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Ausstellung im Nachbarschaftstreff:Komponierte Bühnenbilder

Mit der Kamera in der Hand: Fotografin Eileen Schäfer hat 30 000 Bilder vom Hirschgartenviertel gemacht

Von Johannes Korsche

Es sind flüchtige Momente eines fragilen Miteinanders, die Eileen Schäfer auf ihren Fotos einfängt. Ein Beispiel: Die Bühne, man muss es so nennen, sind zwei Stockwerke eines dieser modernen Mehrfamilienhäuser, bei denen sich die Balkone wie Auslaufkäfige uniform vor die Wohnungen klemmen. Ein junger Mann, sein T-Shirt spannt sich eng über die trainierte Brust, beugt sich über sein Balkongeländer und blickt nach oben. Seine Nachbarin, ihre blonden Haare zum Dutt zusammengebunden, wiederum beugt sich zum Gespräch nach unten. Es ist nur ein unscheinbarer, alltäglicher Moment, vielleicht nur ein kurzer Austausch, ob man sich beim Einkaufen was mitbringt. Und trotzdem. Auf Schäfers Foto bekommt die Szene etwas Erhabenes: Frau auf einem Balkon, Mann darunter, schwarz-weiß - klar, da kommt einem der Balkon in Verona und "Romeo und Julia" in den Sinn. "O Romeo, Romeo. Warum bist du Romeo?", schmalzte die frischverliebte Julia da einst, zumindest in Shakespeares Fantasie.

Vielleicht liegt diese Assoziation auch an Schäfers Verständnis von Fotografie und ihrem bisherigen künstlerischem Schaffen. Die Fotografie sei, findet sie, dem Theater ja recht nahe. Reiht die 51-Jährige als freie Theaterregisseurin auf der Bühne fortlaufend Bild an Bild, lässt so Szenen entstehen, sei eine Fotoausstellung ja ebenfalls eine Aneinanderreihung von Bildern und Momenten. Etwa 30 000 Fotos hat Schäfer während der vergangenen Corona-Monate geschossen, entstanden sind sie zwischen den Häuserschluchten der Friends Tower, dem Grün des Hirschgartens und dem angenehm schmutzigen Backstage. Auf den Spaziergängen durch ihre Nachbarschaft - Schäfer wohnt selbst im Hirschgartenviertel - hatte sie ihre Kamera immer in der Hand. Nicht um den Hals gehängt, betont sie, um bereit zu sein, "manchmal aus der Hüfte" schnell den Auslöser zu drücken, wenn sie ein Motiv interessierte. Für ihre Streetfotografie sucht Schäfer nach Hintergründen, die wie komponiert aussehen, vor denen sie Münchner im Alltag ablichtet. Die Linien der Architektur, das Licht sollte den Betrachter "in das Bild ziehen", findet sie. Entdeckt sie einen solchen "super Frame", wie sie es nennt, wenn die städtische Kulisse aussieht wie ein komponiertes Bühnenbild, dann hält sie drauf wie ein Fotograf am roten Teppich. So kommen dann von einem Motiv mehrere Fotos zusammen, die sie erst später am Computer sortiert und nur teilweise minimal bearbeitet. Der Charme der Streetfotografie liege schließlich darin, möglichst wenig nachzubearbeiten, die Stadt so zu zeigen, wie sie ist und was sie ausmacht.

Foto-Ausstellung "Hirschgarten-Viertel" von Eileen Schäfer

Etwa 30 000 Fotos hat Schäfer während der vergangenen Corona-Monate geschossen.

(Foto: Eileen Schäfer/oh)

So kam es auch zu dem Foto, das sie als Flyermotiv gewählt hat. Es zeigt den Eingang zur S-Bahnhaltestelle "Hirschgarten". Eine Wand, die mit Graffiti besprüht ist, auf einer Hälfte des Fotos. Die andere dominieren zwei Männer, die nebeneinander, nicht miteinander zur S-Bahn gehen, und dabei die altehrwürdigen Türme der Frauenkirche zwischen ihren Schultern einrahmen. Ja, so ist München. Bisschen großstädtisches Tun, viel Tradition im Hintergrund und dazwischen Münchner, deren Wege häufiger nebeneinander verlaufen, als dass sie sich kreuzten.

Auf solche Momente länger zu warten, sei aber nicht so ihres, sagt Schäfer. "Ich bin nicht so ein geduldiger Mensch." Wie zur vorauseilenden Bestätigung hatte Schäfer zehn Minuten vor Beginn des Interviews bereits angerufen, um sich zu erkundigen, ob man denn schon im vereinbarten Café sei. Man war es nicht, kam aber pünktlich zur heißen Schokolade, die sich Schäfer schon bestellt hatte. Ja, Schäfer wirkt umtriebig. Zum Fotografieren sei sie auch nur gekommen, weil wegen der Corona-Pandemie an den freien Theaterbühnen "gar nichts mehr ging".

Foto-Ausstellung "Hirschgarten-Viertel" von Eileen Schäfer

Die Ausstellung, auch "Living in a bowl" genannt, übersetzt Leben in einer Schüssel oder einem Aquarium.

(Foto: Eileen Schäfer/oh)

Etwas mehr als 50 Fotos sind nun in der Ausstellung "Living in a bowl: Die kühle und lebendige Schönheit des Hirschgartenviertels" im Nachbarschaftstreff Hirschgarten-Quartier zu sehen. Die Auswahl - zur Erinnerung: 50 aus 30 000 - sei ihr sehr schwer gefallen, Freunde haben ihr geholfen. "Ich verliebe mich in meine Bilder", sagt Schäfer. Die Fotos sind nun so ausgewählt, dass der Besucher durch das Viertel spaziert und dabei Momente der großstädtischen Einsamkeit und Versuche beobachtet, dieser zu entfliehen. Die anonyme Vereinzelung - vor allem während der "sozial distanzierten" Corona-Pandemie - sei ihr immer wieder aufgefallen. "Die Architektur macht das." In Neubauvierteln noch viel mehr als in Altbauten, in denen manche Bewohner ja schon seit Jahrzehnten lebten und sich so ein soziales Netz gespannt habe.

Deswegen habe sie die Ausstellung auch "Living in a bowl" genannt, übersetzt also Leben in einer Schüssel oder einem Aquarium. Denn nicht nur der Großstädter lebt in seiner geschlossenen Anonymität, auch das Hirschgartenviertel ist in ihren Augen "so abgegrenzt" zum umliegenden Neuhausen. Als sie selbst aus "Altneuhausen", wie sie die Romanstraße nennt, ins Hirschgartenviertel zog, habe sie sich das Leben im Neubau eigentlich gar nicht vorstellen können. Mit der Ausstellung "will ich zeigen, dass es da ganz toll ist." Keine Autos, Spielplätze vor der Tür und den Hirschgarten in Gehweite und zugleich den Hauptbahnhof in drei S-Bahnstationen. Das sei eigentlich fast wie im Urlaub. Und, wie man auf Eileen Schäfers Foto sieht, für romantische Balkone muss man ohnehin nicht in den Urlaub nach Verona fahren.

Foto-Ausstellung "Hirschgarten-Viertel" von Eileen Schäfer

Der Charme der Straße: Auf der Suche nach dem richtigen "Frame" entdeckt Eileen Schäfer Hintergründe für ein Theaterstück.

(Foto: Eileen Schäfer/oh)

"Living in a bowl: Die kühle und lebendige Schönheit des Hirschgartenviertels"; zu sehen bis Samstag, 17. Oktober, im Nachbarschaftstreff Hirschgarten-Quartier an der Schloßschmidstraße 19. Bei Einhaltung der Corona- und Abstandsregeln ist die Ausstellung mittwochs von 17 bis 19 Uhr und an Sonntagen von 11 bis 15 Uhr zu besuchen. Der Eintritt ist frei.

© SZ vom 26.09.2020

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