Nach dem Zweiten Weltkrieg Wie Haidhausen das Kriegsende feierte

Der Krieg ist auch in Haidhausen vorbei: US-Panzer rollen am 1. Mai 1945 durch die Rosenheimer Straße. Soldaten marschieren in die Kriegsgefangenschaft.

(Foto: Stadtarchiv München - Ausstellung Haidhausen Museum)
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg sind in München 81 000 Wohnungen zerstört, 300 000 Einwohner sind obdachlos, mehr als 6000 Menschen durch Bomben ums Leben gekommen.
  • Am 30. April 1945 besetzt die US-Armee München - eine Ausstellung im Haidhausen-Museum zeigt das Leben im Stadtteil in dieser Zeit.
Von Jakob Wetzel

Als der Krieg endlich zu Ende ist, fließt der Alkohol in Strömen. Am 30. April 1945 hat die US-Armee München besetzt. Auf der Praterinsel und am Johannisplatz in Haidhausen feiern etwa 1000 russische Kriegsgefangene ihre Freiheit, sie versorgen sich in der Schnapsbrennerei Riemerschmid mit Alkohol. Und an der Inneren Wiener Straße plündern Einheimische ein Weinlager: Mehr als 400 Fässer lagern hier, zusätzlich 600 Hektoliter in Betonbehältern. Die Stimmung ist offenbar beschwingt. "Es war nicht möglich, einen nüchternen Menschen zu finden", erinnert sich später der US-Offizier Ernst Langendorf.

Mit Eimern und Töpfen schaffen die Münchner den Wein davon. Die Militärpolizisten der US-Armee lassen sie gewähren, sie haben sich selbst einen Vorrat gesichert. Als Langendorf sie anspricht, sagen sie nur: "Lassen Sie ihnen doch die gute Zeit nach so vielen Jahren Krieg." Es ist Frühjahr 1945, und München ist ein Trümmerfeld. 81 000 Wohnungen sind zerstört, 300 000 der 480 000 Einwohner sind obdachlos, mehr als 6000 Menschen durch Bomben ums Leben gekommen - aber das Leben in der Stadt geht weiter. Wie, das zeigt bis 3. Mai eine Ausstellung im Haidhausen-Museum an der Kirchenstraße.

Zeitzeugen-Aussagen, Zeitungsberichte und Auszüge aus Büchern

Museumsleiter Hermann Wilhelm hat Aussagen von Zeitzeugen zusammengetragen, Aufnahmen des zerstörten Stadtteils, Auszüge aus Zeitungsberichten und Schilderungen aus Büchern. Er zeichnet nach, wie die Einwohner den alliierten Bombenhagel erlebten, sei es am Gasteig, am Johannisplatz oder am Haidhauser Kuglerberg.

Zweiter Weltkrieg "Viele Frauen schwiegen aus Scham oder Angst"
Interview
Sexuelle Gewalt nach Kriegsende 1945

"Viele Frauen schwiegen aus Scham oder Angst"

Auch westalliierte Soldaten vergewaltigten nach Kriegsende 1945 deutsche Frauen. Die Historikerin Miriam Gebhardt schildert, warum die Verbrechen lange ein Tabu waren - und wie drakonisch Täter bestraft wurden.   Interview von Oliver Das Gupta

Er beschreibt auch den Einmarsch der US-Soldaten, und wie ein Ortsgruppenleiter der NSDAP vergeblich versuchte, mit seiner Pistole die weißen Fahnen abzuschießen, die Haidhauser Bürger zum Zeichen der Kapitulation aus ihren Fenstern gehängt hatten. Er erzählt, wie das amerikanische Rote Kreuz ein kleines Soldaten-Freizeitparadies im früheren Bürgerbräukeller schuf, mit Filmvorstellungen, Lesezimmern und Tanzabenden sowie mit Kaffee und Donuts. Er schildert auch, wie die US-Militärregierung versuchte, eine möglichst unbelastete deutsche Zivilverwaltung unter dem Haidhauser Bäckermeister und früheren Münchner OB Karl Scharnagl zu schaffen - und wie sie sich darum bemühte, die Jugend zu "entnazifizieren".

Entnazifizierung im Hofbräukeller

In der Prinzregentenstraße entstand zu diesem Zweck ein "German Youth Activities Center". Bis 1956 koordinierte es Aktionen in ganz Bayern, mit denen die deutschen Jugendlichen, die mit der nationalsozialistischen Ideologie aufgewachsen waren, umerzogen werden sollten. Die Amerikaner bemühten sich um den Alltag: Der größte "GYA Club" befand sich demnach im früheren Hofbräukeller am Wiener Platz, er bot eine Leihbücherei, eine vom Militär mitfinanzierte Kinderklinik und Kurse beispielsweise in Englisch oder auch in der Reparatur von Radios. Es gab "Diskussionen für Naturfreunde" und die "Isidora Duncan Tanzschulen" brachten den Jugendlichen moderne Tänze bei.

Neue Qualifikationen sind gefragt: Nachkriegs-Oberbürgermeister Karl Scharnagl lernt Englisch.

(Foto: Haidhausen-Museum)

Die Jugendlichen aber schätzen vor allem die amerikanische Musik, Dixie, Swing, Blues und Jazz. Mit ihren reparierten Radios hörten viele bald den amerikanischen Militär-Radiosender AFN. Musik-Abende im "GYA Club" im Hofbräukeller waren gut besucht, bald wurden sie über AFN in die ganze US-Zone übertragen. Und für diejenigen, die mit der neuen Zeit trotz aller Mühen der US-Armee ihre Schwierigkeiten hatten, gabes jeden Freitag um 19.15 Uhr Kurse in "Jazz-Verständnis".

Die Ausstellung "Vor 70 Jahren. Als der Krieg zu Ende war" im Haidhausen-Museum an der Kirchenstraße 24 ist bis 3. Mai sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie montags bis mittwochs von 17 bis 19 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

NS-Dokumentationszentrum Eine Stadt muss sich erinnern
NS-Dokuzentrum

Eine Stadt muss sich erinnern

Warum München? Und was geht uns das heute noch an? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue NS-Dokuzentrum, das am 1. Mai eröffnet. Der Ort will mehr sein als nur eine Ausstellung.   Von Jakob Wetzel