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Ausstellung:Ein Maler im Cyberspace

Shannon Finley war begeisterter Gamer. Seine Bilder konstruiert er am Computer, bevor er sie auf die Leinwand überträgt. Eine Ausstellung in Kaufbeuren bringt seine Werke zusammen mit denen Rupprecht Geigers - eine erstaunliche Begegnung

Von Sabine Reithmaier

Ein Kirchenfenster im Gegenlicht, die Sonne erleuchtet das Glas in zarten Rosa- und Grautönen. Die Farben von Shannon Finleys Gemälde "Whisper" verändern sich bei jedem Schritt im Raum, die Prismen scheinen in ständiger Bewegung zu sein. Der kanadische Künstler ist offensichtlich fasziniert von Licht- und Farbphänomenen. Und ist damit Rupprecht Geiger nahe, der sich lebenslang mit der geistigen Kraft Farbe auseinandersetzte. Auch wenn die zwei Maler verschiedenen Generationen angehören, funktioniert die als Dialog kuratierte Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren gut. Finley, 1974 in Ontario geboren und seit 2006 in Berlin lebend, bezeichnet Geiger, den Wegbereiter der konkreten Malerei, auch als einen Maler, dessen Ansätze ihn beeinflusst hätten. Gemeinsam ist den beiden auch die reduzierte Formensprache.

Shannon Finley

Shannon Finleys Werke entstehen in einem komplexen Prozess, bei dem er oft Farbschichten übereinander aufträgt und wieder entfernt.

(Foto: Shannon Finley)

Geiger (1908 - 2009) beschränkte sein Vokabular früh auf Rechteck und Kreis, letzteren auch gern gedrückt, damit nichts Überflüssiges von der Betrachtung der reinen Farbe ablenkt. Finleys Kosmos ist bevölkert von übereinander geschichteten, geometrischen Figuren. Manche erinnern an Kristalle, in denen sich die Farbe bricht. Der Künstler, in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Gamer, konstruiert seine Bilder digital am Computer und überträgt die Zeichnungen dann analog auf die Leinwand. Ein langwieriger Prozess, denn er bringt in manchen Bildern bis zu 40 Farbschichten mit Spachteln auf, kratzt sie mit speziell entwickelten Klingen zum Teil wieder ab. Die sich überlappenden oder schneidenden Dreiecke und Kreise erzeugen eine ungeheure Bewegungsdynamik. Wer versucht, Farben und Formen zu erfassen, gleitet ab, findet sich immer wieder in neuen Räumen. "Ich versuche, vom Statischen der Malerei loszukommen", wird der Künstler im Katalog zitiert.

Obwohl die Arbeiten in ihrer fluoreszierenden Zersplitterung auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, geben manche bei näherer Betrachtung menschenähnliche Figuren frei. Dreiecke formen vage ein Gesicht oder genauer die Ahnung eines Gesichts jenseits einer eindeutigen Identifizierbarkeit. Der "Guardian" wirkt wie das Hologramm eines Menschen, kurz bevor er sich im Cyberspace auflöst. Klar, die Figuren erinnern auch an Computerspiele, wenn Finley durch seine Werktitel den Aspekt des Unterbewussten mitschwingen lässt. Dass er tatsächlich immer Figuren zusammensetzt, verdeutlichen auch die exakten Zeichnungen in den Skizzenbücher.

Finleys Werke sind geprägt von einer unglaublichen Bewegungsdynamik, die aus geometrischen Figuren wächst. Das Bild zeigt sein Werk "Whisper".

(Foto: Walter Storms Galerie)

Manche der in Kaufbeuren gezeigten, großformatigen Arbeiten seien erst für diese Ausstellung entstanden, sagt Kunsthauschef Jan T. Wilms. Finley war in Bayern, sieht man von den Ausstellungen in der Münchner Galerie Walter Storms ab, noch nicht allzu oft zu sehen. Wilms selbst ordnet im Ausstellungskatalog den jungen Maler in historische Zusammenhänge ein, stellt Bezüge zu Paul Klee und Robert Delaunay her, verweist auf dessen Werkgruppe der Fenêtres (Fensterbilder). Eine der Ideen Klees, die sich mit dem Ansatz Finleys deckt, ist der Gedanke, Gemälde langsam, überlegt und schichtweise aufzubauen, sie wachsen und heranreifen zu lassen. "Entsteht vielleicht ein Bildwerk auf einmal?", schrieb Klee 1920, "Nein, es wird Stück für Stück aufgebaut, nicht anders als ein Haus." Die Farbpalette des Kanadiers ist vielfältig, reicht von leuchtenden Farben über tiefe Blau-, Rot- und Grüntöne hin zu fast transparent wirkenden grauen Nuancen. Manchmal entsteht eine mysteriöse Tiefe, die Farbe glänzt wechselweise wie Plastik, Metall oder eben Buntglas.

Für Geiger war Farbe pure Energie. Nichts sollte von ihrer Wahrnehmung ablenken, auch kein Pinselstrich. Daher schuf er von der Mitte der Sechziger an für zwei Jahrzehnte Bilder mittels einer Luftdruckspritzpistole. In Kaufbeuren ist Geiger mit Gemälden, Siebdrucken und Zeichnungen aus fast allen Schaffensphasen vertreten. Manches davon war noch nie zu sehen. Sehr amüsant ist die Serie aus dem Werkkomplex "Metapher Zahl", in der Geiger die Zahlen von 0 bis 9 mit Rechtecken, Kreisen und Quadraten interpretiert.

Rupprecht Geiger, Shannon Finley: Licht - Farbe - Raum, bis 31. 10., Kunsthaus Kaufbeuren

© SZ vom 10.06.2021
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