jüngster Zeit breitgemacht hat, schafft einen Nährboden für eine Verrohung im Miteinander, dem gegenüber ein respektvolles Geben und Nehmen fast schon anachronistisch wirkt. Dabei: Gab es zu Beginn der Pandemie nicht so etwas wie eine gesteigerte Rücksichtnahme? Platz lassen, Abstand halten, ein freundliches "Bitte" für den anderen? Lange her, wie es scheint.

Lee Mingwei

Lee Mingwei.

(Foto: Matteo Carcelli)

Da könnte Lee Mingweis Ausstellung ein Zeichen setzen, da sie von Hingabe an die Bedürfnisse jedes Einzelnen erzählt und dem Gebenden wie dem Nehmenden gleichermaßen mit Respekt begegnet. Und Begegnungen finden allenthalben statt. Von den 15 gezeigten Projekten, die sich vom neuen Atelier über die historischen Räume bis hinunter ins Tiefgeschoss ausbreiten, haben zahlreiche einen partizipativen Charakter. Für etliche hat Lee bereits vor Monaten zur Teilnahme aufgerufen wie für "The Mending Project", mit dem er schon auf der Venedig-Biennale 2017 auf sich aufmerksam machte. In der großen Rauminstallation, in der die farbigen Garnspulen an der Wand wie ein abstraktes Bild wirken, werden Kleidungsstücke geflickt, besser gesagt "geheilt". Das Überraschende: Auf beiden Seiten des Tisches sitzen Freiwillige, die sich gegenseitig mit den Stücken verbundene Lebensgeschichten erzählen.

Dieses Erzählen von Lebensgeschichten spielt auch bei "The Living Room" eine Rolle, bei der vordergründig verschiedene Münchner Sammler jeweils eine Woche lang ihre Sammlungen alltäglicher oder seltsamer Dinge präsentieren. Sie selbst werden ebenfalls zeitweilig präsent sein und ihre Geschichten erzählen. Vielsagend auch der Titel der "Fabric of Memory": Geschenkboxen mit Erinnerungsstücken von Museumsbesuchern sind gefüllt mit dem Stoff, aus dem die Träume sind.

Die vielleicht krasseste persönliche Begegnung könnte bei der Arbeit "The Sleeping Project" stattfinden, von der sich Lee durch eine Fahrt im Nachtzug von Paris nach Prag inspirieren ließ. So die Pandemielage es zulässt, sollen in den beiden Betten Besucher mit Museumsmitarbeitern die Nacht verbringen und dabei Erinnerungen und vielleicht auch echte Träume austauschen. Wer je in einem Nachtzug ein Abteil mit völlig Fremden geteilt und die Stunden zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang durchwacht und durchgequatscht hat, braucht die Installation nur anzusehen, damit das Kopfkino losrast wie ein ICE. Leider nicht analog, sondern nur per Zoom und als "Tea For Two" wird "The Dining Projekt" stattfinden. Aber immerhin: Es gibt die 1:1-Gespräche mit Lee. Die Einschränkungen in der Villa Stuck sind derzeit viel geringer als im Berliner Gropius Bau, wo die Ausstellung im vergangenen Jahr gezeigt wurde.

Performativ auch der Charakter des Werks "Our Labyrinth", dessen Reiskörner mehrmals täglich durch Tänzer in verschiedene Formen gekehrt werden. Eine harmonisch fließende Aneignung mit Glöckchengeklingel, die einer Gehmeditation gleicht. Inspiriert ist die Arbeit vom Heer der Freiwilligen in Myanmar, die tagein, tagaus die Shwedagon-Pagode in Rangun kehren - dabei aber so ganz und gar nicht meditativ schwatzen und lachen.

Zu einem Höhepunkt könnte die Performance werden, bei der die Arbeit "Guernica in Sand" - ein riesiges Sandbild nach dem gleichnamigen kriegsanklagenden Gemälde Picassos - fertiggestellt und zugleich zerstört werden wird. Noch ruht das Abbild raumfüllend im obersten Stock des neuen Ateliers. Die letzte unfertige Stelle wird Lee Mingwei Anfang Juli vervollständigen, während gleichzeitig Besucher barfuß über das Bild gehen und es verändern werden. Auch das zeigt ein Verständnis des Künstlers für Geschenke und Rituale, das berührt. Wer mit Respekt gibt, dem wird mit Respekt genommen. Wenn die Besucher mit dieser Erkenntnis aus der Ausstellung gingen, wäre das das schönste Geschenk für Lee Mingwei.

Lee Mingwei: Li, Geschenke und Rituale, Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, bis 12. Sept., Di.-So. 11-18 Uhr, Friday Late (erster Fr. im Monat) 11-22 Uhr; Performance "Guernica In Sand", Sa., 3. Juli, ab 12 Uhr; Schubert-Abend mit Julian Prégardien und Lee Mingwei, Fr., 10. Sept., 19 Uhr

© SZ vom 02.06.2021/van
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