Ausstellung Die Rätselhafte

Frida Kahlo machte sich in ihren Werken selbst zum Thema. Die Malerin Monika Kaiblinger näherte sich der Mexikanerin ebenfalls in Porträts.

(Foto: privat)

Die Malerin Monika Kaiblinger zeigt in der Galerie Edition Camos Frida-Kahlo-Porträts

Von Jutta Czeguhn

Frida Kahlo geht immer. Wenn große Werkschauen der mexikanischen Künstlerin zu sehen sind, nehmen die Leute drei Stunden Wartezeit ohne Murren in Kauf, bei Sotheby's gibt es absurd hohe Gebote, wenn Kahlo-Briefe unter den Hammer kommen. Als Poster- und Postkarten-Girl lässt sie die Kassen der Museumsshops klingeln, Hollywood hat ihr Leben verfilmt, Modehäuser schicken ihre Mannequins mit zusammengewachsenen Frida-Augenbrauen und abenteuerlichen Zopffrisuren auf den Laufsteg. Kurz: Kahlo ist eine Ikone, die man gnadenlos über die Grenze ins Reich des Kitsches getrieben hat, womöglich nicht ganz ohne ihr Zutun. Eine frühe Meisterin des Selfies.

Monika Kaiblinger hat sich in dieses Kahlo-Universum mit Leidenschaft hineingeworfen. "Kitsch?", sagt sie erstaunt, "nein, Frida Kahlos Malerei ist grausam, so gruselig, dass man sie sich nicht unbedingt Zuhause aufhängen würde". Die Münchnerin Malerin, Jahrgang 54, stellt derzeit in der kleinen Neuhauser Galerie Edition Camos eine Serie großformatiger Kahlo-Porträts aus. Was schon deswegen reizvoll ist, weil Kahlo selbst ihren Körper und ihr Leben zur Kunstfigur stilisiert hat. Als exotische Schmerzensfrau im Stahlkorsett. "Ohne Leid keine Stärke", sagt Kaiblinger, die sich exakt von jener Melange aus Tragik und Schönheit, aus Stärke und Verletzlichkeit zur mexikanischen Nationalheiligen hingezogen fühlt.

Vor ein paar Jahren wagte sich Kaiblinger an eine andere Allgegenwärtige, an Marilyn Monroe. Auch bei ihr schimmert die Versehrtheit durch die glamouröse Fassade. Jedenfalls für jene, die genau hinschauen, wie die große amerikanische Autorin Joyce Carol Oates, deren Buch "Blond" Anstoß für Monika Kaiblingers Monroe-Bilder war. Eine der Arbeiten, benannt nach der Fotoserie "The Last Sitting" von Bert Stern, zeigt die Schauspielerin mit einer hässlichen Bauchnarbe. "Die Galle. Zwei Wochen, nachdem ich das Bild gemalt hatte, lag ich selbst wegen einer Gallen-OP im Krankenhaus", erzählt die Künstlerin, die für ihre Porträts Fotografien als Vorlage benutzt. Kaiblinger hat in München Malerei studiert. Die eigene Befindlichkeit sei stets Ausgangspunkt ihrer Arbeiten, die oft Frauen mit einer sehr präsenten, ausdrucksstarken Körperlichkeit als Sujet haben. Denn Kaiblinger zweites Lebensthema ist der Tanz. Vor mehr als 25 Jahren hat sie in München das "Zentrum für Orientalischen Tanz" gegründet. Hier schlägt sie im Gespräch wieder den Bogen zur Folklore, zum Exotischen, das Frida Kahlo, diese Tochter eines Pforzheimers und einer Mexikanerin, konsequent inszeniert hat.

Sieben Kahlo-Porträts einer Neuner-Serie kann der Galerist und passionierte Mexiko-Reisende Walter Zettl zeigen. Die Gemälde sind raumgreifend, fast schon übermächtig auf den 40 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Doch Zettl und seine philippinische Frau Josephine Espiritu-Zettl sind da furchtlos. In den sechs Jahren seit Eröffnung der auf Fotografie spezialisierten Galerie hat es über 40 Ausstellungen gegeben. Da sei einiges Monumentale dabei gewesen, sagt Zettl, der kein Problem damit hat, auch mal nur zwei Werke eines Künstlers in seinen drei Wänden plus Schaufensterauslage zu präsentieren.

Monika Kaiblingers Auseinandersetzung mit Frida Kahlo ist von erwartbar explosiver Farbigkeit. Im Zentrum residiert Kahlo selbst wie eine stille, unnahbare Madonna, umgeben von einer Corona aus Hinter- und Vordergründen, in denen eine Menge los ist. Kenner der Biografie - wer ist das nicht - werden die Symbolik rasch entschlüsseln: Ein Kind am Bildrand, Blumen im Haar wie Frida, erzählt von den gescheiterten Schwangerschaften, geschuldet der Lebenskatastrophe, dem Busunfall, bei dem sie von Eisenstangen aufgespießt wurde. Kahlos Körper ein einziges Wundmal: die Vagina durchbohrt, das Becken zerschmettert, das rechte Bein war elfmal gebrochen, die Wirbelsäule verletzt. Auf einem Gemälde sind die Eisenstangen zu sehen, ein anders zeigt Frida spöttisch lauernd mit Revolver in der Hand. Wem ist die Kugel zugedacht? Ihrem Ehemann, dem dickwanstigen, glupschäugigen Malerkollegen Diego Rivera, der zahllose Affären hatte, der Kahlo sogar mit ihrer jüngeren Schwester betrog?

Monika Kaiblinger kann es gut aushalten, wenn man ihr vorsichtig damit kommt, dass ihre Malerei schon enorm dekorativ sei. Dann verweist sie auf Henri Matisse, der sich einen Dreck um solche Vorhaltungen scherte und sagt: "Wer behauptet, Kunst darf nicht dekorativ sein, der redet Schmarrn! Ich male grundsätzlich das, was mir gefällt." Schön sei, wenn sich die Energie, die sie in eine Arbeit lege, auf den Betrachter übertrage.

In der kleinen Neuhauser Galerie gibt es da noch einen anderen dialogischen Prozess, eine mexikanische Liaison über Bande quasi. Denn Walter Zettl stellt den saftig leuchtenden Kahlo-Porträts Schwarz-Weiß-Fotografien von Mauricio de la Vega an die Seite - oder gegenüber. Zettl hat de la Vega vor Jahren auf einer seiner Reisen für sich entdeckt, mittlerweile gilt er als einer der wichtigsten mexikanischen Fotografen der jungen Generation. Mauricio de la Vega ist ein leiser Dialogpartner, der mexikanische Landschaften in sanften Lichtstimmungen einfängt. Noch zurückhaltender sind seine Pflanzen-Stillleben, die Walter Zettl an die Arbeiten des großen amerikanischen Fotografen Edward Weston erinnern. Scheinbar distanziert arrangiert, entfalten die Orchideenblüten und Agaven-Spitzen eine ganz eigene Erotik, tragen sie etwas vom Wesen der Frida Kahlo in sich, die trotz aller Selbstoffenbarung ein großes Rätsel geblieben ist.

Die Schau "Hommage an Frida Kahlo und ihre Zeit" mit Werken von Monika Kaiblinger und Mauricio de la Vega läuft bis zum 13. August in der Galerie Edition Camos, Aldringenstraße 1 a, Dienstag bis Freitag, 14 bis 18.30 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr.